Nordamerika
Wiedersehen mit Kanada
Lange galt Kanada als verlässlicher, aber eher leiser Partner in der deutschen Außenwirtschaft. Damit könnte es bald vorbei sein. Denn in den vergangenen Monaten haben Deutschland, die Europäische Union und Kanada eine Vielzahl neuer Partnerschaften und Initiativen auf den Weg gebracht, die weit über klassische Handelsbeziehungen hinausgehen.
Im Handelskonflikt mit der US-Regierung sucht Kanada eine engere Partnerschaft mit der Europäischen Union. Gleichzeitig wächst auch in Europa das Interesse an einer diversifizierten Nordamerika-Strategie. Kanada wird zunehmend nicht mehr nur als Teil des nordamerikanischen Marktes betrachtet, sondern als strategischer Partner mit eigenem Profil.
CETA ist dafür eine gute Basis. Doch die Beziehungen zwischen Kanada und Europa gehen inzwischen weit über dieses Freihandelsabkommen hinaus. Deutschland, Kanada und die Europäische Union arbeiten an einer deutlich engeren Zusammenarbeit. Im Juli starteten die Verhandlungen über ein deutsch-kanadisches Partnerschaftsabkommen, im September stellte die EU sogar eine assoziierte Mitgliedschaft Kanadas zur Diskussion. Für Unternehmen ergeben sich daraus neue Chancen in Handel, Innovation, Rohstoffversorgung und Investitionen.
CETA: Von einer Streitsache zum Erfolgsmodell
Wer verstehen will, warum Kanada und Europa heute enger zusammenrücken, sollte vielleicht bei CETA beginnen. Das Freihandelsabkommen, das seit 2017 vorläufig angewandt wird, hat sich von einem politischen Reizthema zu einem handfesten Standortvorteil entwickelt. Vorläufig“ deshalb, weil die Ratifizierung durch alle EU-Mitgliedstaaten noch aussteht. Eine Evaluierung der EU-Kommission zu dem Abkommen gibt es allerdings – und die ist positiv. Im Zeitraum 2016 bis 2023 stieg der Waren- und Dienstleistungshandel zwischen der EU und Kanada um rund 71 Prozent. Die Warenexporte legten um 64 Prozent zu, der Handel mit Dienstleistungen sogar um 81 Prozent. Besonders profitiert haben Branchen wie Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie und Pharma sowie hochwertige Agrar- und Lebensmittelprodukte. Die Zeit der großen Zolleffekte ist natürlich längst vorbei. Aber CETA kann natürlich mehr: einen verbesserten Marktzugang durch regulatorische Erleichterungen bei der gegenseitigen Anerkennung von Produktionsstandards zum Beispiel. Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen wie etwa in den Bereichen Energie, Infrastruktur oder Smart Cities. Und verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen.
Bemerkenswert ist allerdings ein anderer Befund: Zu den größten Gewinnern des Abkommens zählen laut EU-Evaluierung nicht Deutschland, sondern Länder wie Belgien, Irland, Österreich oder Dänemark. Die Frage liegt auf der Hand: Nutzt die deutsche Wirtschaft die Chancen des kanadischen Marktes bislang ausreichend? Fest steht, dass CETA die Voraussetzungen für deutlich mehr Geschäft auf beiden Seiten des Atlantiks geschaffen hat.
- Umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen (CETA) zwischen Kanada einerseits und der Europäischen Union und ihren Mitgliedstaaten andererseits – Abkommenstext
- Evaluierung der Auswirkungen des umfassenden Wirtschafts- und Handelsabkommens zwischen Kanada und der EU und ihren Mitgliedstaaten
Rohstoffe: Kanada als Partner für die grüne und digitale Transformation
Kritische Rohstoffe sind ein zentrales Thema der deutsch-kanadischen Zusammenarbeit. Kanada verfügt über bedeutende Vorkommen von Lithium, Nickel, Kobalt, Grafit und Seltenen Erden, die für Batterien, Elektromobilität, Windkraftanlagen, Halbleiter und weitere Schlüsseltechnologien benötigt werden. Aufbauend auf der seit 2021 bestehenden EU-kanadischen Rohstoffpartnerschaft wurde die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kanada zuletzt weiter vertieft.
Kanada zählt zu den weltweit wichtigsten Bergbaustandorten, rund die Hälfte der börsennotierten Bergbauunternehmen hat dort ihren Sitz. Der Fokus auf Rohstoffe für grüne Technologien, Halbleiter und Dauermagnete passt zudem eng zu den industriepolitischen Zielen Europas. Interessant ist Kanada dabei nicht nur als Rohstofflieferant, sondern auch als Innovations- und Investitionsstandort: Das Land bietet weltweit mit die besten Voraussetzungen für den Aufbau von Batterielieferketten. Chancen ergeben sich für deutsche Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette: von Investitionen in Bergbau- und Verarbeitungsprojekte über Kooperationen in der Batterie-, Wasserstoff- und Recyclingwirtschaft bis hin zur langfristigen Sicherung strategischer Rohstoffe. Darüber hinaus gewinnen gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte an Bedeutung, etwa bei neuen Abbaumethoden, der Digitalisierung und Dekarbonisierung des Bergbaus sowie der Rückgewinnung kritischer Rohstoffe aus Abfallströmen. Für deutsche Unternehmen eröffnet dies vielfältige Chancen:
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie; Government of Canada (2026): Joint Declaration of Intent between Germany and Canada on Critical Raw Materials. Berlin, August 2026.
