Interview
Ohne uns bleiben die Teller leer
Tanja Sobbe und Christian Heumann
Die EGV AG mit Hauptsitz in Unna beliefert deutschlandweit Krankenhäuser, Seniorenrichtungen sowie Betriebsgastronomie und versorgt unter anderem auch die Bundeswehr mit Lebensmitteln. Im Interview sprechen Vorstand Christian Heumann und Tanja Sobbe, zuständig für den Ausbildungsbereich, über die Anfänge vor rund 100 Jahren, spezielle Nahrung für Menschen mit Schluckbeschwerden und die Ausbildung von Kraftfahrern.
Herr Heumann, Ernährung wird immer individueller. Wie reagieren Sie als Unternehmen der Branche darauf?
Christian Heumann: Tatsächlich müssen unsere Kunden unterschiedlichste Ernährungsformen abbilden können. Deshalb bieten wir ein breites Sortiment von mehr als 18.000 Artikeln – von Bio- und Fairtrade-Produkten über laktosefreie und halalzertifizierte Lebensmittel bis hin zu Spezialprodukten für Menschen mit Schluckbeschwerden. Diese spielen insbesondere im Seniorenbereich eine wichtige Rolle: Moderne Produkte ermöglichen es, Speisen optisch ansprechend und geschmacklich hochwertig anzubieten, auch wenn sie speziell auf medizinische Bedürfnisse angepasst werden müssen. Das trägt erheblich zur Lebensqualität bei.
Wie breit ist die Produktpalette insgesamt?
Christian Heumann: Es ist einfacher, zu sagen, welche Lebensmittel wir nicht haben. Dazu gehören beispielsweise frische Brötchen. Die kann der Bäcker nebenan noch immer am besten. Alles andere aber gibt es von uns, sowohl Frisches vom Feld als auch hochwertige Tiefkühlware und Convenience-Produkte – je nach Bedarf und Anforderung. Zudem unterstützen wir unsere Kunden auch mit digitalen Lösungen, Beratungen und Fortbildungen. Ob Rezepte, Speisepläne, Nachweispflichten, Kalkulation: Wir können den gesamten Workflow abbilden, den man bei der Versorgung vieler Menschen braucht. Und das alles immer ganz individuell, denn jede Einrichtung ist schließlich anders.
Wie digital ist das Unternehmen aufgestellt?
Christian Heumann: Digitalisierung spielt bei uns natürlich eine sehr wichtige Rolle. Dies lässt sich unter anderem daran ablesen, dass wir selbst Fachinformatiker ausbilden – und wohl in wenigen Monaten komplett ohne Lieferscheine auskommen werden.
Zugleich blickt die EVG AG auf eine lange Geschichte zurück. Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?
Christian Heumann: Gegründet wurde das Unternehmen 1928 als bäuerliche Absatzgenossenschaft in Unna. In den 1970er-Jahren erfolgte die strategische Neuausrichtung auf die Versorgung von Großküchen, Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen. Nach der Wiedervereinigung haben wir – mein Vater, mein Bruder und ich – früh die Chancen in den damals neuen Bundesländern genutzt und dort Standorte aufgebaut. Aus einem kleinen regionalen Betrieb ist so ein Unternehmen mit heute rund 500 Millionen Euro Umsatz, sieben Standorten in fünf Bundesländern und etwa 1.200 Mitarbeitenden geworden. Manche unserer Kunden geben 30.000 Essen pro Tag heraus, um eine weitere Zahl zu nennen.
Was ist die Konstante in dieser langen Zeit?
