IHK-Magazin
Nr. 7055118
Karl Rudolf Korte

„Mit Unwahrscheinlichkeiten rechnen“

Politische Gewissheiten geraten ins Wanken – auch in Rheinland-Pfalz. Bei der Sitzung der IHK Vollversammlung am 4. Mai sprach Prof. Dr. Karl Rudolf Korte über neue Koalitionslogiken und deren Bedeutung für den Wirtschaftsstandort. Im Interview ordnet der renommierte Politikwissenschaftler die politischen Verschiebungen ein und blickt auf ihre Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft.
Herr Prof. Korte, „Gewissheiten haben sich pulverisiert“, sagen Sie mit Blick auf die Wahl in Rheinland-Pfalz. Welche Gewissheit müssen Politik und Wirtschaft im Land jetzt hinter sich lassen?
Bislang galt fast als Muster: Wenn eine Regierung geräuschlos und kooperativ agiert, ist ihre Wiederwahl nahezu garantiert. Diese Annahme trägt nicht mehr. Die neue Aufgabe besteht darin, mit Unwahrscheinlichkeiten zu rechnen und gezielt Instrumente zur politischen und institutionellen Resilienz aufzubauen.
Steht Rheinland-Pfalz weiterhin für politische Stabilität – oder beginnt auch hier eine neue Koalitionslogik?
Eine stabile Regierung braucht verlässliche Mehrheiten im Landtag. Entscheidend sind zudem die aktive parlamentarische Mitsteuerung der Regierungsfraktionen und ein erkennbares Kraftzentrum in der Staatskanzlei. Große Koalitionen gelten zwar als stabil, sind aber häufig auch Stillhalteabkommen über politischen Minenfeldern – mit der Folge, dass öffentliche Debatten an Dynamik verlieren.
Ist dieser „dosierte Machtwechsel“ für den Wirtschaftsstandort Rheinland-Pfalz eher Chance oder Risiko?
Die Chance liegt im kontinuierlich Anti Disruptiven. Veränderungen finden dann Resonanz auf dem „Wählermarkt“, wenn sie die Logik einer Trägheitsdemokratie berücksichtigen: Also, wenn es gelingt, Neuerungen in bestehende Alltagsroutinen einzubetten und zugleich an bewährte Praktiken anzuknüpfen.
Was zählt aktuell stärker: politische Inhalte – oder Vertrauen in Personen, etwa in die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten?
Wahlentscheidend war auch eine höhere Kompetenzzuschreibung der Union in zentralen Politikfeldern. Gleichzeitig wächst in Krisenzeiten die Sehnsucht nach Persönlichkeiten, die als verlässliche Krisenlotsen wahrgenommen werden.
Welchen Einfluss haben politische Polarisierung und extreme Ränder auf die Attraktivität eines Standorts wie Rheinland- Pfalz?
Wirtschaftsstandorte verlieren an Attraktivität, wenn sie keine politische Mittigkeit mehr abbilden. Dort, wo Randparteien dominieren, sinkt im öffentlichen Bewusstsein häufig die wahrgenommene Lebensqualität – Daseinsvorsorge wirkt brüchig. Ein lebenswertes Rheinland-Pfalz braucht gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Wo diese gegeben sind, gewinnt das Moderate an Gewicht – und das Extreme verliert an Einfluss.
ZUR PERSON
Karl Rudolf Korte ist Politikwissenschaftler und einer der renommiertesten Wahl- und Parteienforscher Deutschlands. Er lehrt an der Universität Duisburg Essen und ist Direktor der NRW School of Governance. In Medien und Politik gilt er als gefragter Analyst für Wahlverhalten, politische Kommunikation und Regierungsprozesse.
AKTUELLES BUCH
„Wählermärkte – Wahlverhalten und Regierungspolitik in der Berliner Republik“: In der neu aufgelegten Fassung seines Buches analysiert Korte die Dynamik moderner Wählermärkte, den Wandel politischer Loyalitäten und die Konsequenzen für Regierungsbildung und handeln. Das Buch verbindet wissenschaftliche Analyse mit praxisnahen Einordnungen aktueller politischer Entwicklungen.

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