Regionalmarketing beginnt mit Trotz
2015 begann die Bundesregierung eine Kohleausstiegsdebatte. Die Stimmung in der Lausitz war am Boden. Denn über Kompensation wurde nicht gesprochen. Es wurden ähnliche Zustände wie unmittelbar nach der Wende befürchtet. Im Mai 2016 gründete sich deshalb das kommunale Bündnis Lausitzrunde, das kurz darauf einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin richtete.
- Lausitzrunde: Zivilen Ungehorsam strukturieren
- Welcome Tesla: Demonstrierte Selbstbehauptung
- Lausitz Marketing AG als Auftragnehmer von Regionalkampagnen
- Net Zero Valley: Geschlossenheit und Marke aus Eigeninitiative
- Der Lausitzer Weg 2024: Beteiligung als Alleinstellungsmerkmal
- Intrinsische Motivation, Risiko, Plattform-Denken
Von Beginn an dabei war der Cottbuser Unternehmer Jens Taschenberger. „Die Lausitz sah sich ein weiteres Mal abgehängt“, erinnert sich der Inhaber der Medien- und Kreativagentur „Zwei Helden“: „Regionalmarketing ist immer viel Stimmungslage. Ohne Zuversicht kannst du nichts entwickeln.“
Bereits 2014 engagierte sich Jens Taschenberger im Verein Pro Lausitzer Braunkohle. Der Verein wandelte sich zu Pro Lausitz – vom Braunkohle-Verteidiger hin zu einem Akteur für Zukunftstechnologien. Er stellte sich der politischen Realität und setzte auf eine alternative Perspektive. Heute ist der Verein maßgeblicher Treiber hinter dem Fanklub Net Zero Valley Lausitz.
Lausitzrunde: Zivilen Ungehorsam strukturieren
Als sich die Lausitzrunde formierte, griff Taschenberger als Pressesprecher von Pro Lausitz ein Schreiben sächsischer Bürgermeister auf und organisierte daraus ein strukturiertes Treffen:
„Das war die Chance, beide Seiten zusammenzubringen.“
Er übernahm im ersten Jahr die Kommunikation und war auch am offenen Brief beteiligt. Der „zivile Ungehorsam“ der Kommunalvertreter verschaffte der Lausitz bei der Bundesregierung Respekt. Berlin musste sich um ein „nach dem Kohleausstieg“ kümmern – was 2020 im Strukturstärkungsgesetz mündete. Hier begann das Regionalmarketing. Die Lausitz weigerte sich, zum Jammertal verdammt zu werden, in dem man ungehemmt weiter Wegzugsprämien zahlt.
Welcome Tesla: Demonstrierte Selbstbehauptung
Die erste grüne Industrieansiedlung in der Lausitz hätte die Gigafactory von Tesla sein können. Der Impuls zu „Welcome Tesla“, der Demonstration einer Industrieregion im Transformationsprozess, kam einmal mehr von Taschenberger, der in Ralf Henkler vom Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW) den idealen Partner fand:
„Wir wollten zeigen, dass unsere Region was zu bieten hat.“ Es gab spektakuläre Events auf dem Lausitzring, eine Petition, einen Song und ein Bewerbungsvideo. „Es haben alle darüber gesprochen. Das hat Wirkung entfaltet.“
Tesla baute stattdessen in Grünheide, doch die Kampagne löste Gespräche über ein „neues industrielles Herz“ der Lausitz aus und machte die Region bekannt.
Kreative Lausitz: Austausch ist gut, Relevanz ist besser
Im neu gegründeten Branchenverband Kreative Lausitz mischte Taschenberger anfangs mit, um die Kreativwirtschaft sichtbarer zu machen. Er gewann aber schnell den Eindruck, dass es im Verband mehr um Austausch als um wirtschaftliche Relevanz ging.
„Viele wollen mitreden. Das ist gut. Aber nach außen hin geht es um Relevanz.“
Aus dieser Erfahrung entstand die Idee, sich strategisch stärker aufzustellen – nicht als Einzelakteur, sondern als Initiator und Teil von Netzwerken.
Lausitz Marketing AG als Auftragnehmer von Regionalkampagnen
Als seitens der Politik dann positive Weichenstellungen für die Zukunft der Lausitz erfolgten, stand die Vergabe erster größerer Kampagnen zur Vermarktung der Region an. Schnell war klar: Lokale Akteure hatten da keine Chance. Die Leistungsfähigkeit potenzieller Auftragnehmer wurde bis dato in der Regel an Mitarbeiterzahlen, Millionenumsätzen und großen Referenzkunden gemessen – das konnte keine örtliche Agentur ausreichend vorweisen. Taschenberger sorgte dafür, dass auch lokale Bietergemeinschaften eine Chance erhielten. Die Folge: Die Kampagne zu Boomtown Cottbus wurde von einer solchen gewonnen.
