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Mehr als ein Generationenwechsel
Rund 330.000 Unternehmen in Deutschland suchen in den kommenden Jahren einen Nachfolger. Allein in Bayern stehen laut Schätzungen jährlich mehrere tausend Betriebe vor der Übergabe. Der Nachfolgeradar Bayern, eine gemeinsame Studie der IHK für München und Oberbayern und der Hochschule München, erklärt, was Übergaben gelingen oder scheitern. Zwei Unternehmen aus der Region berichten über ihre Erfahrungen.
Fast die Hälfte des späteren Unternehmenserfolgs hängt davon ab, wie zufrieden die beteiligten Personen mit der Nachfolge sind, das zeigt der aktuelle Nachfolgeradar Bayern. „Ausschlaggebend sind vor allem Vertrauen, Kommunikation und der richtige Zeitpunkt. Umsatz und Gewinn spielen eine deutlich geringere Rolle“, sagt IHK-Nachfolge-Expertin Daniela Klemm. Interne Nachfolgen innerhalb der Familie oder Belegschaft verliefen dabei laut Studie insgesamt zufriedenstellender als externe. Wirtschaftlich seien die Unterschiede gering, emotional jedoch erheblich. Externe Lösungen entstünden häufig nicht aus Überzeugung, sondern weil interne Optionen zu spät oder gar nicht entwickelt wurden.
Nur rund ein Viertel der Betriebe sei nach eigener Einschätzung gut auf die Übergabe vorbereitet. Auch der unternehmerische Gestaltungswille des Nachwuchses spiele eine wichtige Rolle: „Ein motivierter Nachfolger mit Entwicklungspotenzial übertrifft langfristig einen qualifizierten, aber unmotivierten Kandidaten“, so Klemm.
Nachfolge als Prozess
Was im Nachfolgeradar beschrieben wird, hat Georg VII. Schneider in der Praxis erlebt. Seit Kurzem führt er die Brauerei Schneider Weisse in München und Kelheim, ein Familienunternehmen in siebter Generation, das seit mehr als 150 Jahren für bayerische Weißbierkultur steht. Sein Vater Georg VI. Schneider übergab kurz vor seinem 60. Geburtstag die Geschäftsführung. „Die Nachfolge war vielleicht immer eine naheliegende Möglichkeit, aber keine Selbstverständlichkeit. Entscheidend war, dass ich mich selbst dafür entscheiden konnte“, betont der 30-Jährige.
Am Ende geht es um Menschen, Vertrauen und die Fähigkeit beider Generationen, ihre Rollen zu verändern.Georg VII. Schneider Schneider Weisse G. Schneider & Sohn GmbH
Schneider hatte zunächst Betriebswirtschaft und Finanzwesen studiert, eine Braumeisterausbildung absolviert und Erfahrungen außerhalb des eigenen Betriebs gesammelt. Ende 2022 trat er dem Geschäftsleitungskreis bei. Eines seiner ersten Projekte war die Einführung eines neuen Warenwirtschaftssystems, ein Vorhaben, das ihn durch nahezu alle Abteilungen des Betriebs führte und ihm half, Strukturen und Menschen kennenzulernen. „Der schrittweise Übergang hat beiden Generationen die Möglichkeit gegeben, Rollen und Verantwortlichkeiten allmählich zu verändern. Ich konnte Entscheidungen treffen, Erfahrungen sammeln und auch Fehler machen, während mein Vater weiterhin als Ansprechpartner zur Verfügung stand. So wurde aus der formalen Übergabe kein harter Schnitt, sondern der nächste Schritt in einem längeren Prozess“, so Schneider.
Offenheit entscheidet
Unterschiedliche Sichtweisen zwischen Vater und Sohn seien für Schneider kein Problem, sondern eine Stärke. Entscheidend sei, wie man mit ihnen umgehe. Die gegenseitige Offenheit beschreibt er als zentralen Faktor. Gleichzeitig betont er, dass die übergebende Generation Raum für eigene Entscheidungen schaffen müsse, damit die nachfolgende Generation daran wachsen könne. Ein sichtbares Zeichen dieses Gestaltungswillens war die Übernahme der Marken Bischofs- hof sowie Weltenburger als älteste Klosterbrauerei der Welt. „Für mich bedeutet Tradition nicht, alles unverändert zu lassen. Tradition bleibt nur lebendig, wenn man bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und Strukturen an neue Realitäten anzupassen“, betont Schneider. Mit der bayerischen Lösung, wie Schneider die Übernahme nennt, verhindere er, dass wertvolle Marken Teil eines anonymen Portfolios ohne regionalen Bezug würden. Für Schneider sei es ein Beispiel dafür, dass Bewahren und Verändern keine Gegensätze sein müssen.
