IHK-Magazin
Nr. 7123994
eine junge Frau arbeitet am Laptop (abends mit verzerrten Abendlichtern im Hintergrund)

Aus der Praxis für die Zukunft

Ohne Ausbildung keine Fachkräfte. Und ohne Prüferinnen und Prüfer keine Ausbildung. Etwa 5.000 Zwischen- und Abschlussprüfungen werden bei der Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen Jahr für Jahr abgelegt. Rund 1.300 ehrenamtliche Prüfer garantieren mit ihrem geschulten Blick, dass die Aus- und Fortbildung unter dem Dach der IHK nah an der Praxis in den Betrieben ist. Ohne ihr Engagement wäre das Erfolgsmodell duale Ausbildung nicht denkbar.
In den Prüfungsausschüssen der IHK trifft Ausbildungsordnung auf Berufsalltag. Dort bringen Fachleute aus den Betrieben ihr Wissen ein – ehrenamtlich, unabhängig und mit dem Blick dafür, was angehende Fachkräfte in der Praxis wirklich können müssen. „Ohne das Engagement der ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfer gäbe es keine IHK-Prüfungen – und damit auch keine anerkannten Abschlüsse. Sie sichern damit nicht nur die Qualität der beruflichen Bildung, sondern auch die Fachkräftebasis unserer Region“, sagt Dr. Michael Vössing, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung bei der IHK für Rheinhessen. „Unsere Prüfer stehen für das Prinzip ‚aus der Praxis für die Praxis‘.“

„Es macht Spaß, als Prüfer tätig zu sein“

Stefan Hüppe
© privat
Stefan Hüppe ist einer von ihnen. Seit 1982 engagiert sich der Langenlonsheimer bei der IHK als ehrenamtlicher Prüfer. Als Ausbilder im kaufmännischen Bereich bei Boehringer Ingelheim war er zunächst in den Prüfungsausschüssen für Industriekaufleute und Bürogehilfen aktiv. Als Prüfer ist er Teil eines solchen Ausschusses, der mit Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- sowie Berufsschullehrkräften besetzt ist. Sein beruflicher Hintergrund war der Grund, sich zu engagieren. Hüppe wollte selbst in Erfahrung bringen, welche Anforderungen an die Azubis gestellt werden, um die Ausbildung im eigenen Haus danach auszurichten. „Es macht mir weiterhin Spaß, als Prüfer tätig zu sein“, sagt der 70-Jährige, „zwei, drei Jahre werde ich das sicher noch machen.“
„Die Prüfertätigkeit ist auch persönlich bereichernd“, stellt IHK-Bereichsleiter Vössing fest: „Der Austausch im Prüfungsausschuss, das Netzwerk und der Blick in andere Betriebe bieten enorme Lernchancen – für erfahrene Fachkräfte genauso wie für engagierte Nachwuchskräfte.“ In jungen Jahren, mit Anfang 20, fing Sven Fegert als Prüfer der angehenden Elektroniker für Betriebstechnik an. Damals hatte er die Ausbildung gerade hinter sich und war selbst dabei, den Techniker nachzulegen. „Ich fand die Ausbildung immer sehr wichtig und wollte den Draht dazu nicht verlieren, wenn es im Berufsleben weitergeht“, sagt Fegert, der beim Beratungsdienstleister Korero beschäftigt ist, und schon bald nach seinem Einstieg Ausschussvorsitzender wurde.
Sven Fegert
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Mit seinem Ehrenamt will Sven Fegert einen Ausgleich schaffen. „Es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht, ein kleiner Teil in der Ausbildung zu sein und die Auszubildenden an einem wichtigen Punkt zu begleiten“, sagt Fegert. „Es ist einfach ein gutes Ehrenamt, das auch eine Nachhaltigkeit hat.“ Er freut sich, wenn er nach Jahren seine Prüflinge wieder trifft, sie freundlich grüßen und von ihrem Werdegang erzählen. „Natürlich muss man auch schwere Entscheidungen treffen“, sagt Fegert, „und, wenn die Leistungen nicht passen, auch mal jemanden durchfallen lassen.“ Schließlich gehe es darum, die Qualität der Ausbildung zu sichern.

