„Fitnesscenter für deutsche Firmen“
Rheinhessische Industrie im Austausch mit China: Die Unternehmerinnen Julia Schnitzler (Strassburger Filter, Westhofen) und Dr. Alexandra Kohlmann (ROWE Mineralölwerk, Worms) waren Teil einer hochrangigen Delegationsreise um Bundeskanzler Friedrich Merz, an der rund 30 deutsche Unternehmen teilnahmen. Im Interview berichten sie, welche Eindrücke sie mitgenommen haben – und warum sich der Blick nach China für Unternehmen aus der Region lohnen kann.
Frau Schnitzler, welche Chancen und welche Risiken gibt es aus Ihrer Erfahrung bei wirtschaftlichem Engagement in China?
Schnitzler: Die Chancen sind der große Markt an sich, den eigentlich niemand links liegen lassen und auch nicht durch ein anderes Land ersetzen kann. Natürlich gibt es einige Risiken, darunter die Frage, wie man sein geistiges Eigentum behält. Zudem entsteht eine starke Wettbewerbsverzerrung durch staatliche Förderungen von Unternehmen, wenn sie lokale Produkte kaufen.
War das Thema bei der Delegationsreise?
Schnitzler: Die Unternehmen haben während der Reise die Gelegenheit bekommen, ihre Forderungen zu äußern, auch gegenüber dem Vize-Premierminister. Mir war dabei besonders wichtig, festzustellen, dass auch die Anliegen des deutschen Mittelstandes klar an die chinesische Regierung platziert wurden. Der deutsche Mittelstand besteht größtenteils aus Unternehmen, die nicht einfach ihre Produktion nach China verlagern können, um ebenfalls mit ihren Produkten in den Genuss dieser Förderung zu kommen. Und dann wäre auch geistiges Eigentum noch schwerer zu schützen.
Kohlmann: Auf der Chancenseite stehen vor allem die Dynamik des Marktes – der chinesische Aftermarket ist riesig –, die hohe Innovationsgeschwindigkeit und die ausgeprägte Technologieoffenheit. Entscheidungen werden schneller getroffen, neue Lösungen zügig umgesetzt. Für Unternehmen bedeutet das Zugang zu einem Umfeld, in dem Innovation nicht nur gefordert, sondern aktiv ermöglicht wird.
Wo sehen Sie die Risiken?
Kohlmann: Gleichzeitig darf man nicht unterschätzen: Der Wettbewerb ist intensiv und hat sich in vielen Branchen deutlich verschärft – gerade durch starke, selbstbewusste lokale Anbieter sowie Kompetenzimport, auch aus Deutschland. Mittlerweile braucht uns China in vielen Dingen nicht mehr, weil die Chinesen auf ihre eigenen lokal produzierten Produkte vertrauen. Der Handelsüberschuss zeigt das eindrucksvoll. Ebenfalls berücksichtigen sollte man regulatorische Unsicherheiten, politische Einflussfaktoren sowie Fragen rund um Technologietransfer und den Schutz geistigen Eigentums.
Warum ist der Wirtschaftsraum China für rheinhessische Unternehmen, speziell aus der Industrie, interessant?
Kohlmann: Weil dort weiterhin echtes Wachstum stattfindet – insbesondere im Mobilitätssektor. Während viele etablierte Märkte stagnieren, steigen in Asien die PKW-Zulassungen und damit der Fahrzeugbestand. Das schafft langfristig Nachfrage nach Wartung, Ersatzteilen und Serviceleistungen. Wir sehen China daher als Greenfield für unseren neuen Technologien, vor allem im Bereich New Energy Vehicles, als Wachstumsregion mit langfristigem Potenzial und als den Referenzmarkt für die Mobilität der Zukunft. Für uns eröffnet das attraktive Perspektiven: ein großer, wachsender Markt und die Chance, technologische Führerschaft im internationalen Wettbewerb zu festigen. Gleichzeitig gilt: China ist kein Selbstläufer. Erfolg erfordert eine klare Strategie, lokale Marktkenntnis und die Bereitschaft, sich auf ein sehr hohes Tempo einzulassen. Wer das mitbringt, kann überproportional profitieren.
Schnitzler: China ist das Fitnesscenter für deutsche Firmen. Wettbewerb ermöglicht immer Weiterentwicklung. Als Produktionsstandort für den asiatischen Raum ist China interessant, und wir sind mit Qualität Made in Germany erfolgreich.
Warum könnte es trotz der Standortvorteile in China ratsam sein, seine Produktion in Deutschland beziehungsweise der EU zu belassen?
Schnitzler: Die Piraterie ist ein wichtiger Punkt. Die Fachkräfte, die wir – noch – haben, ebenfalls. Als kleines, mittelständisches Unternehmen stellt sich die Frage der Verlagerung für mich gar nicht. Ich muss hier meine Wege finden.
Kohlmann: Deutschland und Europa bieten gute Gründe, Produktion und wertschöpfungsintensive Bereiche bewusst hier zu halten: ein stabiler Rechtsrahmen, hohe Qualitäts- und ESG-Standards, qualifizierte Fachkräfte und verlässliche Lieferketten. Wertschöpfung regional zu sichern, schafft Stabilität – gerade in einem global zunehmend unsicheren Umfeld.
Wie hat sich das China-Bild diesbezüglich gewandelt?
