Ausbildung als Zukunftslabor
Die Lausitz sorgt erneut bundesweit für Aufmerksamkeit: Die DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH – Werk Cottbus – wurde in Berlin mit dem bundesweiten IHK-Bildungspreis 2026 der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sowie der Otto Wolff Stiftung ausgezeichnet. In der Kategorie „Große Unternehmen“ setzte sich das Cottbuser Werk gegen starke Konkurrenz durch – darunter Konzerne wie Phoenix Contact GmbH & Co. KG und dm-drogerie markt GmbH + Co. KG. Insgesamt waren rund 140 Bewerbungen aus ganz Deutschland eingereicht worden. Zwölf Unternehmen erreichten das Finale.
Fast die gesamte Junior Company reiste nach Berlin zum Finale. Alle waren an der Arbeit beteiligt, also sollten auch alle den emotionalen Moment erleben, den nur eine Preisverleihung bieten kann, lautete die Begründung.
Im Zentrum der Auszeichnung steht die sogenannte „Junior Company“ – ein innovatives Ausbildungskonzept, das nachhaltiges Wirtschaften, moderne Ausbildung und konkrete Projektarbeit miteinander verbindet. Junge Nachwuchskräfte arbeiten dabei nicht nur mit, sondern gestalten aktiv mit. Grundlage bildet ein strukturierter Ansatz: Gemeinsam entwickelten Auszubildende, Ausbildungsfachkoordinatoren und Produktionsbereiche im Kick-off zwölf zentrale Bausteine, anhand derer neue Projekte auf ihren nachhaltigen Nutzen überprüft werden. Gemeinsam entwickelten Auszubildende und Ausbilder klare Kriterien, mit denen neue Projekte auf Nachhaltigkeit und praktischen Nutzen geprüft werden.
Konkrete Vorhaben für das Werk
Inzwischen entstehen daraus zahlreiche konkrete Vorhaben im Werk. Die Projekte verbessern Arbeitsabläufe, stärken Arbeitsschutz und LEAN-Prozesse und sorgen zugleich für messbare Einsparungen. Allein durch den internen Einsatz der Nachwuchskräfte konnten nach Angaben des Unternehmens bereits mehr als 10.000 Euro im Werk gehalten werden.
Gleichzeitig verändert die Junior Company auch die Zusammenarbeit im Unternehmen. Die Nachwuchskräfte übernehmen Verantwortung, entwickeln eigene Ideen und erleben unmittelbar, dass ihre Beiträge Wirkung entfalten. Unterstützt wird dies durch inzwischen fünf entstandene „LABs“, darunter ein Werkstatt-LAB für Workshops, Präsentationen und Projektarbeit.
Gleichzeitig verändert die Junior Company auch die Zusammenarbeit im Unternehmen. Die Nachwuchskräfte übernehmen Verantwortung, entwickeln eigene Ideen und erleben unmittelbar, dass ihre Beiträge Wirkung entfalten. Unterstützt wird dies durch inzwischen fünf entstandene „LABs“, darunter ein Werkstatt-LAB für Workshops, Präsentationen und Projektarbeit.
Ein Azubi-Team der Junior-Company setzt das Projekt um, einen ausrangierten ICE-1-Waggon zu einem Workshop-Raum umzubauen.
Starkes Signal für die Lausitz
„Der Sieg des DB-Werks Cottbus beim DIHK-Bildungspreis ist ein starkes Signal für die gesamte Lausitz“, erklärt Jens Warnken, Präsident der Industrie- und Handelskammer Cottbus. „Im Bahnwerk Cottbus wird sichtbar, wie moderne Ausbildung junge Menschen befähigt, Verantwortung zu übernehmen und Innovation aktiv mitzugestalten.“ „Doch Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht nur Umwelt.
Es geht genauso um Teamarbeit, Verantwortung, Fehlerkultur und darum, junge Menschen stark zu machen“, sagt Enrico Kramer, Nachwuchskräftegesamtkoordinator im Werk und einer der zentralen Köpfe hinter der Junior Company.
