Wirtschaftsspiegel
Nr. 7137180
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Praxis & Ratgeber

Fachkräfte wachsen im Betrieb

Als Finn Nathow im September 2024 seine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann beim Hi-Fly Trampolin Park in Gelsenkirchen beginnt, ist die Halle noch eine Baustelle. Einen laufenden Betrieb und eingespielte Abläufe gibt es nicht. Nathow sieht zunächst nur die Pläne von Geschäftsführer Constantin Cyrus. „Doch genau das war spannend“, sagt Nathow. „Ich kam nicht in etwas Fertiges, sondern konnte von Anfang an miterleben, wie alles entsteht.“
Im August 2026 starten auch am neuen Standort der Bilstein Group in Gelsenkirchen zwei angehende Fachkräfte für Lagerlogistik. Sie sind die ersten Auszubildenden im neuen Logistikzentrum des Automobilzulieferers. Für die Unternehmensgruppe aus Ennepetal ist Ausbildung kein Neuland: Sie bildet seit 1936 aus.
Nathow und Cyrus
Finn Nathow (l.) ist im letzten Jahr seiner Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann beim Hi-Fly Trampolin Park in Gelsenkirchen. Sein Chef Constantin Cyrus ist stolz auf ihn und vertraut ihm geschäftskritische Prozesse an. © JS-Media/IHK Nord Westfalen
Für Hi-Fly-Gründer Cyrus stand schon vor der Eröffnung seines Betriebs fest, dass er selbst ausbilden wollte. „Gute Fachkräfte entstehen nicht zufällig“, sagt er. Sie sammeln Erfahrungen und wachsen mit ihren Aufgaben.
Hinter dem sichtbaren Betrieb des Trampolin Parks stehen Marketing, Einkauf, Warenwirtschaft, Organisation und Personalplanung. Dafür braucht Cyrus neben Teilzeitkräften und Minijobbern ein verlässliches Kernteam, das den Betrieb kennt, seine Vorstellung von Service teilt und langfristig Verantwortung übernimmt.
Wie schnell das gelingen kann, zeigt Nathows Entwicklung. Inzwischen plant er den Personaleinsatz. Dafür muss er abschätzen, wie viele Gäste kommen, welche Beschäftigten verfügbar sind und wie Ferien, Wetter oder Veranstaltungen die Auslastung beeinflussen. Auch mögliche Ausfälle muss er berücksichtigen.
„Das ist ein geschäftskritischer Prozess“, sagt Cyrus. Aus dem Auszubildenden, der zunächst unsicher in einer unfertigen Halle stand, ist ein Mitarbeiter geworden, dem der Geschäftsführer einen zentralen Ablauf anvertraut.
Auch bei Bilstein sollen die Auszubildenden früh praktisch mitarbeiten. Sie durchlaufen verschiedene Bereiche des Logistikzentrums und können dort zunehmend selbstständig Aufgaben übernehmen.

Eigene Ausbildung rechnet sich

Im Gelsenkirchener Logistikzentrum von Bilstein arbeiten derzeit rund 450 Menschen. Bis 2031 soll ihre Zahl auf mehr als 1.000 steigen. „Externe Rekrutierung allein reicht dafür nicht“, sagt Standortleiter Philipp Becker. Wer im Unternehmen ausgebildet wird, lernt dessen Prozesse und Arbeitsweise von Grund auf kennen.
Auch Hi-Fly will Beschäftigte aufbauen, die die Servicekultur des Unternehmens kennen und später mehr Verantwortung übernehmen können. Externe Fachkräfte müssten dagegen zunächst gefunden und eingearbeitet werden, sagt Cyrus. Verließen sie das Unternehmen wieder, beginne der Wissenstransfer von vorn. Für Hi-Fly sei es deshalb „deutlich teurer“, nicht selbst auszubilden.
„Wer selbst ausbildet, gewinnt nicht nur Personal. Man baut Wissen im eigenen Betrieb auf und entwickelt Beschäftigte, die Schritt für Schritt in den Betrieb reinwachsen, am Fortkommen des Betriebs beteiligt sind und dabei ihre Verantwortung übernehmen“, sagt Sabine Mayer, Abteilungsleiterin für Fachkräftesicherung bei der IHK Nord Westfalen.