Kohlmann: China hat durch eine kluge Politik, durch Investitionen und Zukäufe in Deutschland und der EU Zugang zu Technologien gesichert, auf denen das Land heute aufbaut. Man produziert dort längst „Local for Global“. Davon profitieren wir kaum noch – im Gegenteil: Auf chinesischen Produktionskapazitäten basierende, global vertriebene Güter erhöhen den Wettbewerbsdruck hierzulande. Umso wichtiger ist es, Schlüsseltechnologien und Know-how nicht aus der Hand zu geben. Gerade bei IPsensiblen Themen ist Europa der sicherere Standort. In China besteht faktisch kein belastbarer Schutz geistigen Eigentums. Wer technologische Unabhängigkeit behalten will, muss zentrale Kompetenzen im eigenen Markt sichern.
Welche Erfahrungen haben Sie mit Produkt-Piraterie gesammelt, und wie kann man sich wappnen?
Schnitzler: Es gibt Produkte, die sehr ähnlich wie unsere aussehen, aber an unsere Qualität und Funktionsweise nicht heranreichen. Doch der Preisvorteil ist immens. Man versucht auch das Design zu kopieren. Wir haben Anzeigen gesehen, bei denen einfach unsere Bilder aus Präsentationen kopiert worden sind. Dagegen muss man vorgehen. Das kostet Zeit und Geld, hat aber funktioniert. Es entspricht trotzdem nicht unseren Werten, wie man mit Wettbewerbern umgeht. Und man kann nicht alles schützen.
Kohlmann: Die wachsende Bekanntheit unserer Marke bringt auch neue Herausforderungen mit sich – unter anderem auch durch Produktfälschungen. Um unsere Kunden und Geschäfte davor zu schützen, haben wir verschiedene Maßnahmen ergriffen, um ROWE-Originalware schnell und zuverlässig zu erkennen. So wurden beispielsweise unsere Etiketten durch die Platzierung eines Hologramms sowie die Verschlüsse durch ein spezielles Druckverfahren individualisiert. Das sorgt für einen hohen Wiedererkennungswert und stellt eine wirksame Fälschungssicherung dar.
Was können wir in Deutschland von Chinalernen?
Schnitzler: Die Leistungsbereitschaft, die Geschwindigkeit, mit der dort alles stattfindet, der Wille, nachzuziehen – dieses Mindset ist bei uns nicht mehr zu finden. Von weniger Bürokratie würde ich gar nicht sprechen – der Staat gibt auch vieles vor, wenn er in seinem Fünf-Jahres-Plan den Fokus auf bestimmte Branchen legt. Wir brauchen in Deutschland eine Vision, wohin sich unsere Wirtschaft entwickeln soll, und die muss dann klar verfolgt werden. Wir haben so etwas bei uns zuletzt nur ansatzweise beim Ziel Klimaneutralität gesehen.
Kohlmann: Deutschland kann von China vor allem lernen, wie wichtig Geschwindigkeit, Pragmatismus und technologische Offenheit für wirtschaftlichen Erfolg sind. Während wir uns häufig in komplexen Genehmigungsprozessen und Bürokratie verfangen, schafft China Räume für Innovation und unternehmerisches Handeln – und setzt diese Dynamik konsequent in Wettbewerbsvorteile um.
Beeindruckend ist zudem die Disziplin, Leistungsbereitschaft und das starke Zukunftsbewusstsein, das dort vielerorts spürbar ist. Die Lehre für uns: Wenn wir unser Mindset nicht anpassen und wieder stärker auf Leistung, Geschwindigkeit und Innovation setzen, riskieren wir den Anschluss zu verlieren. Die Dynamik Chinas sollte deshalb nicht abschrecken, sondern Ansporn sein.
Beeindruckend ist zudem die Disziplin, Leistungsbereitschaft und das starke Zukunftsbewusstsein, das dort vielerorts spürbar ist. Die Lehre für uns: Wenn wir unser Mindset nicht anpassen und wieder stärker auf Leistung, Geschwindigkeit und Innovation setzen, riskieren wir den Anschluss zu verlieren. Die Dynamik Chinas sollte deshalb nicht abschrecken, sondern Ansporn sein.
TORBEN SCHRÖDER, FREIER JOURNALIST
IHK-AUSTAUSCH MIT CHINESISCHEM GENERALKONSUL
Der Generalkonsul der Volksrepublik China, Huang Yiyang, war im Frühjahr zu Gast in der IHK für Rheinhessen, um sich mit IHK-Präsident Dr. Marcus Walden und IHK-Hauptgeschäftsführerin Karina Szwede über wirtschaftliche Entwicklungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszutauschen. Schließlich ist China für Rheinland-Pfalz ein wichtiger Handelspartner: bei den Importen liegt die Volksrepublik auf Platz 1 mit rund 4,16 Milliarden Euro, bei den Exporten auf Platz 10 mit rund 1,9 Milliarden Euro.
Der Generalkonsul der Volksrepublik China, Huang Yiyang, war im Frühjahr zu Gast in der IHK für Rheinhessen, um sich mit IHK-Präsident Dr. Marcus Walden und IHK-Hauptgeschäftsführerin Karina Szwede über wirtschaftliche Entwicklungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszutauschen. Schließlich ist China für Rheinland-Pfalz ein wichtiger Handelspartner: bei den Importen liegt die Volksrepublik auf Platz 1 mit rund 4,16 Milliarden Euro, bei den Exporten auf Platz 10 mit rund 1,9 Milliarden Euro.
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