Mittel- und Südamerika

Argentinien: Zurück – um zu bleiben?

Seit Javier Milei Präsident ist, hat sich Argentinien wirtschaftlich stabilisiert: Die Inflation ist in den letzten 2,5 Jahren von über 200 Prozent auf etwa 30 Prozent gefallen. Das Haushaltsdefizit ist so gut wie beseitigt. IWF-Chefin Kristalina Georgieva lobte jüngst die verbessere Kreditwürdigkeit des Landes und die OECD kalkuliert mit einem diesjährigen Wirtschaftswachstum von 2,8 Prozent. Während der argentinische Energiehandel bereits im letzten Jahr einen Milliardenüberschuss erzielte, kamen zum Auftakt diesen Jahres Rekordzahlen aus der argentinischen Agroindustrie. Große Fortschritte wurden in den vergangenen Monaten auch bei Projekten im Bergbau gemacht.
Ist Argentinien also über den Berg?
So einfach ist es nicht.
Denn dem Aufschwung fehlt bislang an Breite. Er konzentriert sich vor allem auf Landwirtschaft, Energie, Bergbau und Finanzwesen – kapitalintensive Sektoren, die vergleichsweise wenige Menschen beschäftigen. Für große Teile der Industrie sieht die Realität schwieriger aus.
Mit dem Ende vier staatlichen Subventionen sind die Kosten für Energie und Transport deutlich gestiegen. Die Strompreise haben sich teilweise um bis zu 230 Prozent erhöht, Gas ist in den vergangenen Jahren um fast 700 Prozent teurer geworden. Gleichzeitig wurden Importbeschränkungen und Zölle abgebaut. Für viele inländische Unternehmen bedeutet das: höhere Produktionskosten, während gleichzeitig ausländische Waren leichter auf den argentinischen Markt gelangen.
Mehr als 27.000 argentinische Betriebe, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, sollen seit Mileis Amtsantritt ihre Produktion eingestellt haben.
Die Proteste der Gewerkschaften und Warnungen vor einer Deindustrialisierung sind sicherlich ernst zu nehmen. Und doch wäre es zu früh, die argentinische Industrie abzuschreiben. Denn im Juni zeigten sich erste Zeichen einer Erholung: Zehn der 16 Branchen des verarbeitenden Gewerbes verzeichneten gegenüber dem Vorjahr Zuwächse. Besonders deutlich war die Verbesserung bei Grundmetallen und chemischen Erzeugnissen. Auch Maschinen und Ausrüstung, Kraftfahrzeuge sowie Lebensmittel und Getränke entwickelten sich im Monatsvergleich besser als noch im Mai.
Das sind noch keine Beweise für einen nachhaltigen industriellen Aufschwung. Aber sie zeigen, dass noch etwas passiert. Und das ist wichtig, denn solange vor allem kapitalintensive Branchen von dem aktuellen Wachstum profitieren, werden der wirtschaftliche Aufschwung Argentiniens und die persönliche wirtschaftliche Lage vieler Argentinier weiterhin erstaunlich weit auseinander liegen. Ihr Alltag zeichnet sich nämlich hauptsächlich durch gestiegene Lebenshaltungskosten, niedrigere Reallöhne oder Renten und auch Arbeitsplatzverluste aus.
Argentinien ist heute ein anderes Land als noch vor wenigen Jahren: wirtschaftlich stabiler, aber gesellschaftlich angespannt; attraktiver für Investitionen und ausländische Exporteure, zugleich vielleicht sogar herausfordernder für viele produzierende Unternehmen vor Ort; voller Chancen und ebenso voller Unwägbarkeiten.
Für deutsche Unternehmen ist das eine wichtige Nachricht.
Denn unabhängig davon, wie erfolgreich Mileis Reformkurs am Ende sein wird, haben sich die Rahmenbedingungen für Geschäfte deutscher Unternehmen in Argentinien bereits spürbar verändert. Nicht nur das Interesse aus Deutschland, sondern auch das Engagement vieler deutscher Betriebe im Land nimmt merklich zu.
Gerade für kleine und mittlere Unternehmen lohnt deshalb ein genauerer Blick: Wo entstehen jetzt konkrete Geschäftschancen? Welche Branchen profitieren vom neuen wirtschaftspolitischen Kurs? Und wo liegen weiterhin die Stolpersteine für deutsche Unternehmen?
Gesprächskreis Mittel- und Südamerika der IHK Hannover am 7. September 2026
Diesen Fragen widmet sich der Gesprächskreis Mittel- und Südamerika der IHK Hannover am 7. September 2026. Gemeinsam mit dem Generalkonsulat der Argentinischen Republik in Hamburg bringt die IHK Hannover Unternehmensvertreter und Experten zusammen, um den argentinischen Markt jenseits von Krisenmeldungen und Reform-Euphorie neu zu bewerten.
Denn vielleicht ist die entscheidende Frage inzwischen nicht mehr, ob Argentinien über den Berg ist – sondern wer sich auf die Tour gemacht hat und den Gipfel erklimmen wird. .
Im Rahmen der Sitzung des Gesprächskreises diskutieren
  • Generalkonsulin Fernández García vom Generalkonsulat der Republik Argentinien in Hamburg
  • Gerrit Harms, Public Affairs, Regional Officer Latin America & Oceania, State Aid ESP & PT, Group Subsidy Tracker/FSR Volkswagen AG
  • Juan A. Khouri, Geschäftsführer, Dosbio S.A.
  • Aleksandar Medjedovic, Geschäftsführer der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer
Nach der Podiumsdiskussion lädt die IHK zu einem gemeinsamen Imbiss ein. Dabei haben Unternehmen die Gelegenheit, mit den Talkgästen sowie den weiteren Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen. Bei Bedarf können im Anschluss auch individuelle Beratungsgespräche mit dem Generalkonsulat der Republik Argentinien in Hamburg und der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer erfolgen.
Auf der Event-Webseite finden Sie die Details zum Programm sowie die Möglichkeit zur Anmeldung. Die Teilnahme an dem Gesprächskreis Mittel- und Südamerika ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist erforderlich. Bei hoher Nachfrage werden die verfügbaren Plätze nach Eingang der Anmeldungen vergeben.
Stand: 25.08.2026