Wirtschaftsspiegel
Nr. 7100816
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Schaufenster des Geschäfts Wundervoll, im Schaufenster: Karin Wahl
Unternehmen & Märkte

„Ein Laden muss lächeln“

Die Wirtschaftsförderung Gelsenkirchen bringt frischen Wind in die City: Mithilfe einer Expertin haben neun Einzelhändler ihre Schaufenster neugestaltet. Und dabei das Tannenbaum-Prinzip entdeckt.
Elke Weinert steht vor ihrem Schaufenster und kann den Blick kaum davon lösen. Pinke Lampions hängen von der Decke, Kleidung und Accessoires sind sorgfältig arrangiert, alles wirkt stimmig. „Ich sitze hier seit 17 Jahren und schaue auf dieses gleiche Fenster. Und jetzt das – für mich ist das ein Traum“, sagt die Inhaberin des Designer-Second-Hand-Shops „Wundervoll“. Möglich gemacht hat die Verwandlung das Projekt „Reinschauen lohnt sich“ von der Wirtschaftsförderung Gelsenkirchen.
Während die Einzelhändlerin das frisch umgestaltete Schaufenster weiter bewundert, legt Karin Wahl letzte Handgriffe an: Die Expertin für Warenpräsentation und Visual Merchandising – also die verkaufsfördernde Gestaltung von Schaufenstern und Verkaufsflächen – wurde engagiert, um die Schaufenster von neun inhabergeführten Geschäften in der Gelsenkirchener City umzugestalten. Finanziert wurde das 15.000-Euro-Projekt zu 80 Prozent mit dem Landesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Ortszentren“, 20 Prozent finanzierte die Stadt Gelsenkirchen. Das Budget deckte Wahls Beratung und Umsetzung vor Ort sowie kleinere Anschaffungen wie Tische, Boxen und Dekorationselemente.

Weniger ist mehr

In Gelsenkirchen hat Wahl alle Schaufenster vorab begutachtet und digitale Entwürfe entwickelt. Vor Ort wurden diese dann zusammen mit den Einzelhändlern umgesetzt. Jedes Geschäft brachte eigene Herausforderungen mit: hohe Decken, sehr kleine Produkte, schwierige Lichtverhältnisse. Eine Lösung gibt es aber fast immer: Mal helfen Staffeleien statt abgehängter Rahmen, mal setzen Tische kleine Produkte auf Augenhöhe, mal verbessern Markisen und LED-Spots die Lichtwirkung. „Wir haben mit der Art der Gestaltung die Möglichkeit, die Blickführung zu beeinflussen“, erklärt Wahl. Hier zeigt sich auch der häufigste Fehler: zu viel von allem – Deko, Produkte und Farben im Überfluss. „Bitte nicht überfrachten“, rät Wahl. Die Produkte sollten am besten in Gruppen stehen – das gebe dem Auge Orientierung. Ebenfalls hilfreich ist das „Tannenbaum-Prinzip“. Wahl nennt es „die alte Deko-Schule“: Das Auge empfindet Anordnungen mit dem höchsten Punkt in der Mitte als harmonisch. Die Punkte daneben sind dann Schritt für Schritt tiefer – wie bei einem Tannenbaum. Beim Schaufenster von Elke Weinerts Modegeschäft bilden die Lampions den höchsten Punkt, die Schaufensterbüsten stehen etwas tiefer daneben.

