Wirtschaft im Revier
Nr. 7141704
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Die Kraft der Kreativität

Vom ansprechenden und funktionalen Krankenhaus-Bau bis zum Design-Hundenapf – die Kreativwirtschaft in der Region weist eine riesige Bandbreite auf – eine kleine Auswahl.

Von Daniel Boss (Text) und Volker Wiciok (Fotos)

hokon – Witten

Jörn Brenscheidt greift zu seinem Smartphone auf dem Tisch, wischt ein wenig übers Display und zeigt schließlich das gesuchte Foto: Zu sehen ist eine riesige Holztreppe, die sich – wie eine Schnecke geformt – nach oben windet. Installiert wurde sie im Besucherzentrum des Bio-Lebensmittel-Herstellers Rapunzel im Allgäu. Sie ist ein Beispiel für die kreative Arbeit der Herbeder Holzwarenkontor Jörn Brenscheidt GmbH, kurz hokon. Der Treppenbauspezialist hat ­neben seiner Werkstatt in Witten auch einen etwa drei ­Kilometer entfernten Showroom. Hier, im Zentrum von Herbede, ist ein gutes Dutzend außergewöhnliche Treppen zu bestaunen. Auffällig ist sowohl die große Bandbreite der ­Gestaltung als auch der verwendeten Materialien. Neben Holz und Stahl kommen unter anderem Glas, Bambus und Blattgold zum Einsatz.
Der gelernte Schreiner Brenscheidt baut nicht einfach ­Stufen in Gebäude ein. „In den meisten Fällen erstelle ich das Design und drücke dem Projekt meinen eigenen Stempel auf“, erzählt er. Damit hat er sich in den vergangenen 25 Jahren auch im Ausland einen Namen gemacht. „In rund 20 Ländern sind mittlerweile Treppen von uns zu finden“, so der 47-Jährige. Präsent ist das Design aus Witten unter anderem in den USA, China, Spanien und Norwegen – in Stavanger verfügt eine Bank über die weltweit größte freischwebenden Holztreppe made in Witten.
Das Prozedere ist auch bei kleineren Projekten aufwändig: Brenscheidt reist sowohl zum Maßnehmen als auch für den Einbau selbst an. Die Einzelteile und Module, in Deutschland gefertigt, werden per Container verschickt. Aktuell gibt es Pläne für Treppen in der ruandischen Hauptstadt Kigali und der äthiopischen Metropole Addis Abeba. „Aufträge aus dem Ausland sind entscheidend für unseren Erfolg“, betont der Unternehmer. Für die erfolgreiche Erschließung von Wachstumsmärkten zeichnete das Land NRW hokon im vergangenen Jahr mit dem NRW.Global Business AWARD aus – als erstes Handwerksunternehmen überhaupt.
Brenscheidt betont, dass hokon-Treppen nicht nur etwas für millionenschwere Immobilien sind. „Wir entwerfen und planen gerne auch für Reihenhäuser. Wichtig ist, dass die Auftraggeber bewusst das Außergewöhnliche und Aufwendige wollen – und dafür auch gerne mehr bezahlen.“ Der neueste Trend sind übrigens „smarte Treppen“, die mittels Elektronik und unterschiedlicher Farbgebung zum Beispiel vor fremden Personen auf dem Grundstück warnen oder signalisieren, dass die Waschmaschine durchgelaufen ist. „Auch hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt“, sagt Brenscheidt.

