100 Jahre im Wandel - Fachmarkt-Center Petzold in Vetschau

Es beginnt, wie so viele dieser Geschichten, nicht mit einem fertigen Konzept, sondern mit einer mutigen Entscheidung. Als der aus Kamenz in der Oberlausitz stammende Alwin Petzold 1926 in der Bahnhofstraße in Vetschau seine „Spreewald-Medizinal-Drogerie“ eröffnet, ist das Umfeld alles andere als stabil. Wirtschaftliche Unsicherheit, politische Umbrüche und begrenzte Ressourcen prägen die Zeit. Und doch entsteht hier etwas, das weit über ein gewöhnliches Ladengeschäft hinausgeht.
Heute – nach 100 Jahren – ist aus der einstigen Drogerie ein Fachmarkt-Center mit verschiedenen Angeboten geworden. Der Bekanntheitsgrad reicht längst weit über den Oberspreewald-Lausitz-Kreis hinaus.

In den 1920er-Jahren ist die Drogerie – wie damals typisch – nicht nur Verkaufsort, sondern zugleich Labor und Werkstatt. Viele Produkte werden selbst hergestellt, Salben angerührt, Tinkturen gemischt, pharmazeutische Rezepturen entwickelt und umgesetzt. Fertigprodukte sind rar, der Alltag ist geprägt von Improvisation, handwerklichem Können und Erfindergeist. Am Ende des Tages finden sich oft nur wenige Reichsmark in der Kasse.
„Die Arbeit eines Drogisten war damals sehr mühselig“, weiß Thomas Petzold, der das Unternehmen heute gemeinsam mit seiner Schwester Antje Sabsch in dritter Generation führt.
Und doch wächst hier etwas heran, das sich über Jahrzehnte als erstaunlich widerstandsfähig erweisen wird. Schon früh sorgt die Fotoabteilung der Drogerie für Aufmerksamkeit weit über die Stadtgrenzen hinaus. Der spätere Pressefotograf Erich Schutt absolviert hier 1947 seine Lehre zum Fachdrogisten, lernt den Verkauf von Filmen ebenso wie die Arbeit in der Dunkelkammer.

Weltwirtschaftskrise, Krieg, Mangelwirtschaft

Über die Jahrzehnte hinweg durchläuft der Betrieb Weltwirtschaftskrise, Krieg, Nachkriegszeit und die Mangelwirtschaft der DDR – verbunden mit oft schwierigen Bedingungen für private Unternehmer – sowie schließlich die tiefgreifenden Umbrüche der Wiedervereinigung. Systeme verändern sich, Rahmenbedingungen brechen weg, Märkte entstehen neu – doch ein Prinzip bleibt konstant.

Es ist diese Mischung aus praktischer Notwendigkeit, unternehmerischem Gespür und Offenheit für neue Geschäftsfelder, die den Charakter des Unternehmens von Beginn an prägt.
„Der landläufige Spruch ‚Handel mit Wandel‘ wurde bei uns wohl schon immer gelebt“, sagt Antje Sabsch rückblickend.
Flexibilität und Anpassungsfähigkeit seien über Generationen hinweg die eigentliche Leitlinie gewesen. Besonders prägend war dabei die zweite Generation, die den Fleiß und die Zielstrebigkeit des Gründers fortführte.
Thomas Petzold erinnert sich noch sehr konkret an das Selbstverständnis seines Vaters Rudolf Petzold: „Er stellte immer die Firma in den Vordergrund. Erst musste das Geschäft funktionieren, private Interessen kamen danach. Wenn Arbeit anlag, musste sie gemacht werden, ohne Diskussion. Selbst wenn man als junger Mensch mal abends zum Tanz gefahren war, hieß es am nächsten Morgen wieder früh aus dem Bett und an die Arbeit.“
Selbstständigkeit war bei Familie Petzold nie eine romantische Idee von Freiheit, sondern eine Form von Verantwortung, die den gesamten Lebensrhythmus bestimmte. Insofern passte hier die saloppe Definition von Selbstständigkeit tatsächlich: „selbst und ständig“.

