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„Unser Leitmotiv ist: Testen, bevor man investiert.“
Künstliche Intelligenz verspricht Effizienzgewinne, neue Geschäftsmodelle und Wettbewerbsvorteile – bringt aber zugleich viele Fragen mit sich. Wie gut sind Unternehmen in Brandenburg aufgestellt? Wo liegen typische Hürden? Und wie können besonders kleine und mittlere Betriebe sinnvoll einsteigen? Darüber haben wir mit Lasse Kohlmeyer vom KI-Servicezentrum Berlin-Brandenburg gesprochen.
FORUM: Herr Kohlmeyer, wie schätzen Sie den aktuellen Stand der KI-Nutzung bei Unternehmen in Brandenburg ein?
LASSE KOHLMEYER: Die Unternehmen sind sehr unterschiedlich aufgestellt. Viele haben inzwischen erste Berührungspunkte mit KI, häufig über öffentlich oder kommerziell verfügbare Sprachmodelle wie ChatGPT, Copilot, Gemini oder Claude. Oft passiert das allerdings informell. Das bedeutet, Mitarbeiter nutzen KI-Tools privat oder auf eigene Initiative während der Arbeit. Hierbei handelt es sich um eine Art „Schattennutzung“, die Unternehmen oder Organisationen jedoch vermeiden sollten, weil eine solche Nutzung ohne klare Regeln, ohne Datenschutzkonzept und ohne strategische Einbettung geschieht. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die deutlich strukturierter vorgehen. Sie haben interne Leitlinien, haben erlaubte Tools bestimmt und erste Anwendungsfälle getestet. Das betrifft aber nach unserer Einschätzung nur etwa fünf bis zehn Prozent der Betriebe.
FORUM: Wie sieht es mit einer souveränen KI-Nutzung aus, also DSGVO-konform und unabhängig von großen US-Anbietern?
KOHLMEYER: Die ist bislang noch die Ausnahme. Die meisten Unternehmen, die KI einsetzen, nutzen zwangsläufig große U.S. Cloud-Anbieter wie Open AI, Microsoft Azure, AWS usw. Eigene KI Lösungen, selbst betriebene Open Source Modelle oder unternehmensspezifische Chatbots auf eigener Infrastruktur sind selten. Das liegt nicht an mangelndem Interesse, sondern an den hohen Einstiegshürden: fehlende Rechenressourcen, fehlendes Fachwissen und Unsicherheit bei rechtlichen Fragen. Dabei darf man nicht vergessen: KI ist mehr als nur große Sprachmodelle. In klassischen Bereichen wie bei maschinellem Lernen oder dem Deep Learning, einem Teilbereich des maschinellen Lernens, arbeiten manche Unternehmen durchaus schon seit Jahren mit KI. Beispiele sind etwa in der Qualitätssicherung, in der Bildverarbeitung oder bei Prognosemodellen. Häufig gehört das dann aber direkt zum Kerngeschäft.
FORUM: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
KOHLMEYER: Ein gutes Beispiel sind Zulieferer im Bereich des öffentlichen Personennahverkehrs. Einige Unternehmen entwickeln Modelle zur Auslastungsschätzung von Zügen oder Bahnsteigen, wie man sie etwa aus dem Berliner S-Bahn-Netz kennt.
FORUM: An wen richtet sich das KI-Servicezentrum Berlin-Brandenburg konkret?
KOHLMEYER: Unser Fokus liegt auf kleinen und mittelständischen Unternehmen. Gleichzeitig sind wir offen für andere Organisationen aus Wirtschaft und Gesellschaft. Die zentrale Aufgabe des KI-Servicezentrums ist es, Barrieren abzubauen und KI nutzbar zu machen. Unternehmen stehen oft vor zwei großen Hürden: erstens dem fehlenden Zugang zu Rechenressourcen, zweitens Wissens- und Kompetenzlücken. Beides gehen wir gezielt an. Wir stellen kostenfrei Rechenkapazitäten zur Verfügung und bieten Workshops, Schulungen und individualisierte Unterstützungsangebote an. Unser Ansatz ist sehr praxisorientiert.
FORUM: Ein Kernangebot sind Pilotprojekte. Was steckt dahinter?
KOHLMEYER: Pilotprojekte sind Vorhaben mit einer Laufzeit von etwa zwei bis drei Monaten. Unternehmen können sich quartalsweise dafür bewerben. Gemeinsam entwickeln wir dann einen funktionsfähigen Prototypen für eine KI-Anwendung im Betrieb. Ziel ist, dass er anschließend vom Unternehmen eigenständig weitergeführt wird. Die Entwicklung des Prototypen wird öffentlich dokumentiert und die Ergebnisse sind entsprechend auch für andere Betriebe zugänglich. Unternehmen spielen hier ihre eigenen Daten übrigens erst ein, wenn sie das Produkt weiter ohne uns ausbauen. Wichtig ist uns dabei: Es geht um einen tragfähigen Einstieg. Der Prototyp soll zeigen, was möglich ist, welche Daten für die geplante KI-Anwendung notwendig sind und welches Know-how aufgebaut werden muss. Gleichzeitig entstehen Lösungen, von denen auch andere Unternehmen in der Branche profitieren können.
FORUM: Wie sieht es mit den nötigen Rechenressourcen aus?
KOHLMEYER: Wir verstehen uns ausdrücklich nicht als Ersatz für kommerzielle Cloud Anbieter. Unser Leitmotiv ist: „Testen, bevor man investiert.“ Wer ernsthaft KI im großen Maßstab einsetzen will, muss später ohnehin auf andere Infrastrukturen zurückgreifen. Aber niemand sollte mehrere hunderttausend Euro investieren, ohne vorher zu wissen, ob der eigene Anwendungsfall überhaupt funktioniert. Die drei anderen vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten KI Servicezentren gehen teilweise weiter und bieten auch dauerhaftes Hosting an. Bei uns liegt der Schwerpunkt hingegen auf Erprobung, Qualifizierung und Wissenstransfer.
