Pressemitteilung

Mehr Langstreckenflüge = mehr Wirtschaftswachstum, mehr Bürokratie = weniger Wachstum: IHK-Studie zeigt acht Hebel für gezielte Standortpolitik

Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen hat exklusiv für die IHK Berlin acht wirtschaftspolitische Hebel für mehr Wirtschaftswachstum untersucht. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass beispielsweise eine schnellere Besetzung von freien Arbeitsplätzen durch Verbesserung der Vermittlungsaktivitäten das Bruttoinlandsprodukt Berlins um mehr als vier Milliarden Euro erhöhen würde. Ähnlich positive Effekte hätten auch mehr Langstreckenflüge für die Hauptstadtregion und eine Reduzierung der Zeit, die Unternehmen auf bürokratischen Erfüllungsaufwand verwenden müssen. Die Ergebnisse der Studie „Strategie für eine starke Wirtschaftsmetropole“ wurden heute beim Zukunftsforum der IHK Berlin vorgestellt.
Sebastian Stietzel, Präsident IHK Berlin: „Erstmals sehen wir schwarz auf weiß, welche Effekte die richtigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für die gesamte Stadt haben. Wir reden hier von Hebeln, die Milliarden an Bruttowertschöpfung entfalten und damit die Zukunftsfähigkeit Berlins stärken können. Unsere Studie liefert eine belastbare Grundlage für politische Entscheidungen in der nächsten Legislaturperiode.“
Für die Studie hat das IAW Tübingen acht Hebel bzw. Zielzustände unter dem Aspekt Auswirkung auf Bruttowertschöpfung und Arbeitsmarkt untersucht. Folgende Zielzustände standen im Fokus:
  • Reduzierung der Vakanzzeiten bei unbesetzten Stellen um zehn Prozent
  • Erhöhung der Deep-Tech-Venture-Capital-Investitionen in Berlin von rund 461 Mio. Euro (2025) auf das Pariser Niveau von 2,7 Mrd. Euro.
  • Halbierung der landesseitig verursachten Bürokratie-Belastung der Unternehmen
  • Zusätzlicher Wohnungsbau - 20.000 zusätzliche Neubauwohnungen
  • Halbierung der Stauzeiten im Berliner Wirtschaftsverkehr.
  • Sieben zusätzliche Langstreckendestinationen am BER
  • Halbierung der Anzahl der Schulabgänger, die jedes Jahr in den Übergangsbereich statt in Ausbildung wechseln
  • Anstieg der Zuwanderung internationaler Fachkräfte um 20 %.
Die Ergebnisse im Überblick:

Szenario und Zielzustand
langfristiger Effekt auf Wertschöpfung und Beschäftigung
Realistischer Zeithorizont
Deep Tech VC: Anstieg von 461 Mio. auf 2,7 Mrd. Euro
ca. 6,3 Mrd. Euro / +3,4 %,
ca. 49.200 Beschäftigte
langfristig (> 10 Jahre)
Ausbildung: mehr direkte Übergänge und Halbierung des Anteils ohne Berufsabschluss
ca. 0,9 Mrd. Euro/ +0,5 %,
ca. 20.400 Beschäftigte
Teilziele kurzfristig (bis 2 Jahre), voller Effekt langfristig (>10 Jahre)
Arbeitsmarktfriktionen: Verringern der Vakanzzeit um 10 %
ca. 4,13 Mrd. Euro / +2,2 %,
ca. 43.000 Beschäftigte
mittel- bis langfristig (5-10 Jahre)
Zuwanderung: 39.000 zusätzliche internationale Fachkräfte
ca. 1,86 Mrd. Euro / +1,0 %,
ca. 46.000 Beschäftigte
mittel- bis langfristig (5-10 Jahre)
Wohnraum: 20.000 zusätzliche Wohnungen
ca. 1,30 Mrd. Euro / +0,69 %,
ca. 11.500 Beschäftigte
mittel- bis langfristig (5-10 Jahre)
Stauzeiten: Halbierung der zusätzlichen Verzögerung
ca. 1,33 Mrd. Euro / +0,71 %,
ca. 12.100 Beschäftigte
mittel- bis langfristig (5-10 Jahre)
Langstreckenverbindungen: sieben zusätzliche Direktverbindungen
ca. 3,22 Mrd. Euro / 1,7 %,
ca. 21.200 Beschäftigte
mittelfristig (2-5 Jahre)
Bürokratie: Halbierung der von Berlin beeinflussbaren Belastung
Ca. 1,1 Mrd. Euro / +0,59%
ca. 3.000 Beschäftigte
mittel- bis langfristig (5-10 Jahre)