- Bernarding, Nina; von Daniels, Laura; Kirchberger, Sarah (2024): Rohstoffpartner Kanada: ein (nahezu) perfekter Match. SWP-Aktuell 27/2024. Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). DOI: 10.18449/2024A27.
Halbleiter: Neue Chancen durch die deutsch-kanadische Technologiepartnerschaft
Neben kritischen Rohstoffen rückt zunehmend auch die Halbleiterindustrie in den Fokus der deutsch-kanadischen Zusammenarbeit. Mit einer 2026 vereinbarten Partnerschaft wollen beide Länder ihre Kooperation bei Forschung, Investitionen und industrieller Entwicklung ausbauen, um die Widerstandsfähigkeit von Lieferketten zu stärken und die Wettbewerbsfähigkeit in Zukunftsfeldern wie Künstlicher Intelligenz, Mikroelektronik und Advanced Computing zu sichern. Kanada gilt dabei als besonders attraktiver Partner: Das Land verfügt über eine starke Forschungslandschaft, gezielte Förderprogramme für Zukunftstechnologien und gewinnt als verlässlicher Standort für Hightech-Wertschöpfung zunehmend an Bedeutung. Für deutsche Unternehmen eröffnen sich damit neue Chancen entlang der gesamten Innovationskette – von Forschungskooperationen und Technologietransfer bis hin zu gemeinsamen Projekten in den Bereichen Leistungselektronik, Chipdesign und intelligente Produktion.
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) (2026): Deutschland und Kanada stärken Zusammenarbeit für ein leistungs- und widerstandsfähiges Halbleiterökosystem. Pressemitteilung vom 30. Juni 2026. Berlin.
Künstliche Intelligenz: Kanada als Innovationspartner
Auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz hat die deutsch-kanadische Zusammenarbeit zuletzt deutlich an Dynamik gewonnen. Aufbauend auf der 2025 gestarteten Digitalallianz vereinbarten beide Länder 2026 eine engere Kooperation bei KI, digitalen Schlüsseltechnologien und leistungsfähigen Recheninfrastrukturen. Ziel ist es, Innovationen zu beschleunigen, technologische Souveränität zu stärken und gemeinsame Antworten auf die steigende Nachfrage nach vertrauenswürdiger KI zu entwickeln.
Für deutsche Unternehmen eröffnet dies attraktive Anknüpfungspunkte in einem der weltweit führenden KI-Ökosysteme. Kanada gilt mit Forschungszentren wie dem Mila-Institut in Montréal und einer starken Start-up-Landschaft als internationaler Vorreiter in der KI-Forschung. Chancen ergeben sich insbesondere in den Bereichen industrielle KI, intelligente Fertigung, Energiesysteme, Dateninfrastruktur und Softwareentwicklung. Gemeinsame Forschungsprojekte, der Austausch von Fachkräften sowie neue Investitionen in KI-Sicherheit und Rechenkapazitäten sollen zudem den Technologietransfer zwischen beiden Ländern beschleunigen. Damit entwickelt sich Kanada nicht nur zu einem wichtigen Forschungsstandort, sondern auch zu einem strategischen Partner für deutsche Unternehmen, die von der nächsten Welle der KI-Innovation profitieren wollen.
- Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) (2025): Start für Deutsch-Kanadische Digital-Allianz. Pressemitteilung vom 6. Dezember 2025. Berlin.
- Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) (2026): Deutschland und Kanada vertiefen Zusammenarbeit im Bereich Künstliche Intelligenz. Pressemitteilung vom Februar 2026, Berlin.
- Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) (2026): Meilenstein für Deutsch-Kanadische Digitalallianz. Aktuelle Meldung, veröffentlicht am 10. September 2026. Berlin.
Forschung vernetzen, Innovation beschleunigen
Mit der Assoziierung Kanadas an das EU-Forschungsprogramm Horizont Europa ist auch die wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit zwischen Kanada und Europa auf eine neue Ebene gehoben worden. Der gemeinsame Innovationsraum bringt Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Start-ups enger zusammen. Für deutsche Unternehmen bietet sich die Chance, von Kanadas starker Forschungslandschaft zu profitieren, internationale Entwicklungspartnerschaften aufzubauen und neue Technologien gemeinsam zur Marktreife zu führen. In einer wissensgetriebenen Wirtschaft wird die Zusammenarbeit damit zunehmend selbst zu einem Wettbewerbsfaktor.