Als Konsequenz gründete Taschenberger dann die Lausitz Marketing AG: ein Netzwerk von Marketing- und PR-Dienstleistern – ohne Rechtsform, aber kollektiv leistungsfähig.
„Ab diesem Zeitpunkt wurden wir gefragt, wenn es um Marketing in der Region ging.“ Es folgten unter anderem der Zuschlag für die Vermarktung des Europatages in Guben im Auftrag der Europäischen Kommission sowie die Bewerbung und Betreuung der Landeskampagne „Krasse Lausitz“.
Net Zero Valley: Geschlossenheit und Marke aus Eigeninitiative
2023 rückte das Net Zero Valley (NZV) in den Fokus. Noch bevor Delegationen nach Brüssel reisten, begann Taschenberger, das Thema in diversen Wirtschaftsrunden zu platzieren. Er entwickelte ein Positionspapier, brachte Kommunen, Kammern und Verbände zusammen.
„Durch die Vermittlung von Geschlossenheit bekam das Thema den nötigen Drive“, ist er überzeugt. In Eigenauftrag entwickelte seine Agentur mit Netzwerkpartnern Logo, Präsentationsmappe und Website. „Es gab nichts! Irgendjemand musste anfangen.“
Der Lausitzer Weg 2024: Beteiligung als Alleinstellungsmerkmal
Sein persönliches „Meisterstück“ sieht er im Beteiligungsprozess am NZV-Projekt 2024: „300 Akteure, Workshops, Wissenschaft und Wirtschaft agierten zusammen.“ Innerhalb von drei Monaten entstand eine geschlossene Bewerbung der Region mit Technologieauswahl und Gebietskulisse, erstellt von rund 150 Akteuren aus der Region sowie von Landesund Bundesebene.
„Der Lausitzer Weg war geboren. Der Prozess selbst war das Alleinstellungsmerkmal.“ Sein Engagement wird gelegentlich als unbequem wahrgenommen: „Das nehme ich in Kauf, denn daraus resultiert die größte Stärke der Region: (organisierte) Geschlossenheit.“
Auch Misstrauen begegnet ihm immer wieder. „Wenn du dich als Unternehmer engagierst, bist du sofort verdächtig. Warum macht der das? Will der nicht nur seinen eigenen Interessen dienen?“ Damit umzugehen, erfordere diplomatisches Vorgehen. Nicht immer sei ihm das gelungen, so der Unternehmer.
Die Lausitz Marketing AG fand in Dr. Christian Ehler (re.), MdEP für Brandenburg, Unterstützung für ihr Engagement. (Mitte: Jens Taschenberger.)
Wendepunkt NZV: Von der Marke zur Umsetzung
Das NZV sieht Taschenberger mittlerweile an einem Wendepunkt. Ein Label könne von geänderten Rahmenbedingungen schnell überholt werden. Die eigentliche Arbeit beginne dennoch jetzt: Bestandswirtschaft einbinden, weiter politische Mehrheiten organisieren. „Man muss den hiesigen Unternehmen erklären, warum es für sie vorteilhaft ist, sich für ein NZV zu engagieren.“ Was bedeutet: Regionalmarketing setzt zuallererst auch Binnenmarketing voraus.
Intrinsische Motivation, Risiko, Plattform-Denken
Warum sich Jens Taschenberger über Jahre derart einsetzt, begründet er mit intrinsischer Motivation.
„Es macht mir Spaß, Plattformen zu bauen und Leute zusammenzubringen.“ Natürlich spiele die dadurch entstehende Reputation eine Rolle. „Aber wenn es nur ums Geld ginge, würde man das nicht machen.“
Im Gegenteil: Mit den 2025 aus der Taufe gehobenen Decarbon Days ging er in Vorleistung und kalkulierte ein erhebliches finanzielles Risiko ein – was sich bei der für 2026 geplanten Zweitauflage (leider) nicht geändert hat. Taschenberger ist ein Macher, der aber auch weiß:
„Wenn ich es selbst kommunikativ nicht schaffe, verschiedenste Persönlichkeiten für ein Ziel einzubinden, nützen mir die besten Ideen nichts.“
Deshalb sein Grundprinzip: lieber kleine Netzwerke als große Strukturen.
Der Cottbuser Unternehmer ist mittlerweile Mitglied im Wirtschaftsbeirat der Stadt Cottbus und zum Vizepräsidenten der IHK Cottbus gewählt.
Der Artikel von Jörg Tudyka erschien im FORUM 4/2026