So klappt es heute mit der Ausbildung
Auszubildende der Generation Z haben andere Erwartungen an Beruf und Leben als frühere Generationen. Das stellt die Unternehmen vor neue Herausforderungen. Persönliche Betreuung, klare Kommunikation und früh Verantwortung zu übertragen ist heute wichtiger denn je.
Faul, unterqualifiziert und anspruchsvoll? Mit solchen Vorurteilen sieht sich die Generation Z (kurz: Gen Z) oft konfrontiert. Doch während mancher Arbeitgeber mangelnde Leistungsbereitschaft oder unrealistische Erwartungen der Geburtsjahrgänge von 1995 bis 2010 beklagt, zeichnen Ausbilder ein differenzierteres Bild. Ihr Fazit: Die jungen Menschen sind nicht schwieriger als frühere Generationen. Sie bringen jedoch andere Werte und Erwartungen mit – und brauchen deshalb einen anderen Führungsstil.
Die Generation Y hat die 'Work-Life-Balance' etabliert, die Generation Z zieht häufig einen klaren 'Work-Life-Cut'.
Diese Erfahrung machen sowohl der Darmstädter Dax-Konzern Merck als auch die mittelständische Spedition Reiß aus Hirschhorn. Beide werben um dieselbe Altersgruppe, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Merck bevorzugt einen professionell organisierten Recruitingprozess, digitale Abläufe und persönliche Begleitung. Reiß nutzt die kurzen Wege eines Familienunternehmens und den direkten Kontakt. Das gemeinsame Ziel: Bewerber sollen sich ernst genommen fühlen.
„Weil wir hier super behandelt worden sind“ – diesen Satz hört Holger Hiltmann, der bei Merck seit rund 20 Jahren die kaufmännische und IT-Ausbildung verantwortet, immer wieder von neuen Auszubildenden, wenn er sie fragt, wieso sie sich für das Unternehmen entschieden hätten. Nicht der Aktienkurs, sondern die Erfahrungen am Tag des Vorstellungsgesprächs gäben häufig den Ausschlag, sagt er.
Im Learning Center in Darmstadt hat Merck alle Ausbildungsberufe unter einem Dach vereint. Das Gebäude wurde im Sommer 2024 eröffnet und kostete 70 Millionen Euro.
„Du musst die Jungen abholen“
Deshalb begleitet bei Merck ein geschulter Auszubildender Bewerber durch den Tag mit dem Auswahlprozess. Noch am selben Abend erhalten die erfolgreichen Kandidaten die Zusage. Zugleich setzt das Unternehmen auf einen möglichst digitalen und unkomplizierten Bewerbungsprozess. Lange Wartezeiten oder unnötig komplexe Abläufe passten nicht mehr zu einer Generation, die unmittelbares Feedback gewohnt sei und sich mit ein paar Klicks im Netz schnell mal ein Paar neue Sneakers bestelle, sagt Hiltmann. Zuletzt zählte Merck in Darmstadt 599 Azubis und duale Studenten.
Mit einem gewissen Maß an Verantwortung wachsen die Azubis.
Spediteur Ralf Reiß hat den Betrieb in Hirschhorn von seinen Eltern übernommen. Elf Fahrzeuge hat er mittlerweile im Unternehmen, bildet seit August den dritten Berufskraftfahrer aus. Auch er beobachtet, dass junge Menschen heute anders angesprochen werden müssen. Statt auf große Kampagnen setzt der Geschäftsführer auf persönliche Kontakte. „Du musst die Jungen abholen“, sagt er. Wer Bewerber von oben herab behandle oder nur Defizite sehe, werde kaum Nachwuchs gewinnen. Reiß setzt auf Praktika und Mundpropaganda und verzichtet auf Online-Recruiting. Merck versucht, auch über Instagram Auszubildende zu gewinnen. Auf TikTok verzichtet man dagegen aus IT-Sicherheitsgründen. Die größere Bedeutung misst Hiltmann jedoch persönlichen Begegnungen bei.
