Industrie Frühsommer 2026
Geopolitik setzt Industrie unter Druck
Die Industrie der Region Stuttgart bewegt sich im Frühjahr 2026 in einem schwierigen Umfeld. Strukturelle Belastungen der vergangenen Jahre – hohe Energiekosten, der Transformationsdruck im Fahrzeugbau, US-Zölle auf europäische Industrieprodukte, ein schrumpfender Anteil Deutschlands an der weltweiten Industrieproduktion – wirken zusammen mit den neuen Belastungen aus dem Iran-Konflikt und einer ohnehin schwachen Weltkonjunktur. Der Lageindikator verändert sich gegenüber dem Jahresbeginn kaum und liegt bei minus 14 Punkten. Die Erwartungen bleiben ebenfalls auf demselben Niveau von plus 3 Punkten. Ein gewisser Optimismus, dass die Situation am Golf die kriselnde Industrie nicht langfristig belastet, ist gegeben.
Im aktuellen Geschäft bewegt sich der Lagesaldo der Industrie mit minus 14 Punkten kaum gegenüber dem Jahresbeginn. 18 Prozent der Industriebetriebe melden eine gute Lage, 31 Prozent eine schlechte. Auch die Umsätze sind weiter rückläufig: Der Saldo verbessert sich um 5 Punkte auf minus 6. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verzeichnen mehr Unternehmen sinkende als steigende Umsätze. Der Auftragseingang bleibt mit minus 2 Punkten praktisch auf Niveau vom Jahresbeginn. Beim Blick nach vorn halten sich die Industrieunternehmen auf der Linie des Jahresbeginns – der Erwartungssaldo liegt mit plus 3 Punkten exakt auf dem letzten Wert. Bei der Beschäftigung bleibt der Saldo mit minus 30 Punkten tief im Minus. Häufiger wird Personal in der Industrie abgebaut, unbesetzte Stellen nicht mehr neu ausgeschrieben.
Die leicht positive Erwartungshaltung ist angesichts der drohenden Geschäftsrisiken etwas überraschend. In den letzten Jahren war der schwache Inlandsabsatz das Risiko Nummer eins in der Stuttgarter Industrie. Trotz weniger Nennungen stellt er für sieben von zehn Unternehmen ein Geschäftsrisiko dar. Über ein Drittel verbucht fallende Auftragseingänge aus dem Inland, nur 23 Prozent steigende. Ebenfalls 70 Prozent nennen die geopolitischen Spannungen als Risiko – ein neuer Höchstwert. Die Zollpolitik der USA wird nicht weniger erratisch und neue Handelsabkommen mit Indien, Australien oder den Mercosur-Staaten können die Verluste am US-Markt nicht kompensieren. Zudem lässt der Konflikt am Persischen Golf die Energie- und Rohstoffpreise steigen und Lieferketten werden gestört. Hohe Energie- und Rohstoffpreise werden von je 59 und 58 Prozent als Risiko für ihr Unternehmen eingestuft. Als energieintensive Branche muss die Industrie mit Preissteigerungen rechnen. Bei langfristigen Verträgen können Betriebe nur in Fällen von Kostenelementeklauseln die Kosten weitergeben, diese sind seit der letzten Energiekrise durch den Ukrainekrieg verbreiteter n. Auch mit 59 Prozent der Nennungen rangieren die Arbeitskosten nach wie vor auf hohem Niveau. Die ohnehin geschäftshemmenden Standortkosten werden nun durch die Schließung der Straße von Hormus weiter in die Höhe getrieben. 41 Prozent der Unternehmen nennen den Auslandsabsatz als Risiko, da dieser aufgrund von Zöllen und konjunkturellen Einbrüchen schwächelt. Der Fachkräftemangel wird nur noch von 16 Prozent der Industrieunternehmen der Region erwähnt. Dies ist der geringste Wert außerhalb des ersten Corona-Lockdowns. Die geschwächte Industrie sucht konjunkturell bedingt kaum noch nach Arbeitskräften.
