Flensburger Hafen

Impulspapier Flensburger Wirtschaftshafen

Ausgangslage: Ein Hafen mit Geschichte und Zukunft

Der Flensburger Hafen bildet eine wichtige Schnittstelle der Verkehrsinfrastruktur im Norden Schleswig-Holsteins. In der Flensburger Förde gelegen, ist der Harniskai am Ostufer die wichtigste Kaianlage, über die gewerblicher Hafenumschlag in der Stadt stattfindet. Der Hafen ist insbesondere für den Umschlag von Baustoffen sowie Gütern aus dem Agrarbereich leistungs- und wettbewerbsfähig.
Mehrere Jahre stand der Wirtschaftshafen im Fokus einer intensiven öffentlichen Debatte. Hintergrund waren Pläne, das Ostufer städtebaulich zu entwickeln – mit der Konsequenz einer möglichen Aufgabe oder Verlagerung des Hafens. Inzwischen steht fest: Der Wirtschaftshafen bleibt am Ostufer.
Diese Standortsicherung wird von den Beteiligten – Hafenkunden, Maklern, Verwaltung und der IHK – ausdrücklich begrüßt. Sie schafft die dringend benötigte Planungssicherheit und bildet die Grundlage für eine zukunftsfähige Aufstellung des Hafens.
„Nach Jahren der Standortdebatte ist die Frage entschieden: Der Hafen bleibt am Ostufer. Jetzt geht es darum, die richtigen Weichen zu stellen – allen voran bei den Kaianlagen am Harniskai. Die Hafenakteure haben dafür gemeinsam konkrete Impulse erarbeitet, die wir als Stimme der regionalen Wirtschaft in die politische Diskussion tragen.“
Peer Hochscheid, Referent für Verkehr, Infrastruktur und maritime Wirtschaft

So ist das Impulspapier entstanden

Um die Entwicklung des Hafens voranzubringen hat die IHK Flensburg einen strukturierten Workshopprozess initiiert und moderiert. Eingeladen waren Akteure der regionalen Wirtschaft, weitere Interessenvertreter aus dem Kammerbezirk sowie die Hochschule Flensburg als wissenschaftliche Partnerin. Gemeinsam haben die Beteiligten Erfordernisse in den Bereichen Organisation und Infrastruktur analysiert, Handlungsbedarfe priorisiert und konkrete Forderungen an Politik und Verwaltung formuliert.
Im März 2026 hat die IHK Flensburg gemeinsam mit Akteuren des Hafens – Kunden, Maklern, der Wissenschaft und dem Hafenmanagement – einen Workshop durchgeführt, um konkrete Entwicklungsperspektiven für den Hafen zu erarbeiten. Die Ergebnisse dieses Workshops bilden die zentrale Grundlage des Impulspapiers. Ergänzend fließen Befunde der im Auftrag der IHK erstellten Potenzialanalyse für den gewerblichen Hafen am Ostufer (CPL Competence in Ports and Logistics, 2018) ein, die die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Hafens systematisch untersucht hat.
Das Impulspapier fasst diese Ergebnisse zusammen. Die IHK Flensburg begleitet den Prozess als Moderatorin und trägt die gemeinsam erarbeiteten Impulse als Stimme der regionalen Wirtschaft in die politische und planerische Diskussion.