- Europäische Kommission (2024): Kanada beteiligt sich am Programm „Horizont Europa“. Pressemitteilung IP/24/3626 vom 4. Juli 2024, Brüssel.
Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft: Strategische Nähe wächst
Rohstoffe, Halbleiter und Künstliche Intelligenz sind nur ein Teil der Geschichte. Mit der 2025 unterzeichneten Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft haben die EU und Kanada ihre Zusammenarbeit in Bereichen wie Cybersicherheit, militärischer Mobilität, maritimer Sicherheit, Weltraumsicherheit und dem Schutz kritischer Infrastruktur deutlich ausgeweitet. Ziel ist es, die Resilienz beider Partner in einem zunehmend unsicheren geopolitischen Umfeld zu stärken.
Für Unternehmen ist dies weit mehr als ein sicherheitspolitisches Signal. Die Partnerschaft schafft neue Anknüpfungspunkte in Zukunftsfeldern wie Cyberabwehr, Satellitenkommunikation, Sensorik, unbemannten Systemen und sicherheitsrelevanter Software. Besonders bemerkenswert: Als erstes außereuropäisches Land erhält Kanada Zugang zum europäischen SAFE-Programm für gemeinsame Rüstungsbeschaffung. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten für Industriekooperationen, gemeinsame Entwicklungsprojekte und den Aufbau transatlantischer Wertschöpfungsketten in sicherheitsrelevanten Technologien. Davon profitieren insbesondere Unternehmen aus den Bereichen Luft- und Raumfahrt, maritime Technologien, Schiffbau und digitale Sicherheit. Die Formulierung mit dem SAFE-Programm ist dabei der stärkste und aktuelle Praxisbezug, weil sie die wirtschaftliche Relevanz unmittelbar belegt.
- Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland (2025): EU und Kanada unterzeichnen Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Pressemitteilung vom 24. Juni 2025, Berlin.
Kanada: Ein Platz am europäischen Tisch?
Die Vielzahl dieser Vereinbarungen könnten tatsächlich die Konturen einer transatlantischen Partnerschaft eines neuen Typs erkennen lassen. Nun denken Brüssel und Ottawa sogar über den nächsten Schritt nach: eine deutlich engere politische und wirtschaftliche Anbindung Kanadas an die Europäische Union: Kanada als assoziiertes Mitglied der EU. Anders als eine Vollmitgliedschaft würde sie Kanada zwar kein Mitspracherecht in den EU-Institutionen einräumen. Vorgesehen ist jedoch eine deutlich engere Anbindung in strategischen Bereichen wie Rohstoffen, Energie, Verteidigung, Künstlicher Intelligenz, Quantentechnologien und Forschung. Sollte dieser Schritt gelingen, wäre Kanada stärker mit Europa verbunden als jedes andere außereuropäische Land. Für Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks könnte damit ein gemeinsamer Wirtschafts- und Innovationsraum entstehen, der weit über klassische Handelsbeziehungen hinausgeht.
- IPG Journal (2026): Kanada: Was eine assoziierte EU-Mitgliedschaft bedeutet. IPG Journal, Rubrik Europäische Integration. Veröffentlicht am 30. September 2026.
Über Brüssel hinaus: Der deutsche Blick nach Ottawa
Was bislang vielleicht wie ein Mosaik aus Rohstoff-, Technologie-, Forschungs- und Sicherheitsabkommen erscheint, soll durch ein Strategic Partnership Agreement zu einer kohärenten deutsch-kanadischen Zukunftsagenda zusammengefügt werden. Dazu haben Bundeskanzler Friedrich Merz und Premierminister Mark Carney im Sommer neue Verhandlungen gestartet. Die Vereinbarung soll als flexibler strategischer Rahmen für die künftige Zusammenarbeit dienen und Investitionen in Schlüsselsektoren gezielt fördern. Zu den vorgesehenen Handlungsfeldern zählen Sicherheit und Verteidigung, Technologie, Künstliche Intelligenz und Raumfahrt, kritische Rohstoffe und Lieferketten, Energie sowie Investitionen. Das geplante Abkommen könnte damit zum politischen Dach für viele der Initiativen werden, die bereits heute die deutsch-kanadischen Beziehungen prägen.
Für deutsche Unternehmen stellt sich die Frage welche Chancen sich daraus konkret für das eigene Geschäft ergeben.
Genau darüber diskutiert der IHK-Gesprächskreis USA unter dem Titel „Ein Seitensprung nach Kanada“ am 23. November von 15 bis 17 Uhr gemeinsam mit Yvonne Denz, President & CEO der Deutsch-Kanadischen Industrie- und Handelskammer, und Detlef Engler, Leitender Beauftragter für Investitionen an der Botschaft von Kanada. Die Teilnahme ist kostenfrei. Beim anschließenden Imbiss bietet sich zudem die Gelegenheit, mit den Referenten und anderen Unternehmen ins Gespräch zu kommen und wertvolle Kontakte zu knüpfen.
Stand: 26.10.2026
