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Nicht reden. Machen.
Wer im Winter auf einer perfekt präparierten Skipiste steht, denkt selten darüber nach, wie sie entstanden ist. Die Arbeit ist längst erledigt, bevor die ersten Skifahrer ihre Schwünge ziehen. Irgendwann in der Nacht hat ein PistenBully den Hang bearbeitet. Leise. Präzise. Unsichtbar. Ein solches Fahrzeug trägt den Namen Kässbohrer – eines der Unternehmen der Unternehmerfamilie Merckle. Und das passt erstaunlich gut: Nicht wegen der Maschine, sondern wegen der Haltung dahinter. Denn sie gehören zu den Menschen, die lieber Voraussetzungen schaffen, als selbst im Mittelpunkt zu stehen.
Wer Ursula Merckle begegnet, trifft keine Unternehmerin, die zuerst über die zur Familie gehörenden Unternehmen spricht. Sie spricht über Verantwortung. Über Menschen. Über Gemeinschaft. Fast beiläufig erzählt sie, dass sie Psychologin ist, sich innerhalb der Unternehmerfamilie um die Family Governance kümmert, selbst andere Unternehmerfamilien berät, in den Stiftungsräten der „Ruth und Adolf Merckle Stiftung“ (RAM Stiftung) und der Hoffnungsträger Stiftung engagiert ist und außerdem Schloss Duttenstein als Veranstaltungsort führt. Es klingt wie eine Aufzählung. Tatsächlich verbindet all diese Aufgaben dieselbe Frage: Wie gelingt Zusammenhalt?
Unternehmen mit gemeinsamen Werten
Ursula Merckle hat sich beruflich schon früh mit den Bedürfnissen von Menschen beschäftigt – mit Krisen, Beziehungen und dem Zusammenleben. Diese Perspektive prägt bis heute auch ihr Verständnis von Unternehmertum.
Die Unternehmerfamilie Merckle setzt bewusst auf Diversifizierung. Unter ihrem Dach finden sich Pharmagroßhandel, Softwareunternehmen, Land- und Forstwirtschaft und die Kässbohrer Geländefahrzeug AG mit ihren weltweit bekannten PistenBullys. Was von außen wie ein Sammelsurium unterschiedlichster Unternehmen wirkt, folgt einer eigenen Logik. Manche Beteiligungen sind historisch gewachsen, andere entstanden aus unternehmerischen Chancen oder aus der Leidenschaft der Familie für Natur und Skisport.
Die Unternehmen agieren jeweils unabhängig. Was sie zusammenhält, sind die Familienholding und gemeinsame Werte. Ursula Merckle beschreibt sie mit Begriffen, die in Managementhandbüchern selten vorkommen: Ehrlichkeit, Respekt, Mut und Leistungsbereitschaft. Dazu kommen zwei weitere Worte, die immer wieder fallen: „schwäbisch“ und „christlich“. Für sie sind das keine Etiketten, sondern eine Haltung – gegenüber Mitarbeitenden, gegenüber der Gesellschaft und gegenüber den kommenden Generationen. Große Worte benutzt sie selbst aber selten. Lieber erzählt sie Geschichten.
Verantwortung beginnt im Handeln
Es gibt Sätze, die mehr über eine Familie erzählen als jede Unternehmensbroschüre. Bei Ursula Merckles Schwager Tobias Merckle ist es ein einfacher Leitspruch, „Nicht reden, sondern machen“, durch den er bereits sehr viel bewegt hat. Man könnte ihn für einen schwäbischen Kalenderspruch halten. Tatsächlich beschreibt er ziemlich genau das Selbstverständnis einer Unternehmerfamilie, deren Name mit Milliardenumsätzen, Pharmahandel, Pistenraupen und jahrzehntelanger Industriegeschichte verbunden ist. Für Ursula Merckle ist dieser Satz jedoch weit mehr als ein Motto. Er beschreibt eine Haltung. Verantwortung ist für sie kein abstrakter Begriff und keine Frage der Repräsentation. Sie beginnt dort, wo Menschen nach ihren Möglichkeiten handeln. Eine dieser Geschichten beginnt im Jahr 2015.
Begegnung statt Debatte
Während viele über die Flüchtlingsbewegung diskutierten, engagierte sich Ursula Merckle persönlich in der Betreuung Geflüchteter. Sie lernte Menschen kennen, ihre Hoffnungen, ihre Unsicherheiten und die Schwierigkeiten des Ankommens. Die Erfahrungen hätten ihr gezeigt, wie herausfordernd Integration sein kann – aber auch, wie viel möglich wird, wenn Menschen sich tatsächlich begegnen.
Gleichzeitig beobachtete sie, wie ihr Schwager Tobias Merckle auf seine Weise reagierte. Ihm genügte die öffentliche Debatte nicht. Sein Engagement begann allerdings schon Jahre zuvor mit der Entwicklung eines alternativen Jugendstrafvollzugs, dem Seehaus in Leonberg. 2013 folgte die Hoffnungsträger Stiftung. Getragen wird sie vom christlichen Glauben und dem Ziel, Hoffnung und Perspektive zu schenken und so eine Veränderung in der Gesellschaft zu bewirken. Die Unternehmerfamilie stellte Kapital, Strukturen und langfristige Unterstützung bereit, damit aus einer Idee konkrete Projekte entstehen konnten – zunächst für Kinder von Gefangenen und für die Resozialisierung, später auch für integrative Wohnprojekte.
Die Architektur der Begegnung
Aus dieser Überzeugung entstanden die Hoffnungshäuser.
Hier leben Geflüchtete, sozial benachteiligte Menschen und solche, die mitten im Leben stehen, Tür an Tür und unter einem Dach. Die Gebäude sind bewusst so geplant, dass Begegnungen entstehen können: gemeinschaftliche Innenhöfe, Spielplätze, offene Balkone und Aufenthaltsflächen schaffen Orte des Miteinanders. Doch entscheidend ist nicht nur die Architektur. Entscheidend sind die Menschen, die sie mit Leben füllen. Es gibt inzwischen bereits zwölf Standorte in Baden-Württemberg und für Ursula Merckle war schnell klar, dass ein solches Projekt auch nach Ulm gehören sollte. Gemeinsam mit der RAM Stiftung und der Hoffnungsträger Stiftung brachte sie den Standort Gögglingen auf den Weg und konnte auch andere Unternehmerfamilien für eine Unterstützung überzeugen.
Wenn sie heute von den Hoffnungshäusern erzählt, spricht sie kaum über Baukosten oder Förderprogramme. Sie erzählt von Nachbarn, die zunächst skeptisch waren und später selbst ehrenamtlich mithalfen. Von Bewohnern, die berichten, dass sie sich zum ersten Mal nicht mehