Wenn das Auto anhält

– aber niemand am Steuer sitzt

Eine Fußgängersimulationsstudie zum autonomen Fahren an der TU Chemnitz beleuchtet die Herausforderungen anderer Verkehrsteilnehmer.
Die Zukunft des Straßenverkehrs wird sich deutlich vielfältiger präsentieren als heute. Neben Fußgängern, Radfahrern, E-Scootern, Straßenbahnen und klassischen Pkw werden künftig auch Fahrzeuge unterwegs sein, die ihre Entscheidungen selbst treffen. Hochautomatisierte Busshuttles, Taxen oder privat Pkw sollen künftig einen Großteil der Fahraufgaben übernehmen und die Passagiere von der ständigen Aufmerksamkeitspflicht entlasten. Doch während die Technik immer autonomer wird, stellt sich eine ganz menschliche Frage: Wie verständigen sich Jung und Alt mit autonomen Fahrzeugen oder werden sie diese gar nicht als solche erkennen?
Genau dieser Frage geht eine gemeinsame Studie der Professur Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement unter Leitung von Prof. Dr. Angelika Bullinger-Hoffmann und der Professur Allgemeine Psychologie und Human Factors unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Brandenburg an der TU Chemnitz nach. Im Mittelpunkt steht das Zusammenspiel zwischen Fußgängern sowie hochautomatisierten Fahrzeugen in Alltagssituationen, etwa beim Überqueren einer Straße. Was heute oft durch einen kurzen Blickkontakt, ein Nicken oder eine Handbewegung zwischen Menschen geklärt wird, könnte künftig entfallen. Wenn das Lenkrad keinen Menschen mehr braucht, muss Vertrauen auf andere Weise entstehen.
Wie sich diese neue Form der Interaktion anfühlen könnte, machte eine aktuelle Fußgängersimulator-Studie der TU Chemnitz anschaulich erlebbar. Auch Maik Kästner, Referatsleiter Standortentwicklung bei der IHK Chemnitz, verschaffte sich vor Ort einen Eindruck.
Überraschend beginnt die Begegnung mit der Zukunft des Verkehrs nicht in einem futuristischen Labor, sondern in der ehemaligen Werkstatt des TUC Racing Teams auf dem Campusgelände in Erfenschlag. Wo früher Rennfahrzeuge entwickelt und montiert wurden, beschäftigen sich Forschende heute mit den Herausforderungen der Mobilität von morgen. Der große Werkstattraum ist geprägt von Bodenmarkierungen, Sensoren, Kameras und Messtechnik. Zwischen Kabeln und Versuchstechnik entsteht ein Ort, an dem mit einem Fingerschnipp die Realität durch eine Simulation getauscht werden kann.
Die Stadt wirkt nicht wie eine sterile Computerwelt, sondern wie ein Ort, an dem gerade eben noch das ganz normale Leben stattgefunden hat. Dennoch bleibt ein leicht surreales Gefühl zurück. Die Straßen sind menschenleer, Gespräche aus den Ladengeschäften, das Klappern von Geschirr aus einem Café oder das leise Rauschen des Verkehrs fehlen. Die Stadt besitzt alle Zutaten einer lebendigen Innenstadt – nur die eigentlichen Hauptdarsteller haben die Bühne verlassen. Dadurch entsteht eine besondere Atmosphäre zwischen Realität und Modellwelt, die den Blick ganz auf die Interaktion zwischen Fußgänger und Straßenverkehr lenkt.