Milliardenpotenziale für Berlin
Besonders deutlich werden die wirtschaftlichen Chancen bei den Hebeln, die bei Innovation, Arbeitsmarkt und internationaler Vernetzung ansetzen.
So weist die Studie den größten langfristigen Effekt bei einer deutlichen Steigerung der Deep-Tech-Investitionen aus. Gelingt es, das Investitionsniveau Berlins auf das heutige Niveau von Paris anzuheben, könnte die Berliner Wirtschaftsleistung langfristig um rund 6,3 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Gleichzeitig würden mehr als 49.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.
Auch ein besser funktionierender Arbeitsmarkt zeigt erhebliche Wirkungen. Aktuell dauert es im Schnitt fast vier Monate, bis eine freie Stelle besetzt werden kann. Eine schnellere Vermittlung in Arbeit (=Verringerung der Vakanzzeiten um zehn Prozent) würde die jährliche Wirtschaftsleistung um rund 4,1 Milliarden Euro erhöhen und etwa 43.000 zusätzliche Beschäftigte ermöglichen. Ein mittelständischer Bauunternehmer gewinnt so beispielsweise zusätzliche neun Wochen Arbeitszeit im Jahr.
Ein weiterer zentraler Hebel ist die internationale Anbindung Berlins. Sieben zusätzliche Langstreckenverbindungen am BER würden nach den Berechnungen des IAW jährlich rund 3,2 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung schaffen und mehr als 21.000 Arbeitsplätze ermöglichen.

Wachstum braucht Fachkräfte, Wohnraum und leistungsfähige Infrastruktur
Die Studie macht zugleich deutlich, dass wirtschaftliche Entwicklung von mehreren Faktoren abhängt. So könnte eine Steigerung der Fachkräftezuwanderung um 20 Prozent die Berliner Wirtschaftsleistung um rund 1,8 Milliarden Euro erhöhen und bis zu 46.000 zusätzliche Arbeitsplätze ermöglichen.
Auch mehr Wohnungsbau würde sich unmittelbar auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken. 20.000 zusätzliche Wohnungen würden die Wirtschaftsleistung um rund 1,3 Milliarden Euro steigern und mehr als 11.500 zusätzliche Beschäftigte ermöglichen.
Eine Halbierung der Stauzeiten im Wirtschaftsverkehr hätte ein ähnlich hohes wirtschaftliches Potenzial. Gerade Unternehmen mit hohem Anteil am Wirtschaftsverkehr wie Logistik, Ver- und Entsorgung oder Bauwirtschaft würden bis zu drei Monate an produktiver Arbeitszeit hinzugewinnen, wenn Staus signifikant reduziert werden.

Was muss passieren? Forderungen der IHK:
Bürokratischen Belastungen der Unternehmen um 50 Prozent reduziert
  • Landesseitig Genehmigungspflichten zu reinen Anzeigepflichten machen – außer die Verwaltung begründet explizit, warum das nicht geht.
  • Goldplating auf der Berliner Landesebene beenden - Das Beispiel öffentliche Beschaffung zeigt: Nur in Berlin wird sie zu einem vorrangigen sozial- und umweltpolitischen Instrument gemacht. Das verhindert Investitionen und Wettbewerb.
  • Bürokratiewucher verhindern! Bürokratieabbau hilft nicht, wenn gleich die nächste Überregulierung nachwächst. Hier braucht auch das Parlament eine Schlüsselrolle. Ein eigener AGH-Ausschuss Bürokratieabbau muss nach der Wahl eingerichtet werden.

