Wirtschaftsspiegel
Nr. 7091348
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Unternehmen & Märkte

Auftakt ins gesunde Arbeitsleben

Ein betrieblicher Gesundheitstag stärkt nicht nur den Rücken, sondern auch die innere Haltung zum Thema Fitness – so die Erfahrung in zwei Unternehmen der Region.
Das Team der MATSERV GmbH hat sofort auf dem Schirm, wenn es nicht rund läuft in den Kälte-, Klima- und Energieanlagen der Kundschaft. Es ist für die Fernüberwachung der Systeme verantwortlich, schlägt im Bedarfsfall Alarm, unterstützt die Reparatur oder behebt den Fehler online. Schließlich sollen in Supermarkt und Großhandel die Produkte auf Eis liegen, nicht die Prozesse und der Umsatz. Eine spannende Aufgabe also, manchmal auch für den Rücken. „Wir sitzen viel, arbeiten im Schichtdienst“, erklärt Hartmut Brückner, geschäftsführender Gesellschafter des in Castrop-Rauxel ansässigen Unternehmens. Deshalb ist er sofort hellhörig geworden, als ihm eine befreundete Unternehmerin vom Gesundheitstag berichtet, bei dem es um Fitness und Arbeitsplatzqualität geht.
„Ich wusste gar nicht, dass es das Angebot gibt“, sagt Brückner, der 25 Mitarbeitende beschäftigt. Nach wie vor also besteht Informationsbedarf zur betrieblichen Gesundheitsförderung. Selbst deutlich größere Unternehmen schöpfen die Potenziale noch nicht systematisch aus. So zeigt die Studie „#whatsnext 2025 – Gesund arbeiten in herausfordernden Zeiten“ – vorgelegt von IFBG (Institut für betriebliche Gesundheitsberatung), Techniker Krankenkasse und Personal Magazin – dass nur ein Viertel der mehr als 1.500 befragten Wirtschaftsunternehmen und öffentlichen Einrichtungen ein ganzheitliches Gesundheitsmanagement-Konzept umsetzt. Die Hälfte stelle in diesem Bereich weniger als 10.000 Euro zur Verfügung oder habe kein Budget. „Betriebliches Gesundheitsmanagement scheint für viele Unternehmen immer noch ein „Nice-to-have“-Thema zu sein“, folgern die Autoren.
Zwei Männer stehen auf einer Treppe
Matserv-Geschäftsführer Marcel (links) und Hartmut Brückner haben gute Erfahrungen mit einem Gesundheitstag gemacht. © Matserv
Brückner sieht es anders: Er will seinem Team die bestmögliche Vorsorge bieten und hat viele Gesundheits-Benefits in die Arbeitsverträge gepackt – von ambulanten Extraleistungen bis zur Zahnzusatzversicherung. Nach Gesprächen mit zwei Krankenkassen über die Kostenübernahme haben er und sein Sohn, Geschäftsführer-Kollege Marcel Brückner, entschieden: Der Gesundheitstag passt gut ins Konzept. Nach einer guten Schicht-Planung – das Monitoring von Kühlhaus und Co. musste ja weitergehen – startet in vier Räumen das Programm: Rücken-Screening, Hörtest, Sehtest, Stresstest. Der Anbieter JTM hat für Brückner entsprechende Partnerunternehmen zusammengestellt, die diese Bereich übernehmen konnten. Die Gesundheitsexperten haben eine gute Dosis an Informationen mitgebracht: Was können alle Mitarbeitenden machen, um ihre Gesundheit zu wahren und zu verbessern? Welche Leistungen übernehmen die Krankenkassen? Wie beeinflusst die Ernährung den Schlaf und das Wohlbefinden? Wie sitzt es sich richtig? „Das alles ist super angenommen worden“, erzählt Brückner.
Demnach legen die Mitarbeitenden jetzt regelmäßig Bewegungspausen ein und drehen regelmäßig an den Stellschrauben der individuellen Arbeitsplatzergonomie. Die Geschäftsleitung hat bereits eine Umfrage zu den Inhalten des kommenden Gesundheitstages gestartet. Stress-Resilienz und Rückengesundheit stehen oben auf der Wunschliste. „Wenn viele Störungsmeldungen zugleich anfallen, ist das natürlich eine Herausforderung“, erklärt der MATSERV-Chef, der die Kosten in Höhe von ca. 1.000 Euro für Zeitaufwand und Verpflegung nicht gegen eingesparte Krankheitstage aufwiegen will. „Uns ist viel wichtiger, dass das grundsätzliche Verständnis für das Thema Gesundheit gefördert wird“, sagt er und verweist auf einen weiteren nachhaltigen Effekt: Gestärkt werde auch die Arbeitgebermarke. Für die Team-Zugänge im vergangenen Jahr sei das Gesundheitspaket ein Entscheidungskriterium pro MATSERV gewesen.

