„Alzeyer Abnehmspritze“ auf der Zielgerade
Es ist die spektakulärste Unternehmensansiedlung in Rheinhessen seit langem. Deutschland-, europa-, weltweit fragte man sich, als das Pharmaunternehmen Lilly Ende 2023 ihre 2,3-Milliarden-Euro-Investition angekündigt hatte: Wo ist eigentlich Alzey? Ab kommendem Jahr will das US-Unternehmen hier, mitten in Rheinhessen, injizierbare Medikamente gegen Adipositas und Diabetes herstellen.
Die „Alzeyer Abnehmspritze“ ist also fast auf der Zielgerade. Der Wirkstoff soll aus einer anderen Lilly-Fertigungsstätte angeliefert und dann in Alzey mit Hilfsstoffen zum eigentlichen Medikament zusammengeführt werden. In Kartuschen abgefüllt und mit Injektionshilfen versehen, werden die Medikamente versandfähig gemacht. Ein Produktionsablauf, der auf Sicht auch auf andere Wirkstoffe übertragen werden kann und soll.
Auf der Baustelle haben, nach dem symbolischen Spatenstich im April 2024, inzwischen der Innenausbau sowie die Errichtung der Fassaden begonnen. Aktuell sind mehr als 2.000 Arbeiter auf der rund 30 Hektar großen Baustelle beschäftigt, die in einem bemerkenswerten politisch-bürokratischen Schulterschluss ermöglicht wurde. Für Mitte des Jahres sind die ersten Testläufe der Produktionslinien avisiert. Rund 1.000 Stellen will Lilly in Alzey schaffen, von Verwaltung über Fertigung bis zu Abfüllung und Verpackung, in Produktion, Lager und IT, Ingenieure, Anlagenbediener und Wissenschaftler. Die Volkerstadt ist der sechste Produktionsstandort in Europa. Auch in die Behandlung von Alzheimer, Krebs und Autoimmunerkrankungen will das Unternehmen weiter investieren.
Für die Ansiedlung in Alzey sprach, wie das Unternehmen mitteilt, neben Lage, Größe und Erschließungszeit des Grundstücks auch der Standort zwischen dem deutschen Hauptsitz in Bad Homburg und dem Produktionsstandort bei Straßburg. Die Infrastruktur und die Anzahl sehr gut ausgebildeter Fachkräfte hätten ebenfalls überzeugt. „Die Stadt zeigte großes Interesse und von Anfang an war eine partnerschaftliche Atmosphäre zu spüren. Das schafft Vertrauen“, heißt es zudem. Aber wie konnte die Ansiedlung in Alzey gelingen? Bürgermeister Steffen Jung gibt Auskunft.
Herr Jung, wie ist ausgerechnet in Alzey die Lilly-Ansiedlung geglückt?
Es war der richtige Moment. Wir waren im Bebauungsplanverfahren genau auf dem richtigen Stand, dass noch keine Grundstücke verkauft waren und wir noch Änderungen vornehmen konnten. Lilly hatte zu dem Zeitpunkt gesucht und drei Standorte näher beleuchtet. Im Dorint-Hotel in Alzey hatten wir ein Treffen und es hat auf der persönlichen Ebene direkt harmoniert. Kurze Zeit später kam die Rückmeldung, dass wir in konkretere Gespräche gehen können. Die gewünschten 30 Hektar zusammenhängende Fläche konnten wir im B-Plan schaffen.
Wie lief das mit dem runden Tisch ab?
Es ging darum, deutlich zu machen, dass wir die Ansiedlung schnellstmöglich umsetzen wollen. So kam die Idee des runden Tischs auf, an dem alle Verantwortlichen zusammenkommen. Die Wirtschaftsförderung des Landkreises hat die Organisation übernommen und alle Player aus Behörden und Versorgern zusammengebracht. So saßen 30 bis 40 Personen an einem Tisch. Lilly und ihr Planungsunternehmen haben den jeweiligen Stand und die nächsten Schritte aufgezeigt – und alles, was dafür erforderlich ist. Die Verantwortlichen haben die Themen mitgenommen und bearbeitet. Dadurch hat sich eine sehr gute Dynamik eingestellt und es kam in Rekordzeit zu den Genehmigungen, die für die Beteiligten schon eine Herausforderung waren.
Wie bekommt so eine kleine Stadt das logistisch hin?
Man hat sich vor vielen Jahren schon auf den Weg gemacht, das Industriegebiet erweitern zu wollen. Diese längere Zeit umstrittene Flächenbevorratung war der Grundstein für den Erfolg der Ansiedlung. Die Erschließungsgesellschaft, die die Stadt mit dem Immobilien-Projektentwickler Timbra sowie EWR, Sparkasse und Volksbank gebildet hat, hat sich als erfolgsentscheidend erwiesen, weil wir als Kommune nicht dieselbe Geschwindigkeit an den Tag legen können. Wie Lilly das selbst mit aktuell 2.300 Arbeitern auf der Baustelle abwickelt, ohne dass im Industriegebiet der Verkehr zum Erliegen kommt, ist sensationell. Und in Sachen Verkehrsinfrastruktur ist die neue Osttangente, die infolge eines Verkehrsgutachtens ausgewiesen wurde, ein großer Faktor.
TORBEN SCHRÖDER, FREIER JOURNALIST
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