Langfristig soll daraus sogar eine digitale Plattform entstehen, die Auszubildende innerhalb der Deutschen Bahn zum Thema nachhaltiges Wirtschaften vernetzt und Ideen direkt mit dem Ideenmanagement verbindet. Gerade dieser Ansatz macht das Projekt auch über Großunternehmen hinaus interessant. Viele Elemente lassen sich auf mittelständische Strukturen übertragen: frühe Verantwortung, projektorientiertes Lernen, bereichsübergreifende Zusammenarbeit und die bewusste Einbindung junger Menschen in Veränderungsprozesse. Wie die Idee zur Junior Company entstand, warum Fehler ausdrücklich erlaubt sind und weshalb moderne Ausbildung heute weit mehr bedeutet als reine Fachvermittlung, erläutert Enrico Kramer im folgenden Interview.
„Wir wollten kein Projekt um des Projekts willen.“ Interview mit Enrico Kramer
Interview mit Enrico Kramer, Nachwuchskräftegesamtkoordinator im DB Bahnwerk Cottbus
Enrico Kramer, Nachwuchskräftegesamtkoordinator DB Bahnwerk Cottbus, führt mit großer Leidenschaft die Junior Company. Seine Erläuterungen zum Projekt offenbaren Überzeugung und Begeisterung.
FORUM: Wie entstand die Idee zur Junior Company?
ENRICO KRAMER: Die Idee entstand Anfang 2025, als die neue ICE-Instandhaltungshalle in Betrieb ging und viele neue Auszubildende ins Werk kamen. Noch im selben Monat kam aus der Produktion die Anfrage, ob unsere Nachwuchskräfte beim Hochlauf unterstützen könnten.
Konkret ging es um sogenannte Trolleywagen – also Wagen mit Werkzeug und Material direkt am Zug. Die Auszubildenden prüften dort Werkzeuge, ergänzten fehlendes Material und unterstützten die Kollegen in der Halle. Gleichzeitig lernten sie dadurch ihre künftigen Arbeitsplätze kennen. Dabei entstanden schnell eigene Ideen. Die jungen Leute haben Prozesse hinterfragt und sich gefragt: Wie würden wir uns die Arbeit hier später selbst wünschen?
Konkret ging es um sogenannte Trolleywagen – also Wagen mit Werkzeug und Material direkt am Zug. Die Auszubildenden prüften dort Werkzeuge, ergänzten fehlendes Material und unterstützten die Kollegen in der Halle. Gleichzeitig lernten sie dadurch ihre künftigen Arbeitsplätze kennen. Dabei entstanden schnell eigene Ideen. Die jungen Leute haben Prozesse hinterfragt und sich gefragt: Wie würden wir uns die Arbeit hier später selbst wünschen?
FORUM: Was unterscheidet die Junior Company von klassischen Ausbildungsprojekten?
ENRICO KRAMER: Die Junior Company ist kein Raum, in den man Azubis schickt, mit dem Auftrag: „Macht mal ein Projekt.“ Es ist ein fortlaufender Prozess. Ideen kommen aus der Produktion, von den Auszubildenden selbst oder auch von außen. Gemeinsam schauen wir dann: Ist das sinnvoll? Passt das zur Ausbildung? Hat das einen nachhaltigen Nutzen? Uns geht es nicht um Projekte um des Projekts willen.
FORUM: Nachhaltigkeit klingt oft abstrakt. Was verändert die Junior Company konkret?
ENRICO KRAMER: Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht nur Umwelt. Die Auszubildenden lernen vor allem Verantwortung, Teamarbeit und selbstständiges Handeln.
Ein gutes Beispiel war ein Kita-Projekt in Cottbus. Unsere Auszubildenden halfen dort beim Aufbau eines Spielplatzes. Sie mussten Material organisieren, Abläufe abstimmen und außerhalb ihres gewohnten Umfelds arbeiten. Das ist echte Projektarbeit – mit Erfahrungen, die später auch in der Produktion wichtig sind. Mit diesem Projekt gewann das Team sogar die Nachhaltigkeits-Challenge der IHK-Projektgesellschaft Ostbrandenburg und wurde anschließend nach Brüssel eingeladen.
