Wirtschaft Region Fulda
Nr. 7125084
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Interview

Viel mehr, als Strom aus Wind und Sonne

Wie kann die Energiewende am Standort Osthessen gelingen? Antworten darauf liefern vier regionale Unternehmer, die ganz unterschiedliche Rollen im Energiesystem einnehmen.

„Wir brauchen mehr als neue Anlagen“

Florian Wehner, Geschäftsführer der FW Gruppe, sieht in der regionalen Energiewende große Chancen für Wirtschaft und Versorgungssicherheit. Voraussetzung dafür seien jedoch eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten, leistungsfähige Speicher und der weitere Ausbau der Netzinfrastruktur. Aus seiner Sicht wird häufig unterschätzt, dass die Energiewende weit über den Bau von Wind- oder Solaranlagen hinausgeht. „Die wichtigste Erfahrung aus dem bislang größten PV-Park im Landkreis Fulda ist, dass solche Projekte nur dann erfolgreich umgesetzt werden können, wenn Kommunen, Flächeneigentümer, Netzbetreiber und regionale Unternehmen frühzeitig und transparent zusammenarbeiten“, betont Wehner. Klare Zuständigkeiten, realistische Zeitpläne sowie die Berücksichtigung von Netzanbindung, Akzeptanz und regionaler Wertschöpfung seien dabei entscheidende Erfolgsfaktoren. Mit Blick auf den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien sieht Wehner insbesondere bei Speicherlösungen noch Handlungsbedarf.
Um entsprechende Projekte schneller voranzubringen, brauche es verlässlichere Erlösmodelle, weniger bürokratische Hürden, schnellere Genehmigungsverfahren und Netzentgelte, die Speicher nicht mehrfach belasten. Auch für die regionale Wirtschaft könne eine stärkere Stromerzeugung vor Ort Vorteile bringen. „Mehr regionale Stromerzeugung kann Preise stabilisieren und Unternehmen entlasten“, sagt Wehner. Insbesondere direkte Lieferverträge, Speicherlösungen und ein flexibler Stromverbrauch könnten dazu beitragen. Als Beispiel nennt er die Versorgung eines regionalen Rechenzentrums mit günstigem Strom aus der Region. Eine zentrale Fehlannahme in der öffentlichen Debatte sieht Wehner darin, die Energiewende auf den Bau neuer Anlagen zu reduzieren. „Entscheidend sind ebenso Netze, Speicher, Digitalisierung und marktgerechte Rahmenbedingungen.“ Nur wenn alle diese Bausteine zusammenwirkten, könne die Energiewende langfristig erfolgreich und wirtschaftlich gestaltet werden.

„Energie sollte zum Standortvorteil werden“

Für Klaus Schleicher ist die Energiewende weit mehr als der Ausbau einzelner Anlagen. Der Geschäftsführer von KSE Energietechnik setzt auf die intelligente Verknüpfung von Stromerzeugung, Speicherung, Wärmeversorgung und Mobilität. Pilotprojekte wie das energieautarke Hausboot „KSEnia“ oder der Businesspark Area 766 sollen zeigen, wie die Energieversorgung der Zukunft funktionieren kann. „Solche Projekte machen Innovationen greifbar. Sie schaffen Vertrauen, weil sie nicht auf theoretischen Konzepten, sondern auf realen Erfahrungen basieren“, sagt Schleicher. Entscheidend sei dabei die sogenannte Sektorenkopplung: Strom, Wärme, industrielle Prozesse und Mobilität würden zunehmend über den Energieträger Strom miteinander verbunden. Dadurch lasse sich der Energieeinsatz deutlich effizienter gestalten. „Eines ist klar“, so Schleicher, „der Strombedarf wird steigen, während der Primärenergiebedarf deutlich zurückgehen wird.“
Von integrierten Energiekonzepten wie im Businesspark Area 766 ist Schleicher überzeugt. Gewerbeimmobilien würden künftig nicht mehr nur Energie verbrauchen, sondern sie erzeugen, speichern und bedarfsgerecht ins Netz einspeisen. Photovoltaik, Speichertechnik, intelligente Steuerung und Elektromobilität würden dabei zunehmend zu einem Gesamtsystem verschmelzen. Für Unternehmen entstünden daraus handfeste Vorteile – von geringeren Betriebskosten über mehr Unabhängigkeit von Strompreisschwankungen bis hin zu einer besseren CO-Bilanz. Für die Region Fulda wünscht sich Klaus Schleicher vor allem eines: eine Vorreiterrolle bei intelligenten Energiekonzepten. Sein Ziel sei nicht das größte Solarprojekt oder der größte Batteriespeicher, sondern eine Modellregion, in der Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und wirtschaftlicher Erfolg gemeinsam gedacht werden. „Energie sollte nicht nur klimafreundlich sein, sondern auch ein echter Standortvorteil werden“, betont er. Durch die Verbindung von Energie, Mobilität und regionaler Wertschöpfung könne Fulda weit über die Region hinaus Strahlkraft entwickeln.

