Stadtstrukturelle Unterschiede

Bevor die Passantenfrequenzen der fünf Städte miteinander betrachtet werden, lohnt ein Blick auf ihre unterschiedlichen strukturellen Voraussetzungen. Das folgende Kapitel zeigt, wie sich Aurich, Emden, Leer, Norden und Papenburg hinsichtlich Einwohnerzahl, Kaufkraft, Einzelhandel und Tourismus unterscheiden – und welche jeweils eigenen Funktionen sie als regionale Zentren übernehmen.

Basiskennzahlen der Städte

Einzelhandelsrelevante Kaufkraft und Einzelhandelsumsatz im Jahr 2025

Stadt Einzelhandelsrelevante Kaufkraft 2025 (in Millionen Euro) Einzelhandelsumsatz 2025 (in Millionen Euro)
Aurich 326 346
Emden 348 382
Leer 256 460
Norden 178 253
Papenburg 270 360

Einwohner und Gästeübernachtungen im Jahr 2025

Stadt Einwohner 31.12.2025 Gästeübernachtungen 2025 (ab 10 Betten)
Aurich 42.575 167.610
Emden 49.009 274.325
Leer 34.277 192.036
Norden 24.978 143.037
Papenburg 36.972 269.762

Zentralitätskennziffer im Jahr 2025

Stadt Zentralitätskennziffer 2025 (D = 100)
Aurich 121
Emden 126
Leer 206
Norden 163
Papenburg 153
Quellen der Basiskennzahlen: Michael Bauer Research GmbH 2025 basierend auf © Statistisches Bundesamt | Gästeübernachtungen: Niedersächsisches Landesamt für Statistik

Mittelstädte prägen Ostfriesland

Kennzeichnend für die Siedlungsstruktur Ostfrieslands ist, dass die Region nicht von einer Großstadt dominiert wird, sondern vor allem durch Mittelstädte geprägt ist. Auch das im IHK-Bezirk liegende Papenburg, das nicht zu Ostfriesland, sondern zum Emsland gehört, zählt zu den Mittelstädten.
Obwohl alle betrachteten Städte dieser Kategorie angehören, unterscheiden sie sich deutlich in ihrer Einwohnerzahl: Emden hat mit knapp 50.000 Einwohnern fast doppelt so viele Einwohner wie Norden mit rund 25.000. Aurich (circa 43.000 Einwohner), Papenburg (circa 37.000 Einwohner) und Leer (circa 34.000 Einwohner) liegen mit ihren Einwohnerzahlen im Mittelfeld zwischen Emden und Norden.

Kommunen als regionale Knotenpunkte mit verschiedenen Schwerpunkten

Die Städte lassen sich nicht nur über ihre Einwohnerzahl, sondern vor allem über ihre Funktion im Raum verstehen. Aurich, Emden, Leer, Norden und Papenburg wirken als regionale Knotenpunkte mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die Daten zeigen, dass Einwohnerzahl, Kaufkraft, Einzelhandelsumsatz und Übernachtungen nicht parallel verlaufen, was auf unterschiedliche Standortprofile hinweist.

Faktor Kaufkraft

Aurich verfügt aufgrund seiner Funktion als Verwaltungs- und Versorgungszentrum (Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises sowie „inoffizielle Hauptstadt Ostfrieslands“) über eine hohe Kaufkraft pro Kopf. Emden, das stärker durch Hafen- und Industrieaktivitäten geprägt ist, sowie Norden, das sich in peripherer Lage befindet und stark von der saisonabhängigen Tourismuswirtschaft abhängt, weisen hingegen eine geringere Kaufkraft je Einwohner auf. Leer nimmt als leistungsstarker Handelsstandort und Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises eine Sonderstellung ein: Der hohe Einzelhandelsumsatz bei vergleichsweise moderater Einwohnerzahl deutet darauf hin, dass die Stadt Kaufkraft aus dem Umland bindet und damit über ihre eigene Bevölkerungsbasis hinaus wirkt. Dass Emden trotz einer deutlich größeren Einwohnerzahl niedrigere Einzelhandelsumsätze erreicht, unterstreicht diese funktionale Differenzierung zusätzlich.

Faktor Übernachtungszahlen

Alle betrachteten Städte fallen durch überdurchschnittlich hohe Übernachtungszahlen auf. Bei den betrachteten Übernachtungszahlen handelt es sich – aus Gründen der Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit – um Daten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik. Diese Daten beinhalten ausschließlich Übernachtungen in Betrieben ab 10 Betten. Die tatsächlichen Übernachtungszahlen, die nicht für alle Städte vorliegen, fallen – dort wo diese vorliegen – wesentlich höher aus (zum Beispiel Aurich 271.100, Leer 287.376, Norden inklusive Norddeich 1.979.393). Pro Einwohner werden hier zwischen 3,9 (Aurich) und 7,3 (Papenburg) gezählt. Das deutet darauf hin, dass Tourismus hier nicht primär von der Stadtgröße abhängt, sondern von Attraktionen, Lage, Erreichbarkeit und vorhandenen Beherbergungskapazitäten. Norden (ohne Norddeich) zeigt trotz geringerer Größe ebenfalls relevante Tourismuswerte, was auf eine eigenständige touristische Rolle hinaus im Küstenraum auch über das Nordseebad Norddeich hindeutet. Für Norden wurden die amtlichen Übernachtungszahlen anhand eines Verteilungsschlüssels geschätzt, da das Niedersächsische Landesamt für Statistik keine Trennung zwischen Norden und Norddeich vorsieht; dabei wurde der von den Wirtschaftsbetrieben der Stadt Norden GmbH genannte Anteil inklusive Betriebe mit weniger als 10 Betten von 14 Prozent für Norden und 86 Prozent für Norddeich auf die offiziellen Zahlen des Statistischen Landesamtes übertragen.
Insgesamt profitieren alle Städte von den Besucherströmen der ostfriesischen Küsten beziehungsweise ostfriesischen Inseln, die jährlich mehrere Millionen Touristen anziehen – auch wenn keine der betrachteten Innenstädte unmittelbar an der Nordsee liegt.

Fazit: Städte weisen unterschiedliche Stadtidentitäten auf

In der Gesamtschau entsteht ein Bild von Städten mit unterschiedlichen Stadtidentitäten:
  • Emden eher als größere, funktionsgemischte Stadt mit Industrie- und Hafenbezug.
  • Leer als besonders starker Handelsstandort.
  • Aurich als administrativ geprägte Kreisstadt.
  • Norden als kleinerer, aber touristisch relevanter Standort.
  • Papenburg als Mittelstadt mit ungewöhnlich hoher touristischer und wirtschaftlicher Eigenständigkeit.
Genau diese funktionale Differenzierung ist typisch für Mittelstädte in peripheren Räumen, die als Ankerpunkte für ihr Umland wirken.