Die zehn Impulse auf einen Blick











Infrastruktur und Anbindung: Substanz sichern

Ohne funktionsfähige Hafeninfrastruktur bleiben alle Entwicklungsperspektiven Theorie. Die Teilnehmer des Workshops haben die Instandsetzung der Kaianlagen mit Abstand als dringlichstes Thema bewertet. Darüber hinaus müssen Lagerflächen gesichert und ausgebaut, Fördermittel eingeworben und die Klimatransformation im Hafenbetrieb mitgedacht werden.
Die Ertüchtigung der Kaianlagen am Harniskai ist die unabdingbare Voraussetzung für jede weitere Hafenentwicklung. Die Dringlichkeit zeigt sich unmittelbar: Kürzlich musste ein großer Teil des Hafens Ost gesperrt werden, weil die Kaikante abgängig bzw. unterhöhlt ist. Wird hier nicht zügig gegengesteuert, droht eine Abwanderung von Umschlagvolumina.
Die Ertüchtigung der Kaikante hat deshalb höchste Priorität. Zugleich muss eine den Anforderungen entsprechende Befenderung – also die Schutzeinrichtungen an der Kaikante – sichergestellt werden. Die Umrüstung vorhandener Fenderelemente vom neuen zum alten Harniskai kann eine vorübergehende und niedrigschwellige Maßnahme darstellen.
Der Hafen benötigt zudem zuverlässige, moderne Umschlaggeräte. Die Kräne müssen funktionieren und mittelfristig ersetzt werden, um an die zunehmende Größe der verkehrenden Schiffe angepasst zu werden.
  • sofortige Ertüchtigung der Kaianlagen am Harniskai – Aufhebung der Sperrung und dauerhafte Instandsetzung
  • Befenderung den Anforderungen entsprechend sicherstellen und Fenderelemente gezielt umrüsten
  • Investition in zuverlässige, an Schiffsgrößen angepasste Umschlaggeräte
Verfügbare Lagerflächen sind der zweite zentrale Engpass. Planungssicherheit bei der Flächenverfügbarkeit ist Grundvoraussetzung für die Bindung und Neugewinnung von Hafenkunden. Die vorgesehenen Flächen müssen nutzbar sein. Die direkte Umgebung muss für hafenaffine Gewerbe genutzt werden, um Synergien zu heben und Konflikten durch Emissionen vorzubeugen.
Die als solche ausgewiesenen Hafenflächen sollten für Hafenaktivitäten zur Verfügung stehen. Zusätzlich besteht Bedarf an gedeckten Lagerhallen, deren Entwicklung und Bau durch privates Engagement und Investoren angestrengt werden kann. Dafür müssen die Rahmenbedingungen (z. B. durch ausreichend lange Pachtperioden) geschaffen werden.
  • Planungssicherheit für Lagerflächen herstellen und Flächenverfügbarkeit langfristig sichern
  • klare Abgrenzung zwischen Hafengewerbe und Stadtentwicklung – Flächen ausschließlich an hafenaffines Gewerbe vergeben
  • Lagerhallenkapazitäten erhöhen – auch durch privates Engagement
Die Klimatransformation macht vor dem Hafenbetrieb nicht halt. Bei allen anstehenden Baumaßnahmen – insbesondere an der Kaikante und der Suprastruktur – muss die Infrastruktur für eine klimaneutrale Zukunft von Anfang an mitgedacht werden, um den Standort in Zukunft wettbewerbsfähig zu halten. Das betrifft vor allem zwei zentrale Bereiche:
Landstromversorgung: Liegende Schiffe sollten mittelfristig mit Landstrom versorgt werden können, statt ihre Dieselaggregate laufen zu lassen. Die technischen Voraussetzungen dafür (Kabeltrassen, Anschlüsse, Trafokapazitäten) müssen in aktuelle Planungen integriert werden. Eine nachträgliche Aus- oder Umrüstung ist deutlich aufwändiger und teurer.
Klimaneutrale Geräte und Maschinen: Perspektivisch müssen auch die Hafengeräte, allen voran die Kräne, klimaneutral betrieben werden können. Der Übergang zu emissionsfreien Umschlaggeräten ist ein Prozess, der beim Investitionszyklus jetzt eingeplant werden muss.
Die konsequente Berücksichtigung der Klimatransformation bei allen Investitionen ist nicht nur ökologisch/regulatorisch geboten, sondern stärkt die Wettbewerbsposition des Hafens. Förderfähigkeit, Kundenerwartungen und regulatorische Anforderungen entwickeln sich klar in diese Richtung.
  • Landstromversorgung bei Baumaßnahmen von Anfang an mitplanen
  • perspektivisch klimaneutrale Kräne und Hafengeräte einsetzen
  • Klimatransformation bei Investitionsentscheidungen und Maßnahmen berücksichtigen