Ein gutes Beispiel war ein Kita-Projekt in Cottbus. Unsere Auszubildenden halfen dort beim Aufbau eines Spielplatzes. Sie mussten Material organisieren, Abläufe abstimmen und außerhalb ihres gewohnten Umfelds arbeiten. Das ist echte Projektarbeit – mit Erfahrungen, die später auch in der Produktion wichtig sind. Mit diesem Projekt gewann das Team sogar die Nachhaltigkeits-Challenge der IHK-Projektgesellschaft Ostbrandenburg und wurde anschließend nach Brüssel eingeladen.
FORUM: Wo sieht man die Wirkung der Junior Company im Werkalltag?
ENRICO KRAMER: Zum Beispiel bei Projekten gemeinsam mit dem Lean-Team. Die Auszubildenden haben Bereiche in der Produktion analysiert und Verbesserungsvorschläge entwickelt. Dabei ging es auch darum, Materialien weiterzuverwenden, statt sie einfach zu entsorgen.
Ein kleines, aber schönes Beispiel sind alte Paletten, aus denen Sitzmöbel für die Terrasse gebaut wurden. Das spart Geld, nutzt vorhandenes Material weiter und verbessert gleichzeitig die Aufenthaltsqualität für die Mitarbeiter.
Ein kleines, aber schönes Beispiel sind alte Paletten, aus denen Sitzmöbel für die Terrasse gebaut wurden. Das spart Geld, nutzt vorhandenes Material weiter und verbessert gleichzeitig die Aufenthaltsqualität für die Mitarbeiter.
FORUM: Gab es Skepsis, wenn junge Leute Prozesse hinterfragen?
ENRICO KRAMER: Natürlich entsteht dabei auch Reibung. In der Produktion läuft vieles unter hohem Zeitdruck. Da wirkt jedes neue Projekt erst einmal wie eine Störung. Aber die Kollegen haben schnell verstanden, dass die frühe Einbindung der Auszubildenden später allen hilft. Wenn die jungen Leute übernommen werden, kennen sie bereits die Abläufe, die Meister und die Teams. Wichtig ist dabei auch Fehlerkultur. Wir wollen Projekte ermöglichen, in denen Fehler passieren dürfen. Genau daraus lernen die jungen Leute.
FORUM: Verändert das Projekt auch die Unternehmenskultur?
ENRICO KRAMER: Ja, weil junge Menschen heute neue Fähigkeiten und Sichtweisen mitbringen. Unternehmen müssen stärker darauf schauen, welche individuellen Stärken jemand hat und wie man diese einsetzen kann. Die Junior Company hilft dabei, solche Fähigkeiten früh zu erkennen. Gleichzeitig lernen die Nachwuchskräfte, Verantwortung zu übernehmen und sich selbst zu organisieren. Das geht weit über reine Fachausbildung hinaus.
FORUM: Welche Bedeutung hat das Projekt für den Standort Cottbus?
ENRICO KRAMER: Gerade bei so vielen Auszubildenden ist es wichtig, sie früh in den Werksalltag einzubinden. Sie sollen erleben, dass ihre Ideen Wirkung haben und dass sie gebraucht werden. Das stärkt die Identifikation mit dem Unternehmen und dem Standort. Für die Fachkräftesicherung ist das ein wichtiger Faktor.
FORUM: Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Das Projekt verändert wirklich etwas?
ENRICO KRAMER: Für mich ist das weniger ein einzelnes Projekt als vielmehr die Übernahme der Auszubildenden. Wenn ich durch die Halle laufe und ehemalige Azubis treffe, die inzwischen fest im Werk angekommen sind und einem mit einem Lächeln begegnen, dann sieht man, wofür das alles gut ist. Am Ende lebt die Junior Company davon, dass viele Menschen im Werk mitziehen – Ausbilder, Produktion, HR und die Auszubildenden selbst.
Den Artikel und das Interview von Jörg Tudyka erschien im FORUM 7-8|2026