Dann beginnt der eigentliche Versuch

Aus der Ferne und einer Kurve nähern sich Fahrzeuge. Dutzende weiße Kombis ohne Kennzeichen fahren durch die virtuelle Straße. Fahrer oder Insassen sind nicht sichtbar. Für die Teilnehmenden entsteht damit eine Situation, die in Zukunft durchaus alltäglich werden könnte: Die Entscheidung, ob eine Straße sicher überquert werden kann, muss ohne Blickkontakt und ohne erkennbare Signale eines Menschen getroffen werden.
Immer wieder nähern sich die Fahrzeuge dem Überweg, fahren durch oder bremsen unterschiedlich stark, halten in variierenden Abständen oder passieren die Situation mit verändertem Fahrverhalten. Als Teilnehmer muss man aus dem Bauch heraus den Moment erkennen, der die sichere Querung der Straße erlaubt. Das Grundszenario wird mehrfach wiederholt, wobei jede Begegnung kleine Unterschiede aufweist. Aus wissenschaftlicher Sicht sind genau diese Nuancen interessant. Denn Sicherheit ist nicht nur eine Frage von Metern und Sekunden, sondern ebenso eine Frage der Wahrnehmung. Wann wirkt ein Fahrzeug vertrauenswürdig? Wann entsteht Unsicherheit? Und welche Signale benötigen Fußgänger, um das Verhalten eines autonomen Fahrzeugs richtig einschätzen zu können?
Besonders bemerkenswert ist dabei die Wirkung der virtuellen Realität. Obwohl die Simulation als solche erkennbar bleibt, tritt die tatsächliche Umgebung schnell in den Hintergrund. Die ehemalige Werkstatt verschwindet aus dem Bewusstsein, während die virtuelle Innenstadt zunehmend als reale Umgebung wahrgenommen wird. Erst wenn der vorgesehene Bewegungsbereich verlassen wird, zeigt die Technik Grenzen auf. Die digitale Kulisse wird transparent und gibt den Blick auf die tatsächlichen Wände des Versuchsraums sowie den Versuchsstand frei. Es ist ein wenig so, als würde für einen Moment der Vorhang fallen.
Während der Simulation werden Blickrichtungen und Bewegungen erfasst. Anschließend stehen die persönlichen Eindrücke der Teilnehmenden im Mittelpunkt. Fragebögen und Interviews beschäftigen sich nicht nur mit der objektiven Wahrnehmung des Verkehrs, sondern vor allem mit dem subjektiven Sicherheitsempfinden und dem freien Willen, der auch absichtlich gegen die Regeln verstoßen könnte.
Die Studie verdeutlicht eindrucksvoll, dass autonomes Fahren weit mehr ist als die Kunst, ein Auto von A nach B zu bewegen. Fahrzeuge müssen künftig nicht nur sicher navigieren, bremsen und beschleunigen. Ebenso wichtig wird die Frage sein, wie ihre Entscheidungen für andere Verkehrsteilnehmende nachvollziehbar werden. Vertrauen entsteht schließlich nicht allein durch Sensoren und Algorithmen, sondern durch Verständlichkeit. Dass Menschen erstaunlich anpassungsfähig sind, zeigt jede Urlaubsreise. Wer sich schon einmal durch den Verkehr einer fremden Stadt bewegt hat, weiß: Nach kurzer Zeit versteht man die ungeschriebenen Regeln, erkennt Muster und bewegt sich fast selbstverständlich mit dem Strom. Vielleicht wird es mit autonomen Fahrzeugen ähnlich sein. Anfangs begegnet man ihnen mit neugieriger Skepsis, später gehören sie ebenso selbstverständlich zum Stadtbild wie Radfahrer oder die gelbe Ampel, die den einen zum Bremsen und den anderen zum Beschleunigen motiviert. Dies wird die TU Chemnitz demnächst in einer separaten Studie mit einem echten autonomen Fahrzeug der TU Berlin vertiefen.
Die Technische Universität Chemnitz bietet regionalen Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten, Wirtschaft mit Wissenschaft zu verknüpfen. Ob durch Praktika und Werkstudententätigkeiten, die Betreuung von Bachelor- und Masterarbeiten mit direktem Unternehmensbezug – Unternehmen können frühzeitig mit jungen Talenten in Kontakt treten. Darüber hinaus eröffnet das Deutschlandstipendium die Chance, engagierte Studierende gezielt zu fördern und zugleich wertvolle Netzwerke aufzubauen. Für spezielle Prüf- und Entwicklungsaufgaben stehen Unternehmen zudem modern ausgestattete Labore und ausgewählte Großgeräte der Universität zur Verfügung.
Ein weiterer Mehrwert verbirgt sich zwischen Bücherregalen und Datenbanken: In der Universitätsbibliothek können Unternehmen auf umfangreiche Fachrecherchen zugreifen, historische und aktuelle Archive nutzen sowie in DIN-Normen recherchieren. So wird Wissen nicht nur gesammelt, sondern gezielt auffindbar. Ergänzend dazu bietet das Patentinformationszentrum Zugang zu Patent- und Schutzrechtsinformationen sowie zu spezialisierten Recherchedienstleistungen. Wer Innovationen entwickeln möchte, kann hier prüfen, was bereits gedacht, geschützt oder noch unentdeckt ist.
Die TU Chemnitz und die IHK Chemnitz unterstützen südwestsächsische Unternehmen bei der Kontaktaufnahme, Erstgesprächen und der Anbahnung von Kooperationen sowie gezielten Weiterbildungsangeboten.