Power für die Podologie

Woman receiving podiatry treatment in Day Spa
Eine Podologin behandelt den Fuß einer Patientin. Podologische Praxen leisten einen wichtigen Beitrag zur medizinischen Versorgung. © Kzenon/AdobeStock
Dass die Beschäftigten in der Gesundheitsbranche besonderen Belastungen ausgesetzt sind, ist kein Geheimnis. Die Podologie – die nichtärztliche medizinische Fußpflege – ist keine Ausnahme: Die Fachkräfte machen sich buchstäblich krumm für ihre Kundschaft. Eine mögliche Folge ist das Karpaltunnelsyndrom, bei dem der Mittelarmnerv am Handgelenk eingeengt wird, was Schmerzen oder Taubheit verursachen kann. „Meine Mitarbeitenden sitzen oft ungünstig, der Arm wird überlastet, gleiches gilt für den gesamten Rücken“, erklärt Tanja Fabek, Inhaberin der in Castrop-Rauxel ansässigen Podologischen Praxis Fabek.
Mit zwei Gesundheitstagen hat die Unternehmerin gegengesteuert: Mit Beratung haben Ergonomie-Experten und ein Physiotherapeut ihren beiden Praxis-Teams das Arbeitsleben dauerhaft leichter gemacht. Gern angenommen wurden zudem die Tipps zu Steigerung der Stress-Resilienz. Der psychische Druck auf das Praxis-Team sei deutlich angestiegen, sagt Fabek. „Es gibt immer mehr unangenehme Gespräche über Rezept- und Rechnungsfragen, wir mussten schon mal die Polizei holen“, berichtet sie und spricht somit ein Top-Thema des betrieblichen Gesundheitsmanagements an. So gewinnen, laut Studie „#whatsnext 2025“, vor allem Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit der Beschäftigten an Bedeutung. Hier sehen die Autoren noch Handlungsbedarf: Nur rund die Hälfte der befragten Unternehmen kommt der gesetzlichen Pflicht nach dem Arbeitsschutzgesetz § 5 nach und setze eine psychische Gefährdungsbeurteilung um. Arbeitgeber nämlich sind, unabhängig von der Größe eines Betriebes, bundesweit verpflichtet, Gefährdungen am Arbeitsplatz zu beurteilen und entsprechende Maßnahmen des Arbeitsschutzes abzuleiten.
Tanja Fabek jedenfalls will mit dem Gesundheitstag auch Gemeinschaftsgefühl und Arbeitsklima stärken. Mit einem Essen zum Abschluss wird er zu einem willkommenen Team-Event. Sie ist sicher, dass sie mit ihren Angeboten zur Gesundheitsförderung doppelt punkten kann: Der Krankenstand bleibe auf einem relativ niedrigen Niveau, gesteigert würden die Arbeitszufriedenheit und somit die Bindung der Mitarbeitenden an das Unternehmen. Der Gesundheitstag, zieht Fabek ihr Fazit, spiele im Gesamtpaket der Maßnahmen eine wichtige Rolle. Es gehe darum, wachzurütteln und zu zeigen, wie sich Dinge verändern lassen. In ihren beiden Betrieben hat das gut funktioniert: „Viele machen jetzt morgens und abends Übungen und gehen regelmäßig ins Fitness-Studio“, erzählt die Unternehmerin.

Spielend Gesundheit lernen

Die Gesundheitstage in der Podologischen Praxis Fabek und bei MATSERV sind vom Start-Up JTM konzipiert und realisiert worden, das in Castrop-Rauxel ansässig ist. Gesellschafter Markus Ubachs hat im Zuge seiner Tätigkeit als Versicherungskaufmann festgestellt, dass der Bedarf an betrieblicher Gesundheitsförderung immer weiter ansteigt. Eine Befragung im Geschäftskundenkreis habe gezeigt, dass sich ca. 70 Prozent mehr Angebote wünschen.
Nach diesem Ergebnis hat Ubachs Ende vergangenen Jahres den Entschluss gefasst, selbst in den Markt einzusteigen, und zwei Freunde ins Boot geholt, um das Kompetenz-Spektrum zu erweitern: den Krafttraining-Experten Tom Kutschinski, vormals deutscher Juniormeister im Bodybuilding, sowie Mind-Coach Jannik Laakmann. Beim Gesundheitstag, erklärt Ubachs, gibt es keine starren Abläufe. Das Programm ist individuell auf eine Branche, ein Unternehmen oder auf eine Gruppe innerhalb der Belegschaft abgestimmt. Mitarbeitende des Bürobereichs seien anderen Belastungen ausgesetzt, als jene, die etwa in der Logistik beschäftigt sind, begründet Ubachs. „Wir starten mit einem Kurzvortrag, dann geht es in die interaktiven Stationen“, beschreibt er, was beim Event immer gleich abläuft. Ob Bewegungsworkshops oder Reaktions-Challenge: JTM setzt auf Mitmachaktionen und Gamification.
Die Belegschaft soll spielend und mit Spaß das Gesundheits-Know-how erweitern. Je nach Themensetzung und Anforderungen ist Fachpersonal aus verschiedenen Berufen der Gesundheitsbrache mit von der Partie. „Am Ende präsentieren wir die anonymisierte Auswertung dem Arbeitgeber, damit er weiß, wo die Ansatzpunkte für die weiteren Maßnahmen sind“, erklärt Ubachs. Zwar könne ein Gesundheitstag für „Mega-Aha-Erlebnisse“ führen, betont der Unternehmer und verweist auf einen Pflegedienst-Team, dass jetzt mit ergonomisch optimal eingestellten Autositzen gesünder durch den Arbeitstag fährt. Letztlich aber diene das Event vor allem der Bedarfsanalyse und sei somit als Impulsgeber für ein kohärentes Gesamtkonzept gedacht, das gemeinsam mit dem Unternehmen entwickelt und fortlaufend optimiert werde. Die Studie „#whatsnext 2025“ zeigt, dass JTM mit diesem Angebot einen Nerv getroffen hat.