FORUM - Das Wirtschaftsmagazin
Nr. 7211694
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Dietmar Wollank (M) mit seinen beiden Nachfolgern.
Nachfolge

Der lange Abschied vom großen Schreibtisch

Gleich nach der Wende hat Dietmar Wollank sich selbstständig gemacht. Eigentlich hatte er seinen Nachfolger im eigenen Unternehmen gefunden. Dann kam es doch etwas anders.
„Ich muss zum TÜV“, heißt es alle zwei Jahre, und Kfz-Besitzer müssen sich mit ihren Fahrzeugen auf den Weg zur technischen Untersuchung machen. Denn in Deutschland ist seit mehr als 70 Jahren gesetzlich vorgeschrieben, dass Kraftfahrzeuge regelmäßig einem Sicherheitscheck unterzogen werden müssen: Die Hauptuntersuchung (HU) mit Abgasuntersuchung (AU) ist in der Regel alle zwei Jahre fällig. Und durchgeführt werden darf sie nur von amtlich anerkannten Sachverständigen. Einer von ihnen ist seit mehr als 25 Jahren Dietmar Wollank aus Frankfurt (Oder).
Mit Fahrzeugen kennt sich der 63-Jährige bestens aus. Er hat an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden studiert, danach als Diplom-Ingenieur beim Kraftfahrzeuginstandsetzungsbetrieb (KIB) in Frankfurt gearbeitet und auch damals schon Gutachten für die Staatliche Versicherung erstellt. Dann kam die politische Wende mit ihren vielen Auflösungserscheinungen. Dietmar Wollank blieb bei seinem Leisten, machte sich selbstständig, tat sich mit einem kompetenten Partner aus Berlin-West zusammen und gründete ein Kfz-Sachverständigenbüro. „Das war am 30. Juni 1990, genau ein Tag vor der Währungsunion. Mein Partner brachte das Büfett mit, denn hier waren ja alle Geschäfte zu“, erinnert sich der Lebuser.
1994 trennten sich die Geschäftspartner, und Dietmar Wollank wurde sein eigener Herr mit Sitz in der Berliner Chaussee 3, der gleichen Adresse wie heute. Hier befinden sich – in bester Lage und umgeben von Autohäusern – moderne Büroräume, zwei technisch gut ausgestattete Prüfplätze und ein Aufenthaltsbereich für Kunden.

Nachfolge-Seminar mit 55

Sein Team hat sich über die Jahre als zuverlässiger Partner für die Prüfung und Bewertung von Kraftfahrzeugen etabliert. Zu den Kunden zählen Privatleute, Versicherungen und Werkstätten. Hauptgeschäft sind heute die Hauptuntersuchungen und die Erstellung von Gutachten, insbesondere von Unfallschäden. Doch die Angebotspalette ist viel breiter. Dietmar Wollank erstellt unter anderem auch gerichtliche Gutachten und bewertet Oldtimer. Dietmar Wollank hat immer viel gearbeitet, doch nun verlangt sein Körper, dass er kürzertritt.
Dass der Tag kommt, an dem er sein Lebenswerk aufgeben muss, hat er immer gewusst und sich auch darauf vorbereitet. „Als ich 55 Jahre alt war, habe ich das erste Mal an einem Seminar teilgenommen, bei dem es um das Thema Nachfolge ging“, erzählt Wollank. Organisiert hatte das Seminar die GTÜ, die amtlich anerkannte Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger, unter deren Dach Dietmar Wollank arbeitet.
Als seine gesundheitlichen Probleme zunahmen, suchte er gezielt nach einer Lösung für einen geordneten Rückzug aus dem Berufsleben, auch bei der IHK. Zu diesem Zeitpunkt, genau seit 2019, arbeitete Matthias Schuster bereits im Unternehmen. Der heute 46-Jährige stammt ebenfalls aus Frankfurt (Oder). Nach seiner Ausbildung zum Karosserie- und Fahrzeugbauer ging er für zwölf Jahre zur Bundeswehr. Anschließend hatte er den Ehrgeiz, sein Abitur nachzuholen und im sächsischen Zwickau Kfz-Technik zu studieren. Als Diplom-Ingenieur kehrte er dann in seine Heimatstadt zurück und stieß dort auf Dietmar Wollank, der gerade einen Prüfingenieur suchte.