Externe Übernahme aus Überzeugung
Nicht jede erfolgreiche Nachfolge ist eine Familiengeschichte. Sebastian Kopp hat zum 1. Januar 2026 den fast 150 Jahre alten Betrieb Ziegler Erdbau und Transporte in Erbendorf übernommen, weil es keine familieninterne Lösung gab. Er ist der externe Nachfolger, der nach dem Nachfolgeradar statistisch gesehen das schwierigere Los zieht. Kopp widerlegt das. „Schon als Kind haben mich Maschinen, Lkw, Bagger und alles rund um die Baustelle begeistert. Diese Leidenschaft ist bis heute geblieben. Als sich die Möglichkeit ergeben hat, den Betrieb zu übernehmen, war für mich schnell klar, dass ich diese Chance nutzen möchte“, erzählt er. Zwei Jahre arbeitete Kopp bereits im Unternehmen, bevor er offziell übernahm. Inhaber Harald Ziegler band ihn von Beginn an in alle Bereiche ein: Kundengespräche, Planung, Umsetzung auf der Baustelle.
Wichtig ist, dass beide Seiten offen miteinander sprechen und gemeinsam nach einer Lösung suchen.Sebastian Kopp Ziegler Erdbau und Transporte
Kopp nutzte diese Zeit, um sich bei den Belegschaft Vertrauen und Respekt zu erarbeiten: „Teilweise sind Mitarbeitende seit mehr als 30 Jahren im Betrieb. Da ist es wichtig, dass sie sehen, dass man mit anpackt, sich für keine Arbeit zu schade ist und auch bereit ist, von ihnen zu lernen. Das hat mir die spätere Übernahme deutlich erleichtert.“ Verschiedene Modelle prüfen Finanziert wurde die Übergabe über eine Pachtlösung, die schrittweise in einen Kauf übergeht. Der klassische Bankkredit spielte dabei keine Rolle. Kopp empfiehlt anderen, offen über verschiedene Modelle nachzudenken: „Es muss nicht immer der klassische Unternehmenskauf sein. Auch Modelle wie Pacht, Mietkauf oder eine schrittweise Ablösung können eine gute Möglichkeit sein, den Übergang einfacher zu gestalten. Wichtig ist, dass beide Seiten offen miteinander sprechen und gemeinsam nach einer Lösung suchen, mit der sich alle wohlfühlen.“ Während des gesamten Übernahmeprozesses war neben der eigenen Familie auch die IHK ein wichtiger Begleiter. „Gerade der direkte Austausch bei Veranstaltungen und Beratungen sowie die Möglichkeit, Fragen aus der eigenen Situation zu stellen, sind aus meiner Sicht unglaublich wertvoll. Ich würde deshalb jedem, der eine Betriebsübernahme plant, empfehlen, dieses Angebot zu nutzen“, sagt Kopp.
Weiche Faktoren entscheidend
Christian Schönberger kennt die Unternehmensnachfolge aus eigener Erfahrung – als Unternehmer und jetzt als Berater. In dritter Generation führte er das Familienunternehmen mehr als zwei Jahrzehnte lang, entwickelte es konsequent weiter, baute es aus und gestaltete den späteren Unternehmensverkauf maßgeblich mit.
Konflikte sind kein Zeichen, dass eine Nachfolge scheitert. Sie gehören zu jedem Veränderungsprozess.Christian Schönberger
Heute begleitet er Unternehmerfamilien bei Nachfolgeprozessen. „Konflikte sind dabei kein Zeichen, dass eine Nachfolge scheitert. Sie gehören zu jedem Veränderungsprozess“, weiß Schönberger. Zu „Wertvernichtern“ würden sie erst dann, wenn Erwartungen unausgesprochen blieben, Rollen unklar seien und unterschiedliche Vorstellungen nicht offen besprochen würden. Erfolgreiche Nachfolge beginne deshalb mit Vertrauen und einer klaren Kommunikation. Das bestätigt auch Georg VII. Schneider und rät: „Beginnen Sie frühzeitig, sprechen Sie offen miteinander und behandeln Sie die Nachfolge nicht nur als steuerliche oder rechtliche Aufgabe. Am Ende geht es vor allem um Menschen, Vertrauen und die Fähigkeit beider Generationen, ihre Rollen zu verändern.“