„Wir versuchen zu pushen, zu motivieren“

„Früher“, erinnert sich Christian Sieber, „waren Prüfer manchmal ziemlich harte Knochen“. Der Betriebsleiter beim Druck-Dienstleister O.D.D. betont: „Das Ziel des jeweiligen Tages ist bei Prüfer und Prüfling immer dasselbe.“ Erlebnisse, wie er sie selbst hatte – „ich habe bestanden, aber mein Prüfer hat mich ziemlich zerlegt“ – wünscht er den heutigen Absolventen nicht mehr. „Wir versuchen zu pushen, zu motivieren.“
Christian Sieber
© privat
Sieber war viele Jahre bei O.D.D. für den Digitaldruck zuständig und ist seit 2015 Prüfer für Medientechnologen Druck und Siebdruck. Prüfer ist er, „weil es eine wahnsinnig wichtige ehrenamtliche Tätigkeit ist, um unsere jungen Menschen zu fördern und die Ausbildung voranzutreiben“. In der Produktion sei es wahnsinnig schwierig, Auszubildende zu finden, während die Nachfrage nach Lehrstellen zu Mediengestaltern oder im kaufmännischen Bereich weitaus größer sei. Also trägt der Betriebsleiter selbst seinen Teil zur Ausbildung bei. „Bereut habe ich die Tätigkeit noch keine Sekunde“, sagt Sieber, „man bekommt neue Einblicke. Jeder profitiert von den Prüfungstagen, und es ist immer ein sehr gutes Miteinander.“ Einen Wunsch zu den Prüfungsaufgaben hat er dennoch: Die überregionalen Institutionen, die Prüfungsaufgaben erstellen, sollten noch stärker den Kontakt zu den Praktikern suchen, die im Bildungsgeschehen aktiv sind, und ihre Aufgaben häufiger testen lassen. Denn praxisnahe Prüfungen entstehen nicht allein am Schreibtisch, sondern im Austausch mit den Menschen, die Ausbildung jeden Tag in den Betrieben gestalten.
Foto: AdobeStock / Glitchmint.
PREMIERE: PRÜFERFEST 2026
Erstmals lädt die IHK für Rheinhessen ihre ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfer in diesem Jahr zu einem eigenen Prüferfest ein. Am 13. August stehen Dank, Austausch und die Ehrung langjährig engagierter Prüferinnen und Prüfer im Mittelpunkt.
Kontakt: Timon Zapf, stv. Leiter Aus- und Weiterbildung, Telefon 06131 262-1611, timon.zapf@rheinhessen.ihk24.de.

