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„Wir wollen wieder näher an die Unternehmen heranrücken.“
Im Gespräch: IHK-Präsident Philipp Böhme und die kommissarische Hauptgeschäftsführerin Fatma Yüceoglu zur Neuausrichtung der IHK Mittleres Ruhrgebiet und konkreten Veränderungen für die Mitgliedsuntenehmen.
Machen die IHK Mittleres Ruhrgebiet gemeinsam fit für die Zukunft: Präsident Philipp Böhme und die kommissarische Hauptgeschäftsführerin Fatma Yüceoglu. Foto: Daniel Schneider
Das Gespräch führte Sven Frohwein
Herr Böhme, Frau Yüceoglu, die vergangenen Wochen waren für die IHK Mittleres Ruhrgebiet ereignisreich. Viele Mitgliedsunternehmen fragen sich: Wie geht es jetzt weiter?
Philipp Böhme: So viel vorweg: Unsere IHK war und ist uneingeschränkt handlungsfähig. Die Vollversammlung hat im Juni wichtige Entscheidungen getroffen. Jetzt richten wir den Blick nach vorn. Unsere Unternehmen erwarten zu Recht, dass ihre IHK funktioniert, dass sie ihre Interessen vertritt und konkrete Unterstützung bietet. Genau darauf konzentrieren wir uns.
Fatma Yüceoglu: Für unsere Mitgliedsunternehmen, für unsere Partnerinnen und Partner, aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer IHK ist Verlässlichkeit jetzt besonders wichtig. Deshalb sorgen wir gemeinsam mit dem Präsidium für Beständigkeit. Parallel bereiten wir bereits die nächste Vollversammlungswahl vor. Unser Ziel ist klar: Im Jahr 2027 soll eine neu gewählte Vollversammlung die Weichen für die Zukunft unserer IHK stellen. Und wir greifen das Sanierungsprojekt für unser Gebäude am Bochumer Ostring wieder auf, das wir mit Blick auf das Projekt „Kammer machen!” ausgesetzt haben.
Welche neuen Akzente möchten Sie setzen?
Böhme: Wir wollen noch stärker von den Bedürfnissen der Unternehmen aus denken. Viele Betriebe stehen unter enormem Druck – durch Fachkräftemangel, Bürokratie, hohe Kosten und die wirtschaftliche Unsicherheit.
Yüceoglu: Deshalb werden wir unsere Rolle als Dienstleister, Netzwerker und Interessenvertreter weiter stärken. Gleichzeitig werden wir die Zukunftsthemen konsequent vorantreiben. Dazu gehören die Fachkräftesicherung, die Gewinnung internationaler Talente, die Digitalisierung sowie die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Gerade hier liegen große Chancen für unsere Region.
Unsere Unternehmen müssen auf Anhieb erkennen können, welche konkreten Vorteile sie von ihrer IHK-Mitgliedschaft haben.
Wo sehen Sie aktuell den größten Nachholbedarf?
Böhme: Unsere Unternehmen müssen auf Anhieb erkennen können, welche konkreten Vorteile sie von ihrer IHK-Mitgliedschaft haben. Viele Dienstleistungen unserer IHK sind wenig oder gar nicht bekannt, viele erfolgreiche Projekte werden oft übersehen. Dabei leisten wir täglich wichtige Arbeit und kommen unserem gesetzlichen Auftrag nach – von der Ausbildung über die Fachkräftesicherung bis hin zur politischen Interessenvertretung.
Yüceoglu: Luft nach oben sehe ich vor allem bei der direkten Ansprache der Unternehmen. Wir wollen noch häufiger vor Ort sein, noch mehr zuhören und noch besser verstehen, wo der Schuh drückt. Nur so können wir passgenaue Angebote für unsere Mitgliedsunternehmen entwickeln. Darüber hinaus planen wir, unsere Unternehmen bis Ende des Jahres direkt zu befragen, um Wünsche und Herausforderungen im Detail zu ermitteln.
Wie wollen Sie die Mitgliedsunternehmen künftig stärker an die IHK binden?
Yüceoglu: Indem wir durchgehend ansprechbar sind. Die Unternehmen sollen erleben, dass ihre Anliegen ernst genommen werden und schnell die richtigen Ansprechpartner finden. Wir wollen den Dialog intensivieren, präsent und verbindlich sein – auch digital, aber vor allem persönlich.
