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Bildungsförderung fürs Business
Auch Solo-Selbstständige sind nicht allein: Eine Heilpädagogin mit Hund und eine Marketingmanagerin berichten, wie ihnen das Förderprogramm KOMPASS dabei half, sich weiter zu qualifizieren.
Leichte Sprache besteht nicht nur aus einfachen Wörtern und klaren Sätzen. Tierische Kommunikatoren sorgen, ganz ohne Worte, für mehr Verständnis. Kirsten Czerner-Nicolas hat für solche Fälle künftig Eddie mit dabei. Die bald sechsjährige Golden Retriever-Dame ist Pädagogikbegleithündin.
Auch dank KOMPASS-Förderung gemeinsam im Einsatz: Kirsten Czerner-Nicolas und Therapiehündin Eddie aus Dortmund. Beraten wurden sie von Karen Sauer (l.) von der IHK Nord Westfalen in Gelsenkirchen.
Doch nicht nur der Vierbeiner wurde speziell für diese Aufgabe geschult: Die Diplom-Heilpädagogin und Expertin für barrierefreie Kommunikation, die in Dortmund das Büro „Leichte Sprache inklusiv!“ betreibt, hat ein halbes Jahr lang eine Weiterbildung zur tiergestützten Intervention besucht. Für 90 Prozent der dafür fälligen Kosten gab es einen KOMPASS-Qualifizierungsscheck.
Bis zu 4.500 Euro sind möglich
Ausgestellt wurde dieser dank des Förderprogramms KOMPASS – Kompakte Hilfe für Solo-Selbstständige. Karen Sauer, KOMPASS-Beraterin der IHK Nord Westfalen in Gelsenkirchen, unterstützte Czerner-Nicolas während des gesamten Förderverfahrens. Dieses reichte von der Erstberatung über die Antragsstellung bis hin zur erfolgreichen Bewilligung. Angesprochen sind hauptberuflich tätige Solo-Selbstständige, die für passgenaue Qualifizierungsmaßnahmen eine Förderung von 90 Prozent der Kosten erhalten, maximal 4.500 Euro.
Seit Mai 2025 ist die IHK Nord Westfalen eine offizielle Anlaufstelle für KOMPASS, fast 500 Erstberatungen hat Sauer seitdem durchgeführt. „Bis zu 30 Anrufe täglich“ hat sie zu Spitzenzeiten gezählt. Rund 200 Antragstellerinnen und Antragsteller haben ihren Scheck mittlerweile erhalten. „Die Nachfrage ist enorm hoch.“
Einen Grund dafür sieht Sauer in der schwierigen wirtschaftlichen Lage. „Vielen Solo-Selbstständigen sind Projekte weggebrochen, sie haben Einbußen erlebt und sagen sich: Ich muss etwas tun.“ Besonders stark vertreten in den Beratungen ist die Kreativwirtschaft. Doch auch Selbstständige aus dem Beratungssektor, dem Handwerk sowie digitalen Dienstleistungsbereichen suchen die Unterstützung der Anlaufstelle.
Mit dem KOMPASS-Qualifizierungsscheck zur KI-Managerin
Klarer Favorit, nicht nur unter Kreativen, ist das Thema Künstliche Intelligenz. Das gilt auch für Christina Albinus, Inhaberin von Glaha -creatives- in Dülmen. Sie betreibt „Marketingmanagement für kleine und mittlere Unternehmen“. KI habe die Medienlandschaft massiv verändert. „Wenn ich mich hier nicht ständig fortbilde, dann bin ich raus aus meinem Business“, erklärt sie. Mit einem ersten Scheck ließ sie sich zur KI-Managerin qualifizieren. Mit Unterstützung von IHK-Projektreferentin Sauer hat sie eine zweite Förderung für eine Weiterbildung erhalten.
Immer im Austausch: Die Beratung für eine KOMPASS-Förderung dauert mehrere Monate. Auch Marketingexpertin Christina Albinus (l.) informierte sich bei Karen Sauer von der IHK Nord Westfalen.
Verkaufen und Unternehmensentwicklung standen in diesem Lehrgang im Mittelpunkt. Albinus sieht sich selbst als eine Art „ausgelagerter Head of Marketing“ für Unternehmen, die sich keine eigene Marketingführungskraft leisten können oder wollen. „Die Art, wie wir eine Dienstleistung an Unternehmen verkaufen, ändert sich“, berichtet sie. Es wird, als gegenläufiger Trend zu Automatisierung und Technisierung, wieder menschlicher. „Menschen kaufen von Menschen“, stellt sie fest. Wieder mehr auf persönliche Ansprache zu setzen, das ist eine Lektion, die sie aus ihrer Fortbildung mitgenommen hat.
Mehrfachförderung ist möglich
Dass die Marketingfachfrau zwei KOMPASS-Förderungen in Anspruch genommen hat, ist kein Einzelfall. „Mehrfachförderungen sind möglich“, unterstreicht Sauer. Eine erneute Förderung kann beantragt werden, sofern seit der Ausgabe des vorherigen Qualifizierungsschecks mindestens zwölf Monate vergangen sind.