Kleine Investition, große Wirkung

Und manchmal muss auch etwas Neues her. „Meine Schaufensterpuppen waren wirklich von Anno tuck“, beschreibt Elke Weinert und muss lachen. Die seien jetzt erst mal im Keller gelandet, erklärt sie. Karin Wahl hat die Gelsenkirchener Händlerin neue Schaufensterbüsten ausgesucht. „Ein anderer Händler im Projekt hat ein altes Sofa ausgetauscht, das man recht stark durch das Schaufenster gesehen hat“, erklärt Karin Wahl. Auch wenn vieles bei der Schaufenstergestaltung mit einfachen Mitteln umzugestalten sei – bei manchen Dingen lohne sich eine Investition enorm, meint Wahl (alle Tipps siehe unten).
Lohnt sich der Aufwand? Wenige Minuten nachdem das Schaufenster des „Wundervoll“ fertig umgestaltet ist, bleibt ein Paar vor der Scheibe stehen und betritt das Geschäft. Elke Weinert freut sich. Ohne ansprechendes Schaufenster komme keine Laufkundschaft ins Geschäft, sagt Karin Wahl und fügt an: „Ein Laden muss lächeln.“
Genauso sieht das auch Dr. Uta Willim, Leiterin der Wirtschaftsförderung Gelsenkirchen: „Ein Schaufenster ist die Visitenkarte eines jeden Ladenlokals.“ Die promovierte Ökonomin möchte mit dem Projekt Aufbruchstimmung erzeugen. „Wir wollen zeigen: Hier bewegt sich etwas, es gibt eine attraktive Innenstadt mit engagierten Händlern.“
Wie viele Innenstädte steht auch die Gelsenkirchener City vor großen Herausforderungen. Vor allem der Rückzug großer Handelsunternehmen hat sichtbare Spuren hinterlassen: Ende 2023 schlossen sowohl Primark als auch Galeria Kaufhof ihre Filialen in der Innenstadt. Zudem reduzierte C&A 2025 seine Verkaufsfläche erheblich und zog sich von vier auf zwei Etagen zurück.
Terminhinweis: IHK-Webinar für Händler
17. September 2026, 8.30 Uhr, „Schaufenster-Update zum Winter: So locken Sie Kunden und Passanten vor Weihnachten an“ mit Karin Wahl, Anmeldungen sind jetzt möglich.

„Die Perlen“ stärken

Und genau deshalb freut sich Willim, „die Perlen der Innenstadt“ gezielt zu stärken. „Wir wollten keine weitere Studie, kein Papier, sondern konkrete Hilfestellungen für die Händlerinnen und Händler.“ Auch dieser vergleichsweise kleine Baustein könne eine große Wirkung haben, glaubt sie. Denn die Einzelhändler haben neues Know-how gewonnen, das sie auch in Zukunft nutzen können.
Um noch mehr Aufmerksamkeit auf die teilnehmenden Geschäfte zu lenken, hat die Wirtschaftsförderung einen speziellen Flyer entworfen: Eine abgedruckte Route führt an allen teilnehmenden Geschäften und ihren Schaufenstern vorbei. Ergänzt wird der Streckenverlauf durch großflächige Streetart-Arbeiten, die ebenfalls auf der Karte eingezeichnet sind. Der Flyer liegt an verschiedenen Stellen in der Innenstadt aus, zum Beispiel im Stadtmarketingbüro. Willim freut sich, wenn das Projekt dazu einlädt, „die Innenstadt mit neuen Augen zu sehen“.
Für Elke Weinert jedenfalls hat sich der Blick auf die eigene Auslage verändert. Nach 17 Jahren schaut sie wieder neugierig auf ihr Schaufenster – und hofft, dass künftig noch mehr Passanten stehen bleiben.

Alle teilnehmenden Geschäfte:

Schaufenster richtig gestalten – Tipps von Karin Wahl:

  • Auf wenige Farben konzentrieren: Das Schaufenster sollte entweder in einer Farbfamilie gestaltet sein oder pro Bereich mit maximal zwei bis drei Farben arbeiten.
  • Produkte gruppieren: Deko und Ware sollten in Gruppen arrangiert werden. Zusätzliche Ruhe schafft das Reihungsprinzip: Varianten eines Produkts stehen nebeneinander.
  • Highlights setzen: Das Schaufenster muss nicht das gesamte Sortiment zeigen. Es dient als „Appetithappen“.
  • Sonnenschutz schaffen: Starkes Sonnenlicht kann die Sicht ins Fenster beeinträchtigen. Markisen oder angepasste Lichttechnik können helfen.
  • Möbel nutzen: Kleine Tische, Holzboxen oder Paravents helfen, die Produkte gezielt in Szene zu setzen.
  • Wimmelbild kreieren: Zu viele Dinge auf einmal erzeugen Unruhe. Bewusste Freiräume helfen Kundinnen und Kunden bei der Orientierung.
  • Alles auf den Boden legen: Kleine Boxen, Podeste oder Tische bringen Produkte auf Augenhöhe.
  • Beleuchtung ignorieren: LED-Lichter, die das Schaufenster gut ausleuchten sind ein Muss. Mit Spotstrahlern lassen sich Highlights ins Szene setzen.
  • Putzen vergessen: Staub, tote Insekten im Fenster oder Fingerabdrücke auf den Scheiben werten die Ware ab.
  • Kabelsalat ignorieren: Kabel, Steckerleisten, Nylonfäden oder Sicherheitsnadeln an Kleidung sollten für Kundinnen und Kunden unsichtbar bleiben.