hokon.de


Katter Studio – Bochum

Was haben ein DJ-Pult und ein Hundenapf-System gemeinsam? Bei den zwei Kult-Objekten aus Bochum ist es die Handschrift von Jiri M. R. Katter. Der Designer, der seinem Gegenüber sofort das Du anbietet („Mein Vorname spricht sich wie Girokonto, nur mit i am Ende“), ist seit Jahrzehnten eine feste Größe in der deutschen Designszene. Internationale Bekanntheit erlangten vor allem seine Schüssel-Kombination für hungrige und durstige Vierbeiner („dogBar“), sein geschwungenes Sideboard („sideBow“) und sein Tisch für die Zeremonienmeister elektronischer Musik („setBase“).
Zahlreiche Promis – in Deutschland wie im Ausland – sind Fans dieser Produkte. Katter nennt einige Namen aus Sport, Film und Adel, die er aber nicht gedruckt sehen möchte. Dafür kann er die drei Design-Produkte im Original präsentieren: Einige Exemplare stehen in seinem Bochumer Studio. In dem ehemaligen Pferdestall auf einem pittoresken Hinterhof an der Ewaldstraße feilt der 55-Jährige ständig an neuen Ideen.
Sein Geschäftsmodell fasst er so zusammen: „Ich entwerfe Objekte, meist Möbel oder andere Alltagsgegenstände.“ Ist die Entwicklung abgeschlossen, bietet er potenziellen ­Lizenznehmern „das ganze Paket“ an – von Prototypen und ­digitalen Visualisierungen über technische Zeichnungen, ­Anwendungsbilder und eine Vorabkalkulation bis hin zu Marktanalysen, Herstellerempfehlungen und der ersten ­Anmeldung gewerblicher Schutzrechte. Im Idealfall lizenzieren sie dann das Objekt. Für den Designer bedeutet das, dass der Lizenznehmer „Produktion, Marketing und Vertrieb übernimmt und mich an den Verkaufserlösen beteiligt“.
Seine Liebe zu schönen Formen wurden durch zwei Panton-Stühle geweckt. Mit diesen Design-Ikonen, Geschenke seiner Eltern, begann die Karriere. „Ich fing schon früh an, Objekte zu entwickeln, die mir selbst gefehlt haben.“ Hinzu kamen ­viele weitere Felder, auf denen er sich kreativ austoben konnte. Katter war unter anderem schon Herausgeber eines ­legendären Roller-Magazins, Gründer des Musiklabels ­electyle sowie TV-Darsteller. Nicht zu vergessen: Als freier Dozent an der Ruhr-Universität und der Folkwang Universität in Essen spricht er mit jungen Menschen über kreative ­Gestaltung – und den Schutz des geistigen Eigentums.
Seiner Heimat an der Ruhr will der gebürtige Recklinghäuser auf jeden Fall weiter die Treue halten. „Ich werde oft danach gefragt, warum ich nicht nach Berlin, München oder Hamburg ziehe.“ Die Antwort: „Hier falle ich auf wie ein bunter Hund, woanders würde ich vermutlich in der Masse untergehen.“ Außerdem schätze er es, wie man sich hier hilft, „auch wenn man sich gar nicht kennt oder keine sofort greifbare Gegenleistung im Raum steht“.

katter.de

stiller | architekten – Hattingen


Schon der Eingang ist außergewöhnlich gestaltet: Über ­Metallstufen im industriellen Stil geht es in einem kleinen Glasturm zur Eingangstür des Büros der stiller | architekten in einem beschaulichen Hattinger Wohngebiet. Oben empfängt Stefan Künnemann den Besuch. Mit seinen schwarzen Sneakern, schwarzer Jeans und schwarzem Hemd unterstreicht der 50-Jährige den kreativen Charakter seines Berufs. „­Eigentlich stand mein Berufswunsch schon im Kindergarten fest“, so Künnemann, der seit Anfang 2023 einer der ­geschäftsführenden Partner der stiller | architekten ­planungsgesellschaft mbh mit rund 30 Mitarbeitenden ist. „Als leidenschaftlicher Legobauer wollte ich natürlich Architekt werden. Kunst, vor allem die Malerei, haben mich schon immer begeistert – gleichzeitig habe ich früh eine Neigung zu Zahlen, Formeln und Regeln entdeckt.“
Das Büro plant Gebäude, vor allem im Gesundheitswesen. „Das mag zunächst recht einfach klingen, ist aber hochkomplex“, betont Künnemann. „Von der ersten Idee bis zur Umsetzung begleiten wir Neu- und Umbauten sowie Sanierungen – häufig im laufenden Betrieb, bei begrenztem Budget und unter hohen funktionalen Anforderungen.“ Die Aufgabe des Teams bestehe darin, Auftraggeber, Nutzer, Klinikmitarbeitende, Fachplaner, Gutachter und Behörden mit ihren oft unterschiedlichen Interessen an einen Tisch zu bringen. „­Gemeinsam entwickeln wir maßgeschneiderte Lösungen, die Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und Gestaltung miteinander verbinden. So entstehen Gebäude, die nicht nur funktionieren, sondern den Heilungsprozess und den Arbeitsalltag der Menschen positiv unterstützen.“ Ein aktuelles Beispiel ist die Gesamtsanierung des Bettenhochhauses des Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum in Bochum-Langendreer.
Dabei sei stets Kreativität gefragt, „wenn sie auch nicht immer auf den ersten Blick sichtbar ist“, betont der Architekt. „Viele verbinden Kreativität mit Kunst oder Design. Krankenhausbau wirkt dagegen zunächst sehr technisch.“ Aber das Besondere sei, dass man nie nur „eine Lösung“ sucht. „Jede planerische Entscheidung muss Funktion, Technik, Wirtschaftlichkeit, Vorschriften, Gestaltung und die Bedürfnisse der Menschen miteinander in Einklang bringen. Unsere Kreativität zeigt sich häufig nicht in spektakulären Formen, ­sondern darin, scheinbar widersprüchliche Anforderungen intelligent miteinander zu verbinden. Ein Projekt muss von allen Beteiligten akzeptiert werden, genehmigungsfähig sein und bezahlbar bleiben – und gleichzeitig funktional wie ­gestalterisch überzeugen. Diese Mischung macht den Reiz an der jeweiligen Planungsaufgabe aus.“
Das Ruhrgebiet ist für den gebürtigen Hildesheimer, der auch lange Zeit in Berlin gelebt hat, „ein hervorragender Standort für kreative Unternehmen“. „Diese Region lebt vom Umbau, vom Weiterdenken und vom Pragmatismus - genau diese Haltung passt gut zu unserer Arbeit: Anforderungen verstehen, weiterdenken und daraus tragfähige Lösungen entwickeln.“

