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„Die vollkommen stressfreie Stadt ist nicht das Ziel“
Nina Haug forscht am Karlsruher Institut für Technologie zu urbanen Stressfaktoren und ist Stadtplanerin im Büro ASTOC. Im Interview erklärt sie, warum Verkehr nur ein Teil des Problems ist und weshalb auch Schaufenster, Blumenkübel oder abgestellte Fahrräder Stress auslösen können.
Nina Haug, ASTOC ARCHITECTS AND PLANNERS Karlsruhe
Frau Haug, Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit urbanen Stressfaktoren. Was genau stresst uns in der Stadt?
Wir haben uns dieser Frage aus ganz unterschiedlichen Themenfeldern genähert. Im urbanen Raum wird unsere Wahrnehmung ja auch von vielen Faktoren beeinflusst – wenn wir uns durch die Innenstadt bewegen, wirken unzählige Reize auf uns ein. Wenig überraschend ist bei unseren Untersuchungen Verkehr der Haupt-Stressfaktor, gerade in innerstädtischen Bereichen. In Karlsruhe sieht man das zum Beispiel an Orten wie der Erbprinzenstraße, wo sich ganz unterschiedliche Verkehrsarten überlagern.
Man hat ja oft dieses romantische Bild von der Fußgängerzone und könnte meinen, dass es ganz entspannt ist, sich dort zu bewegen. Aber gerade dort ist es oft wahnsinnig stressig, allein durch die Menge an Zufußgehenden und Radfahrerinnen und Radfahrern die dort auf engem Raum zusammenkommen. Interessant war für uns außerdem, dass auch Punkte wie Schaufenstergestaltungen Stress auslösen können. Leuchtreklame, stark blinkende Elemente oder aufblasbare Werbefiguren wirken durchaus auch negativ auf Passantinnen und Passanten ein.
Gab es Ergebnisse, die Sie selbst überrascht haben?
Ja, durchaus. Überraschend war zum Beispiel, dass auch feste Stadtelemente wie Bänke oder Straßenlaternen mit Stress in Verbindung stehen können. Dabei sind es gar nicht unbedingt die Elemente selbst, die Stress auslösen. Häufig passiert dort etwas anderes: Fahrräder werden abgestellt, Dinge sammeln sich an, Wege werden sozusagen künstlich verengt. Dann wird aus einem eigentlich funktionalen Stadtelement ein Hindernis oder ein Ort, an dem sich Bewegungen stauen.
Viele Menschen spüren Stress im Stadtraum eher diffus. Woran lässt sich wissenschaftlich erkennen, dass ein Ort Stress auslöst?
Wir haben Probandinnen und Probanden auf vorgegebenen Pfaden durch die Stadt geschickt. In Karlsruhe führte der Weg zum Beispiel durch die Erbprinzenstraße und am Ettlinger Tor vorbei, aber auch durch ruhigere Straßen und den KIT-Campus. Die Personen waren mit Messgeräten ausgestattet, die wie eine Smartwatch getragen werden. Vereinfacht gesagt funktionieren diese Geräte ein Stück weit wie ein Lügendetektor: Sie messen körperliche Reaktionen, aus denen sich Stress ableiten lässt. Konkret geht es dabei um das Absinken der Hauttemperatur bei gleichzeitigem Anstieg der Feuchtigkeit, also quasi kalter Angstschweiß.
Aus diesen Messdaten entstehen dann Karten, sogenannte Heatmaps. Ganz plakativ ausgedrückt zeigen rote Punkte Bereiche, in denen oft Stress gemessen wurde und blaue Punkte eher entspannte Bereiche. Wichtig ist aber: Der Begriff „Stress“ ist in unserem Sprachgebrauch eher negativ belegt. Die roten Hotspots in unseren Karten stehen also in erster Linie für eine erhöhte Aufmerksamkeit, die in den blauen Bereichen nicht nachweisbar war. Das heißt aber vor allem in der Innenstadt nicht zwingend, dass blau für „gut“ steht. Am Zirkel haben wir beispielsweise weniger Stress gemessen, dort gibt es einfach weniger Reize durch Geschäfte oder ähnliches. Aber der schönste Stadtraum ist das im Umkehrschluss trotzdem nicht. Man kann also sagen: Ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit oder Aktivierung ist auch gut für eine Stadt.