Betrieb und Struktur: Professionalisierung und Vermarktung

Die Standortsicherung ist ein notwendiger, aber kein ausreichender Schritt. Der Hafen braucht eine professionelle Betriebsstruktur, aktives Marketing und eine wettbewerbsfähige Tarifpolitik.
Die erforderlichen Investitionen in Kaianlagen, Suprastruktur und Flächen kann die Stadt Flensburg wirtschaftlich nicht allein schultern. Fördermittel von Landes-, Bundes- und EU-Ebene sind daher nicht nur wünschenswert, sondern strategisch unverzichtbar. In den vergangenen Jahren wurden für den Hafen Flensburg jedoch keine Fördermittel beantragt. Dieser Zustand ist angesichts der Investitionsbedarfe nicht länger hinnehmbar.
Die Fördermitteleinwerbung muss künftig konzentriert und aktiv erfolgen. Das setzt klare Zuständigkeiten innerhalb der Stadtverwaltung sowie die Fähigkeit innerhalb der Hafenverwaltung voraus, förderfähige Projekte zu identifizieren, Anträge professionell vorzubereiten und Fristen einzuhalten. Die Verknüpfung von Fördermittelstrategie, Hafenmanagement und Investitionsplanung ist dabei entscheidend.
Begleitend sind laufende Informationsgespräche mit politischen Entscheidungsträgern erforderlich. Die Leistungsfähigkeit der Schifffahrt als Verkehrsträger und der Beitrag des Hafens zur regionalen Wirtschaft müssen gegenüber der Politik aktiv kommuniziert werden. Auch die Bedarfe der Deutschen Marine sollten in die Hafenentwicklung einbezogen werden – der Standort Flensburg mit seiner marinen Tradition und vorhandenem Know-how bietet eine gut geeignete Grundlage.
  • Fördermittel auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene aktiv und strategisch einwerben
  • Fördermittelstrategie fest mit Hafenmanagement und Investitionsplanung verknüpfen
  • politische Entscheidungsträger laufend über Bedarfe und Potenziale informieren
  • Marine-Bedarfe in die Hafenentwicklung einbeziehen
Die Einrichtung eines Hafenbeirats wurde im Workshop als eines der wichtigsten kurzfristigen Themen bewertet. Der Hafenbeirat sollte als beratendes Gremium aufgestellt werden, das Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft (vor allem der Hochschule Flensburg), der regionalen Wirtschaft (IHK) und Hafenkunden sowie der Verwaltung zusammenbringt. Er soll als Bindeglied zwischen der Flensburger Hafen GmbH, den Stadtwerken, der Wirtschaft und der Politik fungieren und die strategische Ausrichtung des Hafens beratend begleiten.
Zu den Aufgaben des Hafenbeirats zählen insbesondere die Beratung zu Investitionsentscheidungen, zur Flächenentwicklung, zur Vermarktungsstrategie sowie zu langfristigen Zielsetzungen. Auf diese Weise schafft der Hafenbeirat eine bislang fehlende, strukturierte Form der Beteiligung und stellt sicher, dass die Perspektiven der Hafennutzer bei wesentlichen Entscheidungen der Stadt Flensburg zum Hafen systematisch berücksichtigt werden.
Langfristig ist ein umfassender Masterplan Hafen Flensburg anzustreben, der Umschlagziele, Flächenentwicklung, Investitionsbedarfe und Vermarktungsstrategien in einem kohärenten Rahmen zusammenführt. Die Flensburger Hafen GmbH muss zu einer eigenständig agierenden Hafenbetriebs-, Marketing- und Entwicklungsgesellschaft weiterentwickelt werden. Die Aufgabenteilung und Zusammenarbeit zwischen Hafen GmbH und Stadtwerken muss strukturell optimiert werden. Mit dem Wegfall der Kohleimporte sollten die Strukturen am Westhafen frühzeitig im Kontext der Hafenweiternutzung mitgeplant werden.
  • Hafenbeirat als beratendes Gremium mit Wissenschaft, IHK, maritimen Unternehmen und Verwaltung einrichten
  • langfristig Masterplan Hafen Flensburg erarbeiten
  • Flensburger Hafen GmbH zur eigenständigen Betriebs- und Marketinggesellschaft weiterentwickeln
  • Aufgabenteilung zwischen Hafen GmbH und Stadtwerken strukturell klären
Die bestehende Tarifstruktur muss überprüft und an die Wettbewerbssituation angepasst werden. Im Workshop wurden mehrere Ansätze diskutiert: eine wissenschaftliche Analyse der regionalen Tarifstrukturen (durch die Hochschule Flensburg), attraktive Baustofftarife zur Stärkung des Kerngeschäfts sowie eine eigenständige Tarifierung von Agrargütern.
Zudem müssen die hafennahen Arbeitszeiten als Standortfaktor weiter verbessert werden. Flexible Arbeitszeiten sind im Hafenbetrieb keine Besonderheit, sondern betriebliche Notwendigkeit.
  • Tarifstruktur überprüfen und wettbewerbsfähig gestalten
  • attraktive Baustofftarife und Tarifierung von Agrargütern entwickeln
  • am Hafenbetrieb orientierte, betriebsübliche Arbeitszeiten als Standortfaktor sichern
Die Vermarktung des Hafens muss in zwei Richtungen professionalisiert werden – gegenüber potenziellen Kunden ebenso wie gegenüber der Stadtgesellschaft.
Kundenseitig braucht der Hafen einen professionellen, serviceorientierten Auftritt. Dazu gehören ein zeitgemäßer (gesichert abrufbarer) Internetauftritt, klar kommunizierte Leistungsangebote, marktgängige Betriebszeiten und Ansiedlungsmöglichkeiten für Unternehmen mit Hafenaffinität.
Gegenüber der Stadtgesellschaft ist der Hafen als prägendes und identitätsstiftendes Merkmal Flensburgs sowie als sichtbares Zeichen des maritimen Standorts zu positionieren. Im kleinsten Schritt bietet sich als kurzfristige Maßnahme die Einrichtung ansprechend gestalteter Informationstafeln direkt am Hafen an, die den Betrieb und seine Bedeutung für die Stadt erklären. Die Klimavorteile des Seeverkehrs gegenüber dem Straßentransport – ein Schiff ersetzt zahlreiche Lkw-Fahrten – bieten hierfür überzeugende Ansatzpunkte für eine positive öffentliche Kommunikation.
  • professionellen, serviceorientierten Kundenauftritt entwickeln: Website, Leistungsangebote, aktive Akquise
  • Wettbewerbsvorteile bei potenziellen Kunden kommunizieren
  • Hafen als Teil des maritimen Standorts Flensburg positiv positionieren – von Infotafeln bis Stadtmarketing
  • Klimavorteile des Seeverkehrs in der öffentlichen Kommunikation nutzen