Christian Heumann: Die wichtigste Konstante ist, dass ausgewogenes und qualitätsvolles Essen immer gebraucht wird und wir uns um die Versorgung kümmern. Jeder Mensch benötigt rund 2.000 Kalorien am Tag – so zumindest der grobe Richtwert. Und gerade dort, wo Menschen sich nicht selbst versorgen können, ist eine zuverlässige Verpflegung unverzichtbar – etwa in Krankenhäusern, Senioreneinrichtungen, Justizvollzugsanstalten oder bei der Bundeswehr, die wir ebenfalls zu unseren Kunden zählen dürfen. Das gibt uns als Unternehmen eine besondere Stabilität und macht uns ein Stück weit unabhängig von konjunkturellen Schwankungen. Wir liefern die Zutaten und Produkte für Küchen, die täglich Tausende Menschen versorgen. Unsere Aufgabe ist sinnvoll und gesellschaftlich relevant. Ohne eine funktionierende Lebensmittelversorgung bleiben die Teller leer. Daraus ergibt sich logischerweise eine große Verantwortung: Unsere Kunden verlassen sich darauf, dass wir pünktlich liefern, die Kühlkette einhalten und höchste Produktqualität sicherstellen.
Wie würden Sie Ihre Unternehmensphilosophie zusammenfassen?
Christian Heumann: Wir verstehen uns nicht nur als Unternehmen, sondern als Wertegemeinschaft. Zusammenarbeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Unterstützung prägen unseren Alltag. Wir verbinden die Leistungsfähigkeit eines großen Players mit den Werten eines mittelständischen Familienunternehmens. So legen wir großen Wert auf persönliche Beziehungen. Unsere Fahrerinnen und Fahrer beispielsweise sind oft die wichtigsten Ansprechpartner. Sie kennen ihre Kunden, sind regelmäßig vor Ort und sorgen dafür, dass aus einer Lieferbeziehung eine echte Partnerschaft wird, die viele Jahre hält.
Berufskraftfahrer sind heiß begehrt – wie schwierig ist es, Nachwuchs zu finden?
Tanja Sobbe: Viele junge Menschen haben mitunter ein falsches Bild von diesem Beruf. Sie denken ausschließlich an Fernfahrer, die tagelang unterwegs sind und auf Raststätten übernachten. Unsere Realität sieht ganz anders aus. Unsere Fahrerinnen und Fahrer sind regional unterwegs. Sie starten früh morgens und sind häufig schon mittags wieder zu Hause. Gleichzeitig übernehmen sie viel Verantwortung und stehen in engem Kontakt mit unseren Kunden. Natürlich merken auch wir, dass die Zahl der Bewerbungen insgesamt zurückgeht. Deshalb gehen wir aktiv auf junge Menschen zu – in Schulen, auf Ausbildungsmessen oder über unsere Ausbildungsbotschafter.
Wie viele junge Menschen bilden Sie aktuell aus?
Tanja Sobbe: Aktuell haben wir an allen sieben Standorten 57 Auszubildende in sechs verschiedenen Ausbildungsberufen. Dazu gehören Berufskraftfahrer, Kaufleute für Groß- und Außenhandelsmanagement, Fachinformatiker sowie die Ausbildungsberufe im Bereich Lagerlogistik.
Wie begleiten Sie junge Menschen beim Start ins Berufsleben?
Tanja Sobbe: Im Fahrerbereich beginnt die Ausbildung bewusst im Lager. Dort lernen die Auszubildenden unsere Produkte, Prozesse und Kolleginnen und Kollegen kennen. Anschließend finanzieren wir die notwendigen Führerscheine und begleiten die praktische Ausbildung mit einem Patenprogramm. In allen Ausbildungsberufen, ob in der IT oder der Lagerlogistik, ist es uns wichtig, dass sich neue Auszubildende vom ersten Tag an willkommen fühlen. Deshalb starten wir jedes Jahr mit einer gemeinsamen Onboarding-Woche. Dort lernen die Nachwuchskräfte das Unternehmen, die verschiedenen Bereiche und natürlich auch die anderen Auszubildenden kennen. Ergänzt wird das durch Workshops zu Themen wie Gesundheit, Ernährung, Schlaf oder Rechte und Pflichten in der Ausbildung. Wir sagen oft, dass die EGV eine Familie ist. Dieses Gemeinschaftsgefühl möchten wir von Anfang an vermitteln.