Danach beginnt die eigentliche Ursachenforschung. Wir haben uns die Orte mit verschiedenen Methoden angeschaut und die Stressmessungen mit Umweltfaktoren überlagert: Verkehr, Freiräume, Gebäude, Erdgeschossnutzungen, Lärm, Gerüche oder auch die Gestaltung des öffentlichen Raums.
Haben Sie solche Messungen nur in Karlsruhe durchgeführt?
Nein, wir haben eine Reihe deutscher Großstädte untersucht, darunter Karlsruhe, Osnabrück, Stuttgart und Würzburg. Die Orte, die wir in den Stressmessungen als Hotspots identifiziert haben, waren aber überwiegend vergleichbare Situationen. Was sich immer wieder zeigt: Im öffentlichen Raum überlagern sich unterschiedliche Ansprüche. Menschen wollen sich bewegen, einkaufen, verweilen, Rad fahren, queren, liefern, sehen und gesehen werden. Wenn diese Ansprüche auf engem Raum zusammenkommen, kann dabei Stress entstehen.
Unterscheiden sich die Stressfaktoren für Fußgängerinnen und Fußgänger von denen für Radfahrerinnen und Radfahrer?
Ja, es gibt Unterschiede. Bodenbeläge zum Beispiel stören Radfahrerinnen und Radfahrer deutlich stärker. Für Fußgängerinnen und Fußgänger ist dagegen die Aufteilung des Straßenraums sehr wichtig, der ihnen aufzeigt, wo sie sich sicher bewegen können.
Gemeinsam ist beiden Gruppen, dass Stress häufig dort entsteht, wo Bewegungsräume nicht klar definiert sind oder schlichtweg zu eng werden.
Gemeinsam ist beiden Gruppen, dass Stress häufig dort entsteht, wo Bewegungsräume nicht klar definiert sind oder schlichtweg zu eng werden.
Welche Rolle spielt der motorisierte Verkehr für das Stressempfinden in Innenstädten?
Verkehr ist ein großer Stressfaktor. Aber wir haben auch gemerkt, dass es nicht nur um Autos geht. Fußgängerinnen und Fußgänger können sich auch gegenseitig stressen, das kann man zum Beispiel gut in einer überfüllten Fußgängerzone beobachten.
Auch hier geht es im Grunde genommen um die Überlagerung von Dichten und Nutzungen. Die Waldstraße in Karlsruhe ist dafür ein gutes Beispiel: Eigentlich ist sie ein schöner Stadtraum. Zu Stoßzeiten kann sie aber stressig werden, weil es eng wird und sich ganz unterschiedliche Nutzungsinteressen duellieren.
Sie betrachten auch Erdgeschossnutzungen. Macht es für unser Wohlbefinden einen Unterschied, ob wir an Cafés, Läden, Leerständen oder geschlossenen Fassaden vorbeigehen?
Ja, auf jeden Fall. Aber es ist kein Schwarz-Weiß-Thema. Leerstände sind quasi die Gegenthese zu den stark reizenden Schaufenstern. Beides kann problematisch sein: ein komplett verschlossenes Schaufenster, an dem gar nichts passiert, genauso wie ein Schaufenster, das blinkt, leuchtet und mit Aufklebern oder Sale-Schildern überladen ist. Das sind einfach extreme visuelle Reize.
Das heißt: Eine Stadt soll zwar leben, sie braucht Vielfalt und Aufmerksamkeit. Aber wenn jeder versucht, möglichst schnell Aufmerksamkeit abzugreifen, entsteht auch schnell Reizüberflutung.
Sie haben unter anderem in Karlsruhe geforscht. Was lässt sich aus Ihren Erkenntnissen für die Karlsruher Innenstadt ableiten?