Anstieg der VC-Investitionen in DeepTech-Startups
  • Investitionsfond verdoppeln: „B#“, der Pre-Seed-Investitionsfonds der IBB Venture, ist mit 12 Mio. Euro angesichts der vorhandenen Investmöglichkeiten in Berlin zu klein. Er sollte dringend verdoppelt werden. Zudem muss der Fonds so weiterentwickelt werden, dass über ihn auch privates Kapital von Family Offices, Unternehmen usw. mobilisiert werden kann
  • Vom DeepTech zum Geschäftsmodell: VC sucht nach attraktiven Investmöglichtkeiten – diese müssen in Berlin verstärkt geschaffen werden. Darunter zählt die Förderung von DeepTech-Gründungen. Für VC-Investoren sind Startups interessant, deren Gründungsteams ein gut strukturiertes Geschäftsmodell pitchen und deren Produkte validiert ist. Gründerteams aus der Wissenschaft sollten daher entsprechend gecoacht, die Programme zu Produktvalidierung ausgeweitet werden.

Zusätzlicher Wohnungsbau - 20.000 zusätzliche Neubauwohnungen
  • Planungs- und Genehmigungsverfahren konsequent beschleunigen, bestehende Hemmnisse abbauen und die im Schneller- und Einfacher-Bauen-Gesetz geschaffenen Spielräume in der Verwaltung konsequent anwenden.
  • Zusätzliche Flächenpotenziale aktivieren und dafür auch eine maßvolle Randbebauung des Tempelhofer Feldes bei weitgehendem Erhalt der Freifläche ermöglichen.

Halbierung der Stauzeiten im Berliner Wirtschaftsverkehr
  • Baustellen im Straßenraum koordinieren und zwar lang-, mittel- und kurzfristig (also aufeinander abstimmen), nächste Bauabschnitte schnell genehmigen und die Einhaltung der genehmigten Flächen überwachen. Nötige Prozessschritte wurden lange untersucht. Jetzt bitte umsetzen.
  • Angemessene Gebühren für das Bewohnerparken einführen, damit Innenstadtbewohner ohne dringenden Privat-Kfz-Bedarf auf den ÖPNV umsteigen, der mit diesen Gebühren ergänzt wird. Die Gebührenverordnung ist vergleichsweise Schnell änderbar.

Zusätzliche Langstreckenflüge BER - Sieben zusätzliche Langstreckendestinationen
  • Destination- und Standortmarketing für Berlin an Flugzielorten aus Haushaltsmitteln verstärken, denn die Förderung von Konnektivität ist Wirtschaftsförderung.
  • Verlässlichkeit des BER erhöhen: Verspätete Linienflüge müssen verlässlich am BER abgewickelt werden können. Um eine praxistaugliche Handhabung im Rahmen der bestehenden Regelungen zu finden, müssen mögliche operative Spielräume geprüft werden.

Anschlussorientierung - Anschlussorientierung für alle Schülerinnen und Schüler
  • Praxisnahe berufliche Orientierung flächendeckend: Alle Schülerinnen und Schüler sollten Einblicke in die Vielfalt beruflicher Karrierewege erhalten. Daher muss praxisnahe berufliche Orientierung an allen Schulformen systematisch in die Schulentwicklung und den Unterricht integriert werden.
  • Eigentlich ausbildungsfähige Jugendliche dürfen nicht mehr ins Übergangssystem einmünden. Die Vermittlung von Schülerinnen und Schülern in die duale Ausbildung sollte zudem Vorrang vor schulischen Alternativangeboten haben.

Reduzierung Vakanzzeit um 10 Prozent
  • Arbeitsvermittlung und Qualifizierung stärker an den Bedarfen der Unternehmen ausrichten, um das Matching am Arbeitsmarkt zu verbessern und offene Stellen schneller zu besetzen.
  • Bürokratische Hürden bei Einstellungen abbauen und mehr Menschen schneller in Beschäftigung bringen, um vorhandene Arbeitsmarktpotenziale besser zu nutzen.

Fachkräftezuwanderung - Anstieg der Zuwanderung internationaler Fachkräfte um 20 Prozent
  • Bessere Rahmenbedingungen für internationale Fachkräfte: schnelle, digitale Verfahren für Einreise und Anerkennung, ausreichend Wohnraum sowie eine gelebte Willkommens- und Teilhabekultur, damit sie in Berlin nicht nur ankommen, sondern dauerhaft bleiben.
  • Gezielte Kooperationen mit Herkunftsländern sind zudem ein Schlüssel. Die IHK Berlin geht mit dem Projekt TalentsBridge in Namibia neue Wege zur Rekrutierung und Qualifizierung im Ausland.