FORUM: Welche technischen Ressourcen stehen dafür zur Verfügung?
KOHLMEYER: Unser Rechenzentrum ist bewusst heterogen aufgebaut. Klassische Rechenzentren sind meist sehr homogen – ein Hardwaretyp für alles. Für uns als Forschungs- und Transferzentrum wäre das ungeeignet. Bei uns können unterschiedliche Hardwarekonzepte getestet werden. Unternehmen können so sehen, welche Dimensionierung sie tatsächlich benötigen.
FORUM: Warum ist es wichtig, sich jetzt mit KI zu beschäftigen?
KOHLMEYER: Die technologische Entwicklung schreitet enorm schnell voran. Den Kern von gegenwärtigen KI-Modellen bildet in der Regel ein sogenanntes Transformer-Modell. Transformer-Modelle sind in der Lage, beliebige Sequenzen in andere Sequenzen zu transformieren – Text in Text, Text in Bild, Text in Audio, Text in Video. Dadurch lassen sich inzwischen ganze Programmcodes, Apps und komplexe Workflows erzeugen. Wer die dahinterstehenden Logiken nicht versteht oder ignoriert, riskiert langfristig einen Wettbewerbsnachteil. Die entscheidende Frage für Unternehmen lautet: Welche Prozesse, Dokumente oder Abläufe lassen sich als „Sequenzen“ begreifen und möglicherweise automatisieren?
FORUM: Wo sehen Sie konkrete Chancen für den Mittelstand?
KOHLMEYER: Die größten Potenziale liegen oft nicht in spektakulären Anwendungen, sondern im Alltag. Informationsaufbereitung ist ein großes Thema. Viele Unternehmen haben einen Digitalisierungsrückstau: Dokumente sind vorhanden, aber nur zeitintensiv auffindbar. KI gestützte Such und Assistenzsysteme können hier enorme Zeitersparnisse bringen. Ein zweiter sehr häufiger Anwendungsfall ist die Protokollerstellung. Von automatischen Transkripten bis hin zu strukturierten Zusammenfassungen lässt sich hier viel Arbeit abnehmen.
FORUM: Haben Sie Beispiele aus Ihren Projekten?
KOHLMEYER: Ein Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit der Digitalagentur Brandenburg. Gemeinsam haben wir ein Tool entwickelt, das schwer verständliche Verwaltungstexte in Leichte Sprache übersetzt – als ersten Arbeitsentwurf für Kommunen, die durch den European Accessibility Act verpflichtet sind, ihre digitalen Dienste und Inhalte barrierefrei anzubieten. Damit können die Mitarbeiter leichter ihre Inhalte barrierefrei anpassen. Ein weiteres Projekt stammt aus der Modebranche. Ein Start-up arbeitet daran, mithilfe von KI Upcycling-Vorschläge für Kleidungsstücke zu entwickeln, die wegen kleiner Mängel sonst entsorgt würden. Ziel ist es, automatisiert neue Nutzungsideen und perspektivisch sogar Schnittmuster zu erzeugen. Aus einem Foto eines echten Kleidungsstücks soll eine Idee für eine Umgestaltung generiert werden, sodass zum Beispiel aus einer Jacke eine Weste wird – mit passendem Schnittmuster.
FORUM: Welche weiteren Angebote planen Sie?
KOHLMEYER: Wir bauen unsere Workshops kontinuierlich aus, etwa zur Videodurchsuchung. Hier sollen Nutzer in einem Video schnell zur richtigen Stelle gelangen, wenn sie einen bestimmten Inhalt aus dem Video benötigen. Außerdem haben wir einen Workshop zum Thema „Verstärkendes Lernen“. Hier geht es darum, wie KI-Modelle Feedback gezielt nutzen können, um besser zu werden. Genau solche Verfahren nutzen auch große Anbieter. Wir wollen sie nachvollziehbar und zugänglich machen.
FORUM: Wie können Unternehmen mit Ihnen in Kontakt treten?
KOHLMEYER: Über unsere Website bzw. Offene Sprechstunde. Alle zwei Wochen bieten wir einen offenen Erstkontakttermin an. In dieser Runde stellen wir unser Angebot vor, beantworten Fragen und vermitteln anschließend vertiefende Einzelgespräche. Der Einstieg ist bewusst niedrigschwellig.
Es fragte Katharina Wieske.
Zur Person: Lasse Kohlmeyer ist Projektleiter und hat Studienabschlüsse in Informatik, Kreativem Schreiben & Kulturjournalismus sowie Data Engineering. Nach mehrjähriger Tätigkeit als IT-Berater mit Schwerpunkt Softwareund Data Engineering übernahm er 2023 die Leitung des KI-Servicezentrums Berlin-Brandenburg am Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering gGmbH. Das KI-Servicezentrum verfolgt die Mission, Barrieren für die eigenständige Entwicklung von KI-Anwendungen in Wirtschaft und Gesellschaft zu reduzieren. Dazu bietet es Infrastruktur, Weiterbildungsangebote und Beratungsleistungen an, um organisationsformunabhängig zu unterstützen: beim Training von KI-Modellen, beim Ausprobieren und Verstehen von KI-Anwendungen, bei Hardwarebeschaffungsfragen und bei der Umsetzung konkreter KI-Anwendungsfälle. Weitere Informationen finden sich auf der Website des Zentrums.
Kontakt
Jens Jankowsky
Referent Innovation/Energie
Geschäftsbereich Wirtschaftspolitik