Rudolf Petzold übernimmt 1964 die Geschäftsführung und modernisiert das Geschäft schrittweise. Er erweitert das Sortiment und passt den Betrieb an die Bedingungen der DDR an. Trotz Planwirtschaft gelingt es ihm, zusätzliche Bereiche wie Kosmetik, weitere Fotoartikel und Haushaltswaren sowie Farben, Chemikalien, Pflanzenschutzmittel und Sämereien aufzubauen. Dazu kauft er ein Stück Land neben dem ursprünglichen Laden und errichtet weitere Gebäude auf einer damals verwilderten Wiese.

Die Drogerie bleibt Treffpunkt und ist auch kulturell fest im Ort verankert. Das Geschäft Petzold tritt schon damals regelmäßig als Sponsor lokaler Veranstaltungen auf. Gleichzeitig entwickelt sich ein klarer Anspruch im Umgang mit Kunden, der gerade unter den Bedingungen der DDR-Zeit besondere Bedeutung erhält.
„Anspruch waren immer Kundennähe, Zuverlässigkeit und familiärer Umgang – gerade in der sozialistischen Mangelwirtschaft“, beschreibt Antje Sabsch. „Was Kunden stark nachfragten und was schwer zu bekommen war, versuchte der Vater zu beschaffen. Dadurch entstanden langfristige Beziehungen und Vertrauen.“
Dieses Verständnis von Handel – als Dienst am Kunden und nicht nur als bloßer Verkauf – bildet bis heute einen Kern des Unternehmens.

Der Schritt in die freie Marktwirtschaft

Mit der deutschen Wiedervereinigung ändern sich die Marktbedingungen dann dramatisch. Rudolf Petzold nutzt die Chance und eröffnet 1990 den Drogerie-Fachmarkt – eine moderne Selbstbedienungsdrogerie, in der Kunden plötzlich aus einer breiten Palette an Markenprodukten wählen können. Die Umstellung erfordert erhebliche Investitionen in Einrichtung, Kassensysteme und Personal, bedeutet aber zugleich den Schritt in die freie Marktwirtschaft.

Aus einem Markt der Knappheit wird innerhalb kürzester Zeit ein Markt des Überangebots, aus geschützten Strukturen entsteht ein offener Wettbewerb, der gerade in dieser Branche stark vom Preiskampf geprägt ist.
„Nach der Wende gab es zunächst einen starken Run auf Westprodukte. Ostprodukte galten plötzlich als überholt. Später kam es teilweise zu einer Renaissance der Ostprodukte. Die zentrale Herausforderung war jedoch der neue Wettbewerb“, beschreibt Thomas Petzold diese Phase.
Filialisten drängen in die Region, Märkte verdichten sich, Preisstrukturen verändern sich radikal. Was zuvor über persönliche Beziehungen und Beschaffungsgeschick funktioniert, wird nun von großen Ketten mit standardisierten Prozessen und enormer Einkaufsmacht dominiert. Viele klassische Drogerien verschwinden in dieser Phase vom Markt. In Städten wie Cottbus existiert heute kein einziges vergleichbares Fachgeschäft mehr.

Kein starres Festhalten am Bisherigen

Dass die Firma Petzold diesen Umbruch übersteht, liegt nicht an glücklichen Umständen, sondern an einer konsequenten strategischen Entscheidung: der bewussten Abkehr von Einseitigkeit und dem Verzicht auf ein starres Festhalten am bisherigen Modell.

Das Bild zeigt einen Teil des Sortiments des Fachmarkt-Center Petzold
Bereits Anfang der 1990er-Jahre entsteht mit dem Wohnstore ein neuer Bereich, der weit über den klassischen Handel hinausgeht. Farben, Tapeten, Bodenbeläge und Gardinen werden ergänzt um Beratung, Aufmaß und handwerkliche Umsetzung. Es folgen weitere Schritte: Reformhaus, Kiebitzmarkt, Friseur-Manufaktur und zusätzliche Dienstleistungen. Aus der Drogerie entwickelt sich ein breit aufgestelltes Fachmarkt-Center, das unterschiedliche Bedürfnisse abdeckt und verschiedene Zielgruppen anspricht.