Weiterbildung für 50.000 Euro

Der Chef fackelte nicht lange und schickte Matthias Schuster noch mal auf die Schulbank. Zehn Monate verbrachte dieser zur Ausbildung im hessischen Michelstadt im Odenwald. Seit 2020 ist er Prüfingenieur – rund 50 000 Euro kostete die Weiterbildung.
Im Herbst 2024 verständigten sich beide zunächst vertraulich darauf, dass Matthias Schuster das Unternehmen übernehmen soll. Doch dann kam Christian Binder ins Spiel.
Der 35-Jährige hatte zuvor in der Automobilindustrie gearbeitet – zuletzt in Braunschweig und Wolfsburg. Dort bekam auch er den Stellenabbau der Branche zu spüren. „Als relativ junges Teammitglied gehörte ich zu den ersten, die gehen mussten“, berichtet Binder. Der gelernte Elektroniker und studierte Fahrzeugtechniker (Master of Science) orientierte sich neu und schaute sich auch in seiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) nach beruflichen Perspektiven um. Über die IHK erfuhr er, dass das renommierte Sachverständigenbüro Wollank einen Nachfolger sucht – und witterte eine neue berufliche Chance.
Für Dietmar Wollank entstand daraus eine neue Möglichkeit. Schnell konnte er sich vorstellen, das Unternehmen an zwei Nachfolger zu übergeben. „Das kann sogar von Vorteil sein, wenn die Verantwortung auf zwei Schultern verteilt wird“, sagt er. „Die Arbeitsbelastung ist sehr hoch. Das habe ich selbst über viele Jahre erlebt.“ Von Anfang an habe er mit offenen Karten gespielt und sehr diplomatisch die beiden Neuen auf ihre gemeinsame Aufgabe vorbereitet. Sie stimmten zu.

Ganz verabschiedet hat er sich nicht

Seit März 2026 firmiert das Unternehmen unter dem veränderten Namen „Wollank GmbH – Ingenieurbüro für Fahrzeugtechnik“. Matthias Schuster und Christian Binder sind die neuen gleichberechtigten Geschäftsführer und Gesellschafter. Christian Binder holt zurzeit das nach, was sein Compagnon schon in der Tasche hat, und qualifiziert sich zum Prüfingenieur. Für die Kunden soll sich möglichst wenig verändern. Kompetenz, Zuverlässigkeit und persönliche Betreuung sollen bleiben – genauso wie die Erfahrung des Firmengründers.
Dietmar Wollank hat seinen großen Schreibtisch inzwischen geräumt und nimmt vorlieb mit einem kleineren Tisch in der Ecke. Ganz verabschiedet hat er sich aber noch nicht. „Ich bin nur noch zwei- oder dreimal pro Woche hier“, erzählt er. Seine Nachfolger schätzen diese Unterstützung. Gerade in der Übergangsphase sei es wichtig, auf die jahrzehntelange Erfahrung des Seniors zurückgreifen zu können.
Bei der Unternehmensnachfolge wurden nicht nur Plätze getauscht, es mussten auch zahlreiche rechtliche, finanzielle und organisatorische Fragen geklärt werden – und das im laufenden Betrieb. Unterstützung erhielten die Beteiligten dabei von einem Unternehmensberater. „Er hat uns ausgesprochen kompetent durch diesen Prozess geleitet“, lobt Wollank. Begleitet wurden dabei unter anderem die GmbH-Gründung, die Vertragsgestaltung und die Finanzierung.
Heute blickt Dietmar Wollank zufrieden auf den Übergang. Nach Jahrzehnten voller Verantwortung freut er sich nun auf mehr freie Zeit. Was wird er tun? „Na, an meinem Oldtimer arbeiten, an meinem weiß-roten 500er Trabi.“
FORUM/Ruth Buder
Elisabeth Nepke
Projektmitarbeiterin Nachfolge
Regionalcenter Oderland