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KI und SEO: Ändern sich nun die Spielregeln?
Künstliche Intelligenz (KI) spielt auch im Onlinemarketing eine wichtige Rolle – und wird häufig als Herausforderung bei der Suchmaschinenoptimierung (SEO) beschrieben. Patrick Stolp, SEO- und GEO-Experte bei der Netzhirsch GmbH in Bad Schwartau, ordnet die neue Lage ein.
Patrick Stolp ist SEO- und GEO-Experte bei der Netzhirsch GmbH in Bad Schwartau.
Inwiefern verändert KI die Suche? Welche SEO-Spielregeln bleiben erhalten?
Die Antwort fällt nüchterner aus, als die Debatte vermuten lässt. Googles KI-Funktionen, also die generierten Antworten ganz oben in den Suchergebnissen und der neue AI Mode, nutzen dieselben Ranking-Systeme, auf denen die klassische Websuche seit 20 Jahren basiert. Google bestätigt das in seiner eigenen Dokumentation explizit. Was sich ändert, ist die Ausgabe: Statt einer Linkliste erhält der Nutzer eine zusammengefasste Antwort, in der einzelne Quellen zitiert werden. Damit entstehen zwei neue Messgrößen neben dem klassischen Ranking: Citations, also ob eine KI-Antwort auf meine Seite verlinkt, und Brand Mentions, also ob mein Unternehmen in der Antwort namentlich auftaucht. Was sich nicht ändert, sind die Grundlagen. Thematische Tiefe, eigenständig verständliche Absätze und fachliche Autorität entscheiden, ob meine Inhalte überhaupt in den Pool kommen, aus dem die KI zitiert. Wer das seit Jahren beherrscht, ist für beide Ausgabeformate gerüstet. Wer auf Keyword-Dichte und Backlink-Masse setzt, hatte schon vor der KI ein Problem.
Suchmaschinen setzen zunehmend selbst auf KI-gestützte Antworten. Welche Auswirkungen hat das auf Sichtbarkeit, Traffic und Geschäftsmodelle von Unternehmen?
Die Effekte auf den klassischen Traffic sind real und messbar. Wenn Google oberhalb der Suchergebnisse eine KI-Antwort einblendet, sinkt die Klickrate auf Position eins um rund 34 Prozent. Nur etwa ein Prozent der Nutzer klickt überhaupt noch auf die Quellen, die in einer KI-Antwort verlinkt sind. Das ist aber die Fortsetzung einer langen Entwicklung: Bereits 2020 führten 64 Prozent aller Google-Suchen zu keinem Klick. Man denke an das Googeln des Wetters oder von Adressen zwischen Routen. Der eigentliche Punkt ist ein anderer. Wer diese Entwicklung mit den Maßstäben des klassischen Performance-Marketings bewertet, also anhand von Traffic, schaut in die falsche Richtung. Sichtbarkeit in KI-Antworten wirkt wie klassischer Markenaufbau: Ihr Effekt zeigt sich indirekt, langfristig und oft erst beim zweiten oder dritten Kontakt mit der Marke. Dieser Effekt wiederum kann Auswirkungen auf den Traffic über Suchmaschinen haben. Deswegen ist die Aussage „KI-Suche löst SEO ab“ auch eine unüberlegte. Für kommerzielle Anfragen bleibt SEO derzeit noch einer der wichtigsten Kanäle. Sein volles Potential entfaltet er aber nur, wenn potenzielle Kunden bereits vor ihrer Kaufabsicht mit einer Marke in Berührung kommen. Beispielsweise eben in KI-Antworten.
Müssen Unternehmen ihre SEO-Strategie jetzt anpassen?
Für die meisten Unternehmen ist das die falsche Frage. Die ehrlichere lautet: Haben Sie überhaupt schon einmal das bekommen, was heute eigentlich seit Jahren Standard sein müsste? Die Google-Suche arbeitet seit 2018 mit Sprachmodellen beziehunsgweise LLMs, die angeblich so neu sind. Seitdem versteht Google nicht mehr nur Wörter, sondern Bedeutung, Zusammenhänge, Suchabsichten. Trotzdem bekommen viele Unternehmen von ihren Dienstleistern bis heute Excel-Listen mit Keywords und Suchvolumen als „SEO-Strategie". Das ist ein Grundlagenproblem, das jetzt durch die KI-Suche nur sichtbarer wird. Wer semantisch sauber arbeitet, also Inhalte konsequent rund um echte Nutzerfragen, Entitäten und thematische Zusammenhänge aufbaut, muss an seiner Strategie wenig ändern. Was sich verschärft, ist die Konsequenz bei den alten Schwächen. Dass ein Absatz für sich allein verständlich sein muss, ist kein neues Prinzip. Google indiziert einzelne Passagen seit Jahren. Und dass Unternehmen ihre Themen in der Breite abdecken müssen, steht seit Jahren in den entsprechenden Patenten. Der Unterschied ist: Wer das bisher mangelhaft umgesetzt hat, konnte dies durch andere Stärken ausgleichen. In der KI-Suche fehlt diese Kompensationslogik. Jeder Absatz tritt im Wettbewerb einzeln an, jede Themenlücke hinterlässt sichtbare Leerstellen. Mein Rat an Unternehmen ist deshalb nicht, GEO-Pakete zu kaufen. Er lautet: Prüfen Sie erst, ob Ihre bisherige SEO überhaupt auf der Höhe der Zeit ist. In den meisten Fällen liegt das eigentliche Potential in der soliden Umsetzung richtiger Suchmaschinenoptimierung.
Auch Unternehmen setzen auf KI-generierten Content: Ist dies ein Wettbewerbsvorteil – oder langfristig ein SEO-Risiko?
Beides, je nachdem, wie die KI eingesetzt wird. Wer LLMs nicht nutzt, um in der Content-Produktion produktiver zu werden, lässt Produktivitätspotential liegen. Diese Werkzeuge sind das mächtigste Recherche- und Formulierungsinstrument, das die Branche je hatte. Wer sie allerdings einsetzt, um das Internet mit austauschbarem Material zu fluten, handelt fahrlässig und riskiert seine SEO-Erfolge. Google hat seine Position dazu eindeutig gemacht. Nicht die Herkunft eines Textes entscheidet, sondern sein erkennbarer Wert. Die entscheidende Frage, die Google an jeden Inhalt stellt, lautet sinngemäß: Könnte jemand diesen Text mit einer KI und fünf Minuten Zeit reproduzieren? Wenn ja, hat er keinen Wert, unabhängig davon, ob ein Mensch oder eine Maschine ihn getippt hat. Wenn nein, ist es egal, wie er entstanden ist. Für Unternehmen bedeutet: KI als Recherche- und Formulierungsassistent, basierend auf eigener Expertise, eigenen Daten, eigenen Kunden-Erfahrungen: sinnvoll und produktiv. KI als Textgenerator für beliebige Fachartikel ohne eigenen Beitrag: kurzfristig billig, mittelfristig unsichtbar.
Interview: Benjamin Tietjen
Veröffentlicht: 4. Mai 2026
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Christian Wegener