„Mehr Engagement, um Begeisterung zu wecken“

Diesen Blick aus dem Betrieb bringt auch Christian Westerhoff ein. Der Koch an der Hundertguldenmühle in Appenheim ist seit elf Jahren ehrenamtlicher Prüfer bei der IHK – und weiß, wie viel Engagement gute Ausbildung im Betriebsalltag verlangt. Neben der Nachwuchssuche zählt für ihn auch die zunehmende bürokratische Belastung zu den Faktoren, die es Betrieben nicht leichter machen, jungen Menschen die nötige Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Seine Feststellung: „Ein Ausbilder muss wirklich Zeit aufbringen, und auch der finanzielle Rahmen ist inzwischen für die Unternehmen ein anderer.“
In seiner Branche beobachtet Westerhoff einen Trend zu mehr Convenience-Produkten, was zulasten der praktischen Arbeit gehe. Wer nur vorgefertigte Waren verarbeitet, lerne im Betrieb kaum noch, Fische zu filetieren und aus halben Rindern Lebensmittel zu machen. „Das merkt man dann schon in der Prüfung“, stellt Westerhoff fest. „Ich habe aber auch das Gefühl, dass man als Ausbilder inzwischen noch mehr Engagement zeigen muss, um die Begeisterung für den Beruf zu wecken.“
Westerhoff liebt seinen Beruf, und er ist Prüfer, um den gerade auch in der Gastronomie dringend benötigten Nachwuchs mit seiner Begeisterung anzustecken – die Ausbilder in den Betrieben und auch die Prüfer übernehmen seiner Meinung nach eine Schlüsselrolle in der Nachwuchsgewinnung. Der Koch nimmt die Herausforderung an, als Prüfer daran mitzuwirken, wie es mit seinem Berufsstand weitergeht. Denn ihm ist bewusst, dass sein Beruf viel abverlangt: „Wir arbeiten dann, wenn alle anderen frei haben. Man muss vieles aufgeben. Da müssen wir uns etwas einfallen lassen, damit die jungen Leute das gern machen wollen.“ Das scheint ihm zu gelingen: In seiner Zeit im Mainzer Atrium Hotel wurde Westerhoff als Top-Ausbilder ausgezeichnet.

„Man sollte immer dem Prüfling zugewandt sein“

Was sich in mehr als vier Jahrzehnten als Prüfer geändert hat? Die eigentliche Anforderung an die Prüfer hat sich nach Stefan Hüppes Urteil nicht gewandelt: „Es geht nicht darum, herauszufinden, was der junge Mensch alles nicht kann – sondern darum, wo seine Kompetenzen liegen. Man sollte immer dem Prüfling zugewandt sein. Es geht darum, Prüfungsängste zu überwinden, damit der Prüfling das zeigen kann, was er über mehrere Jahre gelernt hat.“ Die fachlichen Anforderungen ändern sich durch die Aus- und Weiterbildungsordnungen. Da müsse man als Prüfer am Puls der Zeit bleiben – ein willkommener Ansporn.
Man kann schon feststellen, dass es den Auszubildenden heute leichter fällt, Präsentationen zu halten, so Hüppe. Die Jüngeren erscheinen ihm tendenziell immer selbstbewusster. „Wichtig ist die Motivation, es zu schaffen. Leider gibt es auch die jungen Leute, die ihre Motivation zu früh verlieren.“ Da kommen die Ausbilder ins Spiel, die, wenn sie auch als Prüfer engagiert sind, besser wissen, wie der Nachwuchs tickt. Michael Vössing von der IHK betont: „Wer sich als Prüfer engagiert, übernimmt Verantwortung für die nächste Generation von Fachkräften – und gestaltet die Zukunft der dualen Ausbildung ganz konkret mit.“
Auch organisatorisch hat sich das Prüfungswesen weiterentwickelt. Fegert sieht mehr Dokumentation, zugleich aber auch gut vorbereitete Ausschüsse: „Auf Diskriminierungsfreiheit und darauf, wie man auf die Prüflinge eingeht, sind im Prüfungsvorstand alle sehr gut trainiert. Das hat sich enorm verbessert.“ Am Ende bleibt der Kern dieses Ehrenamts derselbe: Menschen aus der Praxis geben jungen Fachkräften Orientierung – und der dualen Ausbildung Zukunft.
TORBEN SCHRÖDER, FREIER JOURNALIST.
PRÜFERIN ODER PRÜFER WERDEN
Wer sich im IHK-Prüfungswesen engagiert, bringt Praxiswissen in die berufliche Bildung ein – und bleibt selbst fachlich am Puls der Zeit. Die IHK begleitet den Einstieg mit Schulungen und der Möglichkeit, zunächst als Gast dabei zu sein. Aktuell sucht die IHK für Rheinhessen besonders Prüferinnen und Prüfer in kaufmännischen und gewerblich-technischen Berufen sowie ehrenamtliche Aufsichtspersonen.
www.ihk.mom/rheinhessen/pruefer-werden

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