Diese Entwicklung ist kein Selbstzweck, sondern die Antwort auf einen Markt, der immer stärker unter Druck gerät. Entscheidend wird dabei etwas, das große Ketten nur begrenzt leisten können: persönlicher Service, handwerkliche Qualität und Verlässlichkeit.

Ausbau des Servicebereichs

Gerade der Ausbau des Servicebereichs erweist sich dabei als entscheidend. Bodenverlegung, Gardinendekoration, Malerarbeiten und individuelle Lösungen sind Leistungen, die sich weder standardisieren noch digital ersetzen lassen. Gleichzeitig wächst das Einzugsgebiet deutlich. Mittlerweile kommen Kunden längst nicht mehr nur aus Vetschau, sondern aus einem Radius von 30, 40 oder sogar 50 Kilometern.

Der Grund dafür liegt in einem Faktor, der im modernen Handel oft unterschätzt wird: kundennah, zuverlässig & familiär. Nicht umsonst heißt so der Petzoldsche Firmenslogan. Wer eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, erwartet, dass sie funktioniert – und ist bereit, dafür auch weitere Wege in Kauf zu nehmen.

Fachkräfte, Ausbildung und Nachfolge

Heute beschäftigt das Unternehmen rund 20 Mitarbeiter und bildet kontinuierlich aus. Die Fluktuation ist gering, viele Beschäftigte sind dem Betrieb über Jahre hinweg verbunden und haben sich weiterqualifiziert. Gleichzeitig zeigen sich auch hier die strukturellen Herausforderungen der Gegenwart: Fachkräfte sind schwer zu gewinnen, Nachwuchs entscheidet sich seltener für Handel und Handwerk, und die Arbeitsrealität eines Familienunternehmens wirkt auf viele junge Menschen wenig attraktiv. Dennoch stellte das Unternehmen 2025 statt der üblichen zwei gleich vier Ausbildungsplätze zur Verfügung – auch wegen der hohen Qualität der Bewerber. Ausgebildet wird sowohl im kaufmännischen als auch im handwerklichen Bereich.

Damit rückt zwangsläufig das Thema Nachfolge in den Fokus – ein Thema, das in vielen vergleichbaren Betrieben gern geschoben wird. Auch bei Familie Petzold ist diese Frage noch offen. Die Kinder erleben sehr genau, dass ihre Eltern durchschnittlich zwölf Stunden täglich arbeiten und auch am Samstag. Gleichzeitig vermittelt der Zeitgeist eher komfortable Vorstellungen von Homeoffice und Vier-Tage-Woche. Konkrete Nachfolgekandidaten aus der Familie gibt es derzeit nicht. „Wir warten ab.“ Auch ob sich ein Mitarbeiter perspektivisch für eine Übernahme positioniert, ist offen.

Nachhaltigkeit als Werteprinzip

Nachhaltigkeit wird im Unternehmen nicht nur als Trend verstanden, sondern bewusst umgesetzt.
„Das hat bei uns auch mit christlichen Werten zu tun“, erklärt Thomas Petzold. Die Achtung vor der Schöpfung sehe man auch in der Nutzung von Photovoltaik, dem Einsatz von Elektrofahrzeugen sowie in umweltschonenden und sozial verträglichen Sortimenten. „Und es rechnet sich zudem“, ergänzt er pragmatisch.
Der Blick nach vorn ist bei Antje Sabsch und Thomas Petzold frei von Illusionen. Sie wissen, dass der stationäre Handel weiterhin unter Druck bleiben wird.
"Einfache Lösungen gibt es nicht“, meint Antje Sabsch. „Klassische Einzelhandelskonzepte ohne klare Positionierung oder starke Partner werden es zunehmend schwer haben.“
Die Antwort, die sich aus 100 Jahren Unternehmensgeschichte ableiten lässt, ist deshalb keine spektakuläre, sondern eine konsequente: sich weiterzuentwickeln, ohne sich selbst zu verlieren. Nicht stehen bleiben – aber auch nicht beliebig werden. Und genau darin liegt wahrscheinlich das eigentliche Erfolgsgeheimnis dieses Unternehmens.
Webseite zum Unternehmen: www.fachmarkt-center-petzold.de
Der Artikel aus dem FORUM-Magazin 7-8|2026 wurde geschrieben von Jörg Tudyka