„Wir hatten kürzlich einen Instagram-Post zur Ausbildung, der mit rund einer Million Impressionen viral ging“, erzählt er. „Aber wer von diesen Personen bewirbt sich im Unternehmen? Wer bekommt einen Ausbildungsplatz? Und wer bleibt nach der Ausbildung bei uns? Das kann ich nicht nachverfolgen.“ Deshalb schickt er lieber Auszubildende zur Berufsorientierung an ihre ehemaligen Schulen. „Das ist gezielter und viel glaubwürdiger, als wenn dort ein Ausbilder auftritt“, sagt Hiltmann.
Diskrepanzen bei der Social-Media-Ansprache
Dieses Vorgehen deckt sich mit den Erkenntnissen einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln aus dem Jahr 2024. Demnach sind Praktika, Betriebsbesichtigungen und Ausbildungsbotschafter für junge Menschen die wichtigsten Formate zur beruflichen Orientierung, werden von diesen sogar noch etwas höher gewichtet als von Unternehmen.
Bei den Social-Media-Kanälen gibt es deutlichere Diskrepanzen: Unternehmen schreiben ihre Stellen hauptsächlich über Instagram und Facebook aus. Facebook wird jedoch von jungen Menschen kaum genutzt. Diese verwenden zur Ausbildungssuche nach Instagram vor allem YouTube, WhatsApp und zunehmend auch TikTok. Auf diesen Plattformen sind die Angebote der Unternehmen deutlich geringer. Zudem verändert die Generation Z den Ausbildungsalltag. Hiltmann beschreibt das als schrittweisen Kulturwandel: „Die Generation Y hat die ‘Work-Life-Balance’ etabliert, die Generation Z zieht häufig einen klaren ‘Work-Life-Cut’, also einen Schnitt zwischen Arbeit und Freizeit.“ Ein Beispiel: Als während einer Einführungsveranstaltung die angekündigte Endzeit überschritten wurde, seien die neuen Auszubildenden unruhig geworden. Für sie sei selbstverständlich gewesen, dass mit dem angekündigten Feierabend der Arbeitstag ende.
Die Jungen haben keine Hemmschwelle, etwas selbst zu probieren und sich in neue Systeme reinzufuchsen.
Auch Martina Diehl, die seit über 30 Jahren Chemielaborant*innen bei Merck ausbildet, beobachtet Veränderungen. Freiwillige Projekte außerhalb der regulären Ausbildungszeit fänden deutlich weniger Interessenten. Ein Auszubildender habe ihr kürzlich erklärt, viele wollten „nicht so unbedingt die Extrameile gehen“. Beide warnen jedoch davor, daraus mangelnde Leistungsbereitschaft abzuleiten. Vielmehr würden Freizeit und Beruf heute einfach bewusster getrennt.
Reiß hält pauschale Aussagen, dass junge Menschen faul oder anspruchsvoll seien, für „Quatsch“. Allerdings seien Eigeninitiative, Pünktlichkeit oder das selbstständige Erkennen von Zusammenhängen heute seltener selbstverständlich. „Man muss prinzipiell alles sagen“, beschreibt er seine Erfahrung. Klare Orientierung hält er deswegen für unverzichtbar. Zugleich nimmt er seine Azubis auch in die Pflicht. Jeder erhält ein eigenes Fahrzeug, für dessen Zustand er verantwortlich ist. „Mit einem gewissen Maß an Verantwortung wachsen die Azubis dann“, beobachtet er.
Azubi Kai Heckmann nimmt am Steuer Platz, dahinter sein Chef und Ausbilder Ralf Reiß. Seit August bildet er in der Spedition Reiß & Co Transporte in Hirschhorn am Neckar drei Kraftfahrer aus.
Ob internationaler Chemie- und Pharmakonzern oder mittelständische Spedition – beide sehen eine große Stärke der Generation Z in ihrem selbstverständlichen Umgang mit digitalen Technologien. Moderne Lastwagen seien heute „fahrende Computer“, sagt Reiß. Damit hätten die jungen Menschen keine Probleme.