www.stillerarchitekten.de

knallgelb – Bochum


„Das Besondere ist, dass kein Projekt wie das andere ist. ­Kreativität bedeutet für uns nicht, einfach etwas Schönes zu machen, sondern zuzuhören, zu verstehen, zu hinterfragen und daraus eine gestalterische Lösung zu entwickeln. Gerade für mittelständische Unternehmen ist das oft besonders spannend, weil dort viel Substanz, Erfahrung und Identität vorhanden sind, die visuell klarer herausgearbeitet werden können.“ Das sagt Alexandra Dawid, die zusammen mit ­Sabrina Mier seit 2021 die Agentur knallgelb betreibt. „Gestaltung hat uns schon immer interessiert – vor allem die Frage, wie man Inhalte so übersetzt, dass Menschen sie schnell verstehen und emotional darauf reagieren“, so Dawid.
Das Büro für Gestaltung mit Schwerpunkt auf Branding und Corporate Design hat seinen Sitz im obersten Stock der „Ko-Fabrik“ am Rande der Bochumer Innenstadt. Hier entwickeln die beiden Unternehmerinnen, die seit ihren Ausbildungen in der Kreativbranche verwurzelt sind, „visuelle Identitäten“ für Unternehmen, Marken, Kampagnen und Veranstaltungen. „Die Bandbreite reicht vom Logo über das Erscheinungsbild bis hin zu Print, Web, Social Media oder Präsentationen“, so Mier. „Unser Ziel ist es, Marken nicht nur schöner, sondern klarer, sichtbarer und relevanter zu machen. Besonders gerne arbeiten wir mit Unternehmen zusammen, die sich weiterentwickeln möchten – vom Start-up bis zum Mittelstand. Mit vielen unserer Kunden verbindet uns eine langjährige, enge Zusammenarbeit.“
Ein Schwerpunkt liegt auf dem Bereich Healthcare. Vor allem in der Dental-Branche kennen sich Dawid und Mier bestens aus. Sie kümmern sich unter anderem um die Patientenkommunikation großer Zahnarztpraxen in ganz Deutschland ­sowie um die B2B-Kommunikation im Auftrag von Medizintechnik-Herstellern. Auch im Eventbereich ist knallgelb ­regelmäßig im Einsatz. Ob Bochum Total, Fiege KinoOpenAir oder „Alles außer Zähne“ – Dawid und Mier entwickeln mit ­ihrem Netzwerk visuelle Auftritte, die Veranstaltungen sichtbar machen und ihnen eine wiedererkennbare Identität ­geben. „Uns reizt daran, dass Gestaltung hier unmittelbar ­erlebbar wird – auf Plakaten, Bühnen, Screens, Tickets, ­Social Media und natürlich vor Ort“, sagt Dawid.
Die Identifikation mit der Region ist hoch: „Bochum und das Ruhrgebiet sind für Kreative ein sehr spannender Standort, weil hier viel im Wandel ist“, sagt Dawid. „Es gibt starke mittelständische Unternehmen, Kultur, Hochschulen, Netzwerke, eine lebendige Start-up-Szene und eine große Offenheit für neue Ideen.“ Gleichzeitig sei die Region bodenständig und direkt – „das passt sehr gut zu unserer Arbeitsweise“, ergänzt Mier.

Unsere Streifzüge
In jeder Ausgabe der WiR picken wir uns ein Viertel oder eine Branche in unserem Kammerbezirk he­raus und stellen engagierte Firmen, Geschäfte, Gas­tronomie und Initiativen dort vor. Die redaktionelle Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.