Umschlagpotenziale: belegt und ausbaufähig

Die 2018 im Auftrag der IHK erstellte Potenzialanalyse für den gewerblichen Hafen am Ostufer hat ein Gesamtpotenzial von 260.000 bis 410.000 Tonnen pro Jahr ermittelt – basierend auf der regionalen Wirtschaftsstruktur, Gesprächen mit hafenaffinen Unternehmen und einer Marktanalyse. Zuletzt war eine erhebliche Steigerung der Umschlagmengen im Jahresvergleich zu verzeichnen, was die im Gutachten ermittelte Tragfähigkeit des Standorts in der Praxis bestätigt.
Der Workshop hat die in der Potenzialanalyse identifizierten Güterpotenziale bestätigt und um weitere Perspektiven ergänzt. Die wichtigsten Umschlagfelder im Überblick:
  • Baustoffe (Kies, Splitt, Sand, Asphalt, Beton, Zement): das Kerngeschäft des Hafens. Die Bauwirtschaft der Region ist auf diese Importe angewiesen – ein konkretes Beispiel: die Belieferung eines Krankenhausbaus in Flensburg mit regionalen Baustoffen über den Seeweg.
  • Stückgut: ein bestehendes Geschäftsfeld, das ausgebaut werden kann.
  • Weitere Gütergruppen wie Düngemittel und Streusalz wurden in der Potenzialanalyse als tragfähige, zusätzliche Gütergruppen identifiziert.
  • Kreuzfahrt: in einem Nischensegment für kleinere Schiffe (unter 200 Meter Länge) realistisch. Der Workshop empfahl die gezielte Positionierung Flensburgs als Destination, unter anderem durch Flyer, gesichertem Tenderverkehr und aktive Ansprache geeigneter Reedereien. Das für Kreuzfahrten vorhandene Budget beim Hafen soll genutzt werden.
  • Baustoffumschlag als Kerngeschäft gezielt stärken
  • weitere Güterpotenziale (Stückgut, Düngemittel) aktiv erschließen
  • Kreuzfahrt als ergänzendes Standbein entwickeln – mit klarer Abstimmung zur Frachtlogistik
  • gutachterlich belegte Potenziale für die Hafenentwicklung nutzen