Der Blick aufs Auslandsgeschäft fällt weniger positiv als noch zu Jahresbeginn aus. Die Exporterwartungen verlieren 13 Punkte und sinken von plus 20 auf plus 7. Zwar erwarten noch 30 Prozent ein besseres Exportgeschäft im kommenden Jahr, doch sehen regionsübergreifend die Erwartungen gedämpfter aus als in der vorigen Umfrage. Belastend für den Export wirken die US-Zölle, die Folgen des Iran-Konflikts für die globalen Handelsströme und eine schwache Auslandsnachfrage – allen voran China, welches mehr auf eigene Produkte setzt und konjunkturell angeschlagen ist. Baden-württembergische Exporte nach China im Zeitraum Januar bis März gingen über 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Trotzdem erwarten mehr Stuttgarter Unternehmen steigende als fallende Exporte. Und auch für die USA nehmen die Erwartungen leicht zu. Insbesondere für die EU, die Eurozone, Asien und Afrika brechen die bislang sehr positiven Erwartungen jedoch ein. Vor dem Hintergrund steigender Energiepreise wird mit weniger Exportmöglichkeiten in diese Regionen als zuvor gerechnet. Mit fallenden Exporten rechnet die Stuttgarter Industrie nur für Osteuropa (minus 8) und Afrika (minus 7).
Die seit Jahren rückläufigen Investitionen erschweren die Geschäftslage der Investitionsgüterproduzenten. Der Geschäftslageindikator verliert gegenüber dem Jahresbeginn vier Punkte und steht nun bei minus 22. 38 Prozent berichten von einer schlechten Lage, 42 Prozent von gefallenen Umsätzen. Insbesondere bei Inlandsumsätzen zeigen sich die Unternehmen skeptisch. Hier gehen 47 Prozent von einem Rückgang aus. Geopolitische Spannungen stellen mit 79 Prozent Nennungen das Top-Geschäftsrisiko dar. Nur wenige Unternehmen investieren angesichts der derzeitigen Unsicherheiten, was vor allem die Inlandsaufträge für die Produzenten fallen lässt. Hier ist die derzeitige Tendenz bei über einem Drittel fallend, aber auch bei 28 Prozent steigend – ein Zugewinn von 9 Prozentpunkten.
Die Lage der Vorleistungsgüterproduzenten hellt sich weiter auf und steigt auf minus 8 Punkte, ist somit aber weiterhin von einer neutralen Lage entfernt. Zum Frühjahr notiert jedes fünfte Unternehmen eine gute Lage. Jedoch sind die Umsätze im In- und Ausland für mehr Unternehmen gefallen als gestiegen. Vor dem Irankonflikt zeigte sich der Indikator für Auslandsumsätze noch leicht positiv. Die derzeitige Tendenz der Auftragseingänge aus dem Ausland ist trotz Rückgang um 7 Punkte noch leicht positiv. Im Inland ist die Tendenz weiterhin fallend (minus 9 Punkte), was die strukturelle Schwäche der Industrie hervorhebt.
Auch die Ge- und Verbrauchsgüterproduzenten leiden unter der zurückhaltenden Inlandsnachfrage. 84 Prozent sehen es als Risiko für das eigene Geschäft. Haushalte halten ihr Geld zusammen und geben Geld für das Notwendigste aus. Die Tendenz bei Auftragseingängen aus dem Inland ist bei über der Hälfte der Teilnehmenden fallend. Doch auch für das Exportgeschäft sehen die Unternehmen wenig Aussichtreiches. Der Exportindikator fällt um 19 Punkte, liegt wieder unterhalb der Nulllinie. Erneut halten sich positive und negative Rückmeldungen bei der Geschäftslage die Waage – die Branche verharrt in ihrer verhaltenen Lage.