Gute Ausbilder brauchen Geduld

Cyrus begleitet Nathow gemeinsam mit seinem Betriebsleiter. Dabei soll der Auszubildende nicht nur fertige Antworten erhalten. Er soll lernen, sich Wissen selbst zu erschließen und eigene Lösungen vorzuschlagen. Einen Satz sagt Cyrus deshalb häufiger: „Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wen man fragen kann.“
Auch bei Bilstein kam der Anstoß, am Standort Gelsenkirchen auszubilden, aus dem Betrieb. Für Becker ist Motivation der Ausbilderinnen und Ausbilder wichtiger als maximale fachliche Autorität. „Ein guter Ausbilder braucht Geduld, Engagement und die Bereitschaft, etwas zur Not auch häufiger zu erklären“, weiß er. „Man sollte definitiv Freude daran haben, Menschen wachsen zu sehen“, fügt Bilstein-Ausbildungsleiter Andreas Baron Blau hinzu. Rechtliche Grundlagen und pädagogische Methoden ließen sich lernen.
Baron Blau begann selbst als Auszubildender bei Bilstein. Heute leitet er den Bereich Ausbildung und junge Talente. Rund 50 junge Menschen werden derzeit in der Unternehmensgruppe ausgebildet; 98 Prozent übernimmt Bilstein anschließend.

Der Ausbilderschein schafft die Grundlage

„Wer Auszubildende verantwortlich begleiten will, braucht neben der persönlichen und beruflichen Eignung auch berufs- und arbeitspädagogische Kenntnisse. Diese werden in der Regel mit der AEVO-Prüfung nachgewiesen“, sagt Sabine Mayer, Abteilungsleiterin für Fachkräftesicherung bei der IHK Nord Westfalen. Dafür dient der sogenannte AdA-Schein, auch Ausbilderschein genannt.
Ein halbes Jahr vor der Eröffnung des Hi-Fly Trampolin Parks begann Cyrus, sich auf die AEVO-Prüfung vorzubereiten. Überrascht habe ihn der Umfang der Vorbereitung. Auch mit Studium und Berufserfahrung gab es für ihn keine Verkürzung. Rückblickend hält er das für richtig.
Auch Baron Blau besuchte einen Vorbereitungslehrgang und legte die AEVO-Prüfung ab. Er wollte nicht nur die rechtlichen Regeln kennen, sondern verstehen, wie junge Menschen lernen und am Anfang ihres Berufslebens begleitet werden sollten. „Der Lehrgang war anspruchsvoll, aber neben dem Beruf gut zu bewältigen“, so Baron Blau.

Ausbildung muss zum Betrieb passen

Wie Ausbildung organisiert wird, hängt von der Größe und Struktur des Unternehmens ab. Eine eigene Abteilung, digitale Systeme und zahlreiche Beteiligte braucht es zum Einstieg nicht. „Entscheidend ist, dass Zuständigkeiten geklärt sind und die Betreuung verlässlich funktioniert“, so Mayer.
Bei Hi-Fly teilen sich Cyrus und der Betriebsleiter diese Aufgabe. Die kurzen Wege ermöglichen direkte Rückmeldungen und frühe Verantwortung. Cyrus sieht darin einen Mehrwert: „Junge Menschen stellen andere Fragen, hinterfragen Routinen und bringen neue Perspektiven ein“, sagt er. Damit bringen sie auch den Betrieb dazu, die eigenen Prozesse zu überprüfen.
Bilstein bildet bereits seit 1936 aus stützt sich damit auf eine über Jahrzehnte geübte und mitwachsende Ausbildungsstruktur. Insgesamt mehr als 20 Ausbilder und Ausbildungsbeauftragte sind am Standort Gelsenkirchen tätig. Schulungen, feste Regeln und eine digitale Plattform unterstützen sie. Neue Ausbildungsbetriebe sollten sich davon nicht abschrecken lassen, sagt Baron Blau. „Wir bilden seit 90 Jahren aus und lernen auch immer noch dazu."
Unternehmen, die ausbilden wollen, müssen diesen Weg nicht allein gehen. Gemeinsam mit der IHK-Ausbildungsberatung wird geklärt, ob der Betrieb geeignet ist, welcher Ausbildungsberuf zu den Aufgaben passt und wer die Verantwortung für die Auszubildenden übernehmen kann.
Entscheidend ist nicht, wie groß ein Betrieb ist oder wie viele Menschen an der Ausbildung beteiligt sind. So unterschiedlich die Strukturen sind, das Ziel ist dasselbe: Fachkräfte nicht nur zu suchen, sondern im eigenen Betrieb zu entwickeln.