FORUM - Das Wirtschaftsmagazin
Nr. 7127532
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Eindrücke vom Hansetag Mitte Juni in Stargard.
Bei den Nachbarn

Hansetag Stargard öffnet Tore

Tore neuer Möglichkeiten – das war das Motto des Hansetags, zu dem vom 11. bis 14. Juni nach Stargard in die Woiwodschaft Westpommern eingeladen wurde, etwa eine Autostunde vom Nordostzipfel Brandenburgs entfernt. Zu dem viertägigen Event gehörte neben Kulturveranstaltungen insbesondere ein Business-Forum, das Begegnungen und Kontakte von Unternehmen und Wirtschaftsinstitutionen ermöglichte. Teil des Programms war auch eine Tour durch Stargarder Gewerbegebiete.
„Stargard ist, was die wirtschaftliche Entwicklung in der Region Stettin angeht, der stärkste Motor“, erklärt Aleksander Buwelski, der bei der IHK Ostbrandenburg als Klimaberater im länderübergreifenden Projekt POLSMA mitwirkt. Allein in den Industrieparks seien 7.000 Jobs entstanden.
Der Stargardzki Park Przemysłowy (Stargarder Industriepark) umfasst 150 Hektar im Nordwesten der Stadt und beherbergt Unternehmen aus verschiedenen Produktions- und Dienstleistungsbranchen. Hinzu kommt der deutlich größere Park Przemysłowy Nowoczesnych Technologii (Industriepark für moderne Technologien) im Süden, der mit 850 Hektar zu den größten Industriegebieten Nordwestpolens zählt. Dank seiner Lage hat sich Stargard zu einem wichtigen Industrie- und Logistikzentrum entwickelt.
Aleksander Buwelski konstatiert ein Umdenken, was die Wahrnehmung Polens in Deutschland angeht. „Vor einigen Jahren noch dachten die meisten dabei an Zulieferbetriebe“, sagt er. Das niedrigere Lohnniveau galt als ein wesentlicher Vorteil. Das hat sich heute komplett geändert.
Die Einkommen sind deutlich gestiegen, damit auch die Kaufkraft. Anders als in Deutschland wächst die Wirtschaft östlich von Oder und Neiße kräftig. Die polnischen Unternehmen investieren in neue Technologien, der Staat steckt viel Geld in die Modernisierung der Infrastruktur. „Polen ist für deutsche Unternehmen vor allem als Absatzmarkt wichtig geworden“, resümiert Buwelski. Die Exporte dorthin übertreffen inzwischen die nach China oder Italien.

Enge Zusammenarbeit wichtig

Umso wichtiger ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Unternehmen beiderseits der Grenze. Veranstaltungen wie der Hansetag in Stargard sind dafür eine Gelegenheit. Die Sprachbarriere ist für Gäste aus dem Westen überwindbar. Zwar sind Deutschkenntnisse wenig verbreitet, aber mit Englisch als gemeinsamer Sprache ist eine Verständigung praktisch überall möglich. Und bei den Vorträgen auf dem hochkarätig besetzten Business-Forum in Stargard konnten die Gäste auch wichtige Entscheider etwa aus der Hauptstadt Warschau kennenlernen.

Großes Interesse an Kooperationen

Ein Mittel zur Verbesserung der Zusammenarbeit im Grenzgebiet ist das Projekt POLSMA (Pomerania lives sustainable management). Beteiligt sind auf polnischer Seite die Wirtschaftskammer Nord, die Westpommersche Universität für Technologie und der Verband Polnischer Elektroingenieure, alle drei angesiedelt in Stettin, sowie auf deutscher Seite die Industrie- und Handelskammern Ostbrandenburg und Neubrandenburg sowie die IHK Projektgesellschaft mbH.
„Ziel ist es, kleine und mittlere Unternehmen beim Green New Deal zu unterstützen“, sagt Aleksander Buwelski. In Polen werde die Energiewende inzwischen überwiegend als Chance und Innovationstreiber gesehen. Das Interesse an den damit verbundenen Technologien sei sehr groß. POLSMA betreut Unternehmen beiderseits der Grenze unter anderem durch Klimalotsen und unterstützt sie dabei, ihre Klimabilanz zu erstellen.
Ein starkes Interesse an Kooperation mit Deutschland sieht Paweł Kwiatkowski, Mitglied der Geschäftsführung der Auslandshandelskammer (AHK) Polen in Warschau, in dem Nachbarland. „Polen setzt vor allem auf innovative Produkte und Dienstleistungen, und hier ist insbesondere der Technologietransfer aus Deutschland und die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen gefragt“, sagt er. Niedrige Kosten für Energie und Löhne seien dagegen bei Investitionen im östlichen Nachbarland nicht mehr ausschlaggebend, bekräftigt er.