„Wir investieren in Effizienz und Klimaschutz“

Während die Energiewende häufig mit Windkraftund Photovoltaikanlagen verbunden wird, leisten auch energieintensive Industriebetriebe wichtige Beiträge zur Transformation. Die Zement- und Kalkwerke (ZKW) Otterbein in Großenlüder investieren derzeit rund 30 Millionen Euro in die Modernisierung ihrer Zementproduktion. Ziel ist es, Energieverbrauch und CO-Emissionen deutlich zu senken und gleichzeitig die Zukunft des Standorts zu sichern. Mit dem Investitionspaket „NovaCEM 2027“ will das Familienunternehmen neue Zementsorten herstellen, deren CO-Fußabdruck im Vergleich um bis zu 60 Prozent geringer ausfallen soll. Gleichzeitig sollen moderne Produktionsverfahren den Stromverbrauch des Werks um bis zu 20 Prozent reduzieren.
„Diese Großinvestition markiert einen wegweisenden Meilenstein in der Geschichte unseres Unternehmens“, betont Geschäftsführer Dr. Christian W. Müller. Das Projekt knüpfe an bereits umgesetzte Maßnahmen zur Verbesserung von Umwelt- und Klimaschutz an und eröffne neue Möglichkeiten, nachhaltige Baustoffe besonders energieeffizient herzustellen. Besondere Bedeutung hat dabei die Förderung durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE). Unterstützt wird das Vorhaben aufgrund seines hohen Potenzials zur Energieeinsparung und CO-Reduktion. Nach Einschätzung der Geschäftsführer zeigt dies, dass der Umbau energieintensiver Produktionsprozesse ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu mehr Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit ist. Für ZKW Otterbein geht es dabei nicht nur um technische Innovationen, sondern auch um die Zukunft des Standorts. „So können wir unseren Kunden künftig noch nachhaltigere Produkte bei gleichbleibend hoher Qualität anbieten und zugleich langfristig hochwertige Industriearbeitsplätze sichern“, so Christian Müller. Mit der für 2027 geplanten Inbetriebnahme der neuen Anlagen will das Unternehmen ein Zeichen setzen, dass Klimaschutz, wirtschaftlicher Erfolg und industrielle Wertschöpfung auch in einer traditionsreichen Region wie dem Landkreis Fulda zusammengehen können.

„Entscheidend ist die Kombination verschiedener Technologien“

Gangolf Hosenfeld sieht auch für Biomasse und Holzpellets eine wichtige Rolle in der künftigen Energieversorgung. Entscheidend sei die Kombination verschiedener Technologien, so der Geschäftsführer der EnergiePellets Hosenfeld GmbH. Nach seiner Auffassung bieten Holzpellets insbesondere in ländlichen Regionen eine gute Möglichkeit, fossile Energieträger zu ersetzen. Pelletheizungen und -öfen könnten bestehende Heizsysteme sinnvoll ergänzen und dabei auf einen Brennstoff zurückgreifen, der aus regionalen Sägenebenprodukten hergestellt wird. Dadurch blieben Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Region, während gleichzeitig CO-Emissionen reduziert würden. Zudem werden bei Hosenfeld Holzreste schon heute flexibel und bedarfsgerecht in einem Biomassekraftwerk zur Erzeugung von Prozesswärme und Strom eingesetzt – ein wichtiger Vorteil für eine sichere und stabile Energieversorgung.
Für die Zukunft erwartet Hosenfeld, dass regionale Wertschöpfung und Versorgungssicherheit weiter an Bedeutung gewinnen. Dezentrale Energieerzeugung aus Biomasse, Sonne, Wind und Wasser könne die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und internationalen Energiemärkten reduzieren. „Wir kombinieren bei uns Photovoltaik, Biomassekraftwerk und eine Freiflächen-PV-Anlage mit Batteriespeicher und E-Mobilität. Unser hoher Autarkiegrad zeigt, welches Potenzial dieses Modell gerade für energieintensive Betriebe bietet“, betont Hosenfeld.
Große Chancen sieht Hosenfeld in der Kombination verschiedener erneuerbarer Energien mit Speicherund Steuerungstechnik. So könnten Unternehmen ihren Eigenverbrauch erhöhen, Energiekosten und Lastspitzen senken und das Stromnetz entlasten. Die Region Fulda bringe dafür bereits heute gute Voraussetzungen mit.