Der erste Schritt ist, die Ursachen genauer zu verstehen. Wir haben aus unseren Untersuchungen mittlerweile einige Faktoren als häufige Auslöser von Stress identifiziert. Jetzt geht es darum, am besten auch gemeinsam mit der Kommune, zu erarbeiten, was für Konsequenzen und Handlungsempfehlungen daraus abgeleitet werden können.
Ein wichtiger Punkt sind Stellen, an denen sich Bewegungslinien überschneiden. Dort müssen Bewegungsräume für die verschiedenen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer vorgehalten und besser geordnet werden. Manches lässt sich relativ einfach verbessern, indem man Verengungen vermeidet.
Ein wichtiger Punkt sind Stellen, an denen sich Bewegungslinien überschneiden. Dort müssen Bewegungsräume für die verschiedenen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer vorgehalten und besser geordnet werden. Manches lässt sich relativ einfach verbessern, indem man Verengungen vermeidet.
Blumenkübel zum Beispiel sind ein Beitrag zur Aufwertung eines Stadtraums. Aber sie sollten nicht im Weg stehen und Bewegungsflächen zusätzlich beengen. Besser ist es, wenn solche Elemente Räume gliedern, statt sie zu blockieren.
Auch sogenannte Aufmerksamkeitsmagneten sollte man sehr reduziert einsetzen. Es geht darum, den Stadtraum nicht zu überladen und die ohnehin bereits hohe Reizdichte der Innenstadt nicht ins Negative kippen zu lassen.
Werden solche Forschungsergebnisse von Kommunen bereits aufgegriffen?
Je nach Setting des Projekts haben wir bei einigen unserer Stressmessungen auch sehr eng mit den jeweiligen Kommunen zusammengearbeitet. In Osnabrück wurden unsere Messungen zum Beispiel über mehrere Jahre hinweg genutzt, um nicht nur den Status Quo aufzuzeichnen, sondern auch den Effekt verschiedener Maßnahmen zu überprüfen.
In Karlsruhe ist das bisher noch nicht in dieser Tiefe passiert. Das liegt aber nicht am fehlenden Willen der Kommune, sondern daran, dass wir mit unserer Ursachenforschung noch mitten in der Grundlagenforschung stecken. Das wäre ein nächster Schritt. Dafür müssten entsprechende Forschungsanträge gestellt werden. Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit mit Städten aber sehr wichtig, weil man nur so überprüfen kann, was sich durch konkrete Maßnahmen tatsächlich verändert.
Sie arbeiten auch praktisch als Stadtplanerin. Fließen diese Erkenntnisse dort ein?
Ja, in der Planungspraxis spielen solche Fragen eigentlich täglich eine Rolle, wenn wir eine städtebauliche Situation analysieren oder neu planen. Man denkt bei jeder Planung darüber nach, wie sie aus der menschlichen Perspektive wirkt, wie Räume genutzt werden, wie Bewegungen funktionieren, wo Konflikte entstehen könnten. Das ist manchmal ein ganz schöner Spagat zwischen den Maßstäben, aber genau das macht unsere Arbeit so spannend.
Welche Rolle können Unternehmen, Immobilienbesitzerinnen und -besitzer sowie Gewerbetreibende dabei spielen?
Eine sehr große. Jeder ist für seine Schaufensterzone und die Vorzone seines Geschäfts mitverantwortlich. Für den Einzelhandel ist dabei besonders wichtig: Innenräume und Außenräume hängen zusammen. Ein Geschäft sollte also nicht isoliert von seiner stadträumlichen Situation betrachtet werden. Die Zone vor dem Laden, die Schaufenster, die Aufsteller sowie der Übergang zum öffentlichen Raum mit seinen übergeordneten Wegebeziehungen wirken schließlich zusammen als ein großes Ganzes.
Wenn Aufsteller immer weiter nach außen geschoben werden und am Ende im Fußweg stehen, werden sie zu Hindernissen und haben dann im schlechtesten Fall sogar den gegenteiligen Effekt. Denn wer sich über Störfaktoren ärgert, kauft auch nicht entspannt ein.
Info: Telefon (07 21) 608- 4 2181, E-Mail: nina.haug@kit.edu
Kontakt
Michael Rausch
IHK Karlsruhe
Referent Innenstadt