Zuversichtliche Prognosen

In Polen seien vermehrt Investitionen in Digitalisierung, Energie, Infrastruktur und Wissenschaft sowie Sicherheit und Verteidigung gefragt. Dabei biete Polen grundsätzlich besonders günstige Voraussetzungen: eine zentrale geografische Lage, gut ausgebaute Infrastruktur, Zugang zu EU-Märkten sowie hochqualifizierte und motivierte Fachkräfte. Ein wichtiger Vorteil Polens, so Kwiatkowski, sei seine wirtschaftliche Dynamik mit einem Wachstum von 3,5 Prozent im laufenden Jahr. Auch die Prognosen für 2027 stimmten zuversichtlich.
„Als sechsgrößte Volkswirtschaft der EU und wichtigster Handelspartner Deutschlands in Mittel- und Osteuropa entwickelt sich Polen zu einem zentralen Standort für Produktion, Technologie und Dienstleistungen“, führt er aus. Die AHK Polen beobachte ein verstärktes Interesse seitens deutscher Unternehmen am Absatz in Polen. Gefragt sei oft der Vertriebsaufbau, entweder durch die Gründung einer neuen Gesellschaft mit eigenem Personal oder durch die Kooperation mit einem einheimischen Vertriebspartner. Die Verlagerung der Produktion rücke dagegen eher in den Hintergrund.
Im Land Brandenburg gebe es eine Reihe von Branchen, die in Polen gefragte Produkte und Dienstleistungen anböten, so Paweł Kwiatkowski. An erster Stelle nennt er den Bereich Energietechnik und Clean Technologies, mit Schwerpunkt bei Wind- und Solarenergie, gefolgt von der Automobil- und Zulieferindustrie, insbesondere im Bereich E-Mobilität. Auch Betriebe der Luft- und Raumfahrttechnik seien inzwischen gefragt.
Das ist ein „tolles Beispiel – wer hätte noch vor 15 bis 20 Jahren gedacht, Polen könnte ein Partner für dieses Thema sein?“, so Kwiatkowski. Ein stark wachsendes Cluster sei zudem der Bereich Gesundheitswirtschaft und Life Sciences, zu dem auch etwa die Medizintechnik und die Biotechnologie zählten, außerdem die Logistik, die Metall- und Kunststoffindustrie sowie der Sektor der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

Engagement birgt auch Risiken

Für Brandenburger Unternehmen birgt das Engagement jenseits der Grenze aber auch Risiken. Besonders steuerliche und rechtliche Aspekte sind vorab zu klären, so Paweł Kwiatkowski. „Die AHK Polen bietet hier einen umfangreichen Service an“, erklärt er. Zudem sei zu beachten, dass es auf dem polnischen Markt nicht an Konkurrenz fehle. Für einen erfolgreichen Markteintritt sei daher eine genaue Marktanalyse notwendig, bei der auch regionale Unterschiede berücksichtigt werden müssten.
Hinsichtlich der Kaufkraft, Immobilienpreise, Gehälter und der Verfügbarkeit von Fachkräften gebe es große Differenzen zwischen den verschiedenen Regionen innerhalb des Landes. „Die AHK Polen kann auch eine Standortberatung anbieten“, wirbt Paweł Kwiatkowski. Im Rahmen eines One-Stop-Shop-Verfahrens würde den Brandenburger Unternehmen dabei geholfen, neue Absatz- und Beschaffungsmöglichkeiten zu identifizieren.
Bei der Suche nach Geschäftspartnern im östlichen Nachbarland können auch die örtlichen Industrie- und Handelskammern helfen, sagt Aleksander Buwelski von der IHK Ostbrandenburg. Sie informieren zum Beispiel über wichtige Messen in Polen und vermitteln auch den Kontakt zu weiteren hilfreichen Netzwerken. Dazu gehört zum Beispiel Germany Trade & Invest (GTAI), die Außenwirtschaftsagentur des Bundes, die Verbindungsbüros in Polen unterhält.

Nächster Hansetag in Braunschweig

Für die Unternehmen der Grenzregion zwischen Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und der Woiwodschaft Westpommern spielt auch das Informations- und Beratungsnetzwerk (IBN) eine große Rolle. Es ist ein grenzübergreifendes Kooperationsvorhaben, das aus Mitteln der Europäischen Union im Rahmen des Kooperationsprogramms Interreg VI A Mecklenburg-Vorpommern / Brandenburg / Polska 2021–2027 kofinanziert wird. Ziel ist es, vielfältigen interkulturellen, rechtlichen und administrativen Herausforderungen zu begegnen. Der Fokus liegt auf der Unterstützung von Unternehmen, Institutionen und Einwohnern bei der Bewältigung von Barrieren im grenzüberschreitenden Austausch.
In diesem Jahr bot der Internationale Hansetag einen guten Rahmen, um Kontakte zu knüpfen – nicht nur nach Polen übrigens, denn die Teilnehmer kamen aus einer Vielzahl von Ländern und Regionen im Ostseeraum. 2025 fand der Hansetag im schwedischen Visby statt, 2024 in Danzig. Im kommenden Jahr wird nach Braunschweig eingeladen. Der Internationale Hansetag nimmt Bezug auf den historischen Städtebund der Hanse, der in seiner Hochzeit vom 14. bis zum 17. Jahrhundert regelmäßig Hansetage in den beteiligten Städten durchführte.
FORUM/Autor: Brandenburg Media / Ulrich Nettelstroth
Mehr Informationen zu POLSMA, dem Informations- und Beratungsnetzwerk (IBN), der AHK Polen und der German Trade and Invest (GTAI) finden Sie auf den Webseiten.

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