Für eine Förderung gilt es, Voraussetzungen zu erfüllen. So müssen die Solo-Selbstständigen seit mindestens zwei Jahren im Haupterwerb tätig sein und mindestens 51 Prozent ihrer Gesamteinkünfte aus der selbstständigen Tätigkeit beziehen. „Auch dürfen sie nicht mehr als eine Vollzeitkraft beschäftigen“, erläutert Sauer. Manche Antragstellerin oder mancher Antragsteller stockt das Einkommen auf, bezieht Arbeitslosengeld oder erzielt zusätzliche Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung. „Das kann dazu führen, von der Förderung ausgeschlossen zu werden.“ Auch die Rechtsform spielt eine Rolle. Wer, wie Albinus, eine KG gegründet hat, muss zusätzliche Unterlagen und Nachweise einreichen, um die Förderfähigkeit zu belegen.
Leichte Sprache, jetzt mit Hund
Czerner-Nicolas hat sich 2018 mit „Leichte Sprache inklusiv!“ selbstständig gemacht. Zuvor verantwortete sie bei einem Träger der Eingliederungshilfe das Qualitätsmanagement, seit 2016 übersetzt sie als Dolmetscherin in Leichte Sprache. Kunden sind Ministerien, Kommunen oder auch Theater und andere kulturelle Einrichtungen, die Kommunikationsbarrieren für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung abbauen wollen.
Auch sie spürte Veränderungen: „Wir gehen weg von einer Heilpädagogik, die etwas heilen, also verändern möchte.“ Der Ansatz wandle sich hin zu Inklusion und Teilhabe. Der Mensch werde so angenommen, wie er ist, und darin unterstützt. „Es geht um Diversität und den Blick darauf, was er braucht.“ Die Diplom-Heilpädagogin beschäftigt vor allem die Gewaltprävention. „Frauen und Mädchen mit einer Behinderung sind besonders gefährdet.“ Um ins Gespräch zu kommen, reicht Leichte Sprache allein oft nicht. „Menschen in Krisensituationen brauchen Empowerment.“ Und dafür sorgen Tiere.
Die Freiberuflerin wollte deshalb wissen: Wie erleichtern Hunde Kommunikation in schwierigen Situationen, wie bauen sie Stress beim Menschen ab und wie beugen sie Depressionen vor? Eine passende Weiterbildung war rasch gefunden. Eine andere Freiberuflerin gab ihr den Tipp, eine KOMPASS-Förderung zu beantragen. Für die Beratung durch die IHK ist sie dankbar. „Als Übersetzerin in Leichte Sprache bin ich einiges gewöhnt, was schwierige Ausdrucksweisen angeht“, erzählt sie. Die Plattform, auf der die Anträge eingereicht werden müssen, sei allerdings „schon komplex“, formuliert sie vorsichtig.
IHK begleitet Solos bis zu zwölf Monate
Mit Unterstützung von Sauer ging sie möglichen Fallstricken aus dem Weg. Nicht nur die Solo-Selbstständigen selbst müssen Vorgaben einhalten. Auch die geplante Weiterbildung wird überprüft. „Nach einem kurzen Erstgespräch schaue ich beispielsweise, ob der Anbieter und das Qualifizierungsangebot förderfähig sind“, sagt die IHK-Referentin. Darüber hinaus werden der Ablauf der Förderung und die Beweggründe der Antragstellerin oder des Antragstellers besprochen. Oft begleitet sie diese über sechs bis zwölf Monate hinweg.
Czerner-Nicolas hat sich in dem Prozess durchgehend „sehr sicher gefühlt“, wie sie sagt. Ihr Golden Retriever, der ihr zu Beginn ihrer Freiberuflichkeit Struktur gab, ist nach ihrer Weiterbildung ein vollwertiger Kollege geworden. Der erste erfolgreiche Einsatz: „Einen Mann mit Downsyndrom, der sich in seiner Wohngruppe immer weiter zurückgezogen hat, konnten Eddie und ich wieder dazu aktivieren, am Leben außerhalb seines Zimmers teilzunehmen.“
Das Projekt „Solo Fit NRW“ wird im Rahmen des Programms KOMPASS durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert. Die bundesweite Ausgabe von Qualifizierungsschecks erfolgt bis voraussichtlich einschließlich Oktober 2026 begrenzt. Wer eine Förderung in Anspruch nehmen möchte, sollte daher längerfristig planen. Bei der Anlaufstelle IHK Nord Westfalen ist aktuell ein geförderter Weiterbildungsstart ab dem ersten Quartal 2027 realistisch. Beratungstermine können online vereinbart werden.
Ihre IHK-Ansprechpartnerin
Karen Sauer
Kontakt
Redaktion Wirtschaftsspiegel