Böhme: Die IHK lebt von der Mitwirkung der Wirtschaft. Deshalb möchten wir mehr Unternehmerinnen und Unternehmer für Ausschüsse, Netzwerke und Projekte gewinnen. Wer sich einbringt, trägt zur Zukunft unserer Region aktiv bei – ob als Mitglied der Vollversammlung oder über unsere Ausschüsse, ob als Prüferin oder Sachverständige. Dieses Gemeinschaftsgefühl wollen wir stärken. Ohne Ehrenamt funktioniert die für die gewerbliche Wirtschaft wichtige IHK-Arbeit nicht.
Viele Unternehmen haben deutlich gemacht, wie wichtig ihnen regionale Verankerung und persönliche Nähe sind. Dieses Signal nehmen wir sehr ernst.
Mit etwas Abstand betrachtet: Wie bewerten Sie die Abstimmung der beiden Vollversammlungen zum Projekt „Kammer machen!“?
Böhme: Zunächst einmal war es richtig, diese Zukunftsfrage zu diskutieren. Die Herausforderungen für die Wirtschaft werden größer, deshalb müssen auch Kammern regelmäßig prüfen, wie sie ihre Aufgaben künftig erfüllen wollen. Wir beklagen als IHK regelmäßig Doppelstrukturen, Bürokratie und teure Verwaltungsprozesse. Deshalb ist es unsere Pflicht, auch bei uns selbst kritisch auf diese Themen zu schauen. Mit dem Prüfprozess haben wir genau das getan. Am Ende haben beide Vollversammlungen entschieden, das Projekt einer größeren IHK nicht weiterzuverfolgen. Diese Entscheidung respektieren wir selbstverständlich. Sie ist Ausdruck gelebter wirtschaftlicher Selbstverwaltung.
Yüceoglu: Der Prozess hat aber auch wichtige Erkenntnisse gebracht. Viele Unternehmen haben deutlich gemacht, wie wichtig ihnen regionale Verankerung und persönliche Nähe sind. Dieses Signal nehmen wir sehr ernst und werden als ersten Schritt unsere Regionalbetreuung personell verstärken. In Kürze wird es wieder für jede Stadt einen direkten Ansprechpartner geben.
Wie begegnen Sie dem Vorwurf, die IHK habe die Verbindung in die Kammerstädte verloren? Wie steuern Sie gegen?
Yüceoglu: Wir wollen wieder dort sein, wo Wirtschaft stattfindet: in Unternehmen, Innenstädten, Gewerbegebieten, bei Hochschulen, Verbänden und kommunalen Partnern. Die IHK darf sich nicht nur um die eigene Achse drehen oder ausschließlich mit internen Organisationsthemen beschäftigen. Wer mehr Wirkung erzielen möchte, sollte sich zunächst weniger mit Sichtbarkeit beschäftigen, sondern zuerst die eigene Wirksamkeit hinterfragen. Das werden wir jetzt konsequent tun.
Böhme: Unsere Region lebt von starken Netzwerken. Deshalb werden wir den Austausch mit den Städten Bochum, Herne, Witten und Hattingen intensivieren. Gleiches gilt für Hochschulen, Wirtschaftsförderungen, Verbände und gesellschaftliche Akteure. Die IHK muss als Stimme der Wirtschaft mehr denn je wahrnehmbar sein. Der Anfang ist gemacht: Mit Projekten wie dem Welcome Office Bochum und der Nachfolge Konferenz Ruhr beweist unsere IHK, dass sie vorbildliche Services im Sinne unserer Unternehmen im Konzert mit ihren Partnern anstoßen und weiterentwickeln kann.
Wir wollen Ihnen zuhören, gestalten und Lösungen entwickeln.
Was möchten Sie den Mitgliedsunternehmen zum Abschluss mit auf den Weg geben?
Böhme: Ganz klar: Die IHK steht in Ihren Diensten. Deshalb werden wir alles daransetzen, Ihr Vertrauen zu stärken und die IHK gemeinsam mit Ihnen weiterzuentwickeln. Und wir freuen uns natürlich darauf, wenn die Unternehmerinnen und Unternehmer sich künftig noch stärker in die Arbeit unserer IHK einbringen.
Yüceoglu: Unser Fokus liegt auf den Herausforderungen der Wirtschaft – und auf den Chancen unserer Region. Wir wollen Ihnen zuhören, gestalten und Lösungen entwickeln. Dafür stehen wir als IHK Mittleres Ruhrgebiet – und daran können Sie uns künftig messen.
Kontakt
Sven Frohwein