Offenheit für neue Technologien als Stärke
Diehl beobachtet dieselbe Offenheit im Labor. Vor einiger Zeit habe man ein neues Titrationssystem für die Ausbildungsabteilung erhalten, um Konzentrationen chemischer Substanzen zu bestimmen. Während die Ausbilder eher zurückhaltend gewesen seien, hätten sich die Jungen ohne Berührungsängste in das System eingearbeitet. „Da war keine Hemmschwelle, etwas selbst zu probieren und sich da reinzufuchsen.“
Im Umgang mit Smartphones plädiert Hiltmann für einen Paradigmenwechsel. Handys sollten, ebenso wie Künstliche Intelligenz, stärker in Ausbildung und Unterricht einbezogen werden – allerdings mit klaren Grenzen. Manchem Azubi müsse man zu Beginn klarmachen, dass er während der Arbeitszeit nicht alle zehn Minuten WhatsApp- Nachrichten mit seiner Mutter schreiben könne. Aber grundsätzliche Verbote seien wenig zielführend. Außerdem verfügen die heutigen Auszubildenden meist über deutlich bessere Englischkenntnisse als frühere Jahrgänge, wie Diehl und Hiltmann übereinstimmend feststellen. Zugleich hebt Hiltmann auch soziale Eigenschaften hervor, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kämen: Die Generation Z bringe ein hohes Maß an Toleranz, Achtsamkeit und Offenheit für Vielfalt mit.
Bei der Motivation ihrer Auszubildenden kommen Mittelständler und Dax-Konzern zum gleichen Ergebnis: Geld allein bindet keine jungen Menschen. „Es ist nicht nur das Finanzielle. Es muss zwischen den Menschen stimmen“, sagt Reiß. Die Rolle des Ausbilders gehe dabei oft weit über fachliche Fragen hinaus. „Du bist teilweise auch Papa.“ Auch Merck setzt auf persönliche Beziehungen, wobei die Formate stärker strukturiert sind. Mentorenprogramme und generationsübergreifende Workshops fördern den Austausch und erleichtern den Einstieg. Für Hiltmann ist das eine Voraussetzung für erfolgreiche Ausbildung.
Für beide Unternehmen steht fest: Wer junge Menschen wertschätzend begleitet, Erwartungen transparent macht und ihnen früh Verantwortung überträgt, gewinnt motivierte Nachwuchskräfte und hat damit auch bessere Chancen, diese länger zu binden
„IHK NEXT“ – DAS NETZWERK FÜR SÜDHESSISCHE AZUBIS
Mit „IHK Next“ bietet die IHK Darmstadt ein Netzwerk für Auszubildende in Südhessen. Ziel ist es, junge Menschen während ihrer gesamten Ausbildungszeit zu begleiten, zu fördern und zu vernetzen. Im Mittelpunkt stehen dabei der Ausbildungsverlauf, die persönliche Entwicklung und eine erfolgreiche berufliche Zukunft. Es werden Workshops und Trainings geboten, zum Beispiel Telefontraining, Treffen mit Azubis aus anderen Betrieben organisiert und auch ausbildungsnahe Themen behandelt wie Rechte kennen, Karrierepfade entdecken oder Prüfungen entspannter bestehen. „IHK Next“ ist kostenfrei und viele Angebote darin auch.
Weitere Informationen sowie die Anmeldung für Azubis finden Sie im verlinkten Beitrag “ IHK Next - Das Netzwerk für südhessische Azubis”.
Mit „IHK Next“ bietet die IHK Darmstadt ein Netzwerk für Auszubildende in Südhessen. Ziel ist es, junge Menschen während ihrer gesamten Ausbildungszeit zu begleiten, zu fördern und zu vernetzen. Im Mittelpunkt stehen dabei der Ausbildungsverlauf, die persönliche Entwicklung und eine erfolgreiche berufliche Zukunft. Es werden Workshops und Trainings geboten, zum Beispiel Telefontraining, Treffen mit Azubis aus anderen Betrieben organisiert und auch ausbildungsnahe Themen behandelt wie Rechte kennen, Karrierepfade entdecken oder Prüfungen entspannter bestehen. „IHK Next“ ist kostenfrei und viele Angebote darin auch.
Weitere Informationen sowie die Anmeldung für Azubis finden Sie im verlinkten Beitrag “ IHK Next - Das Netzwerk für südhessische Azubis”.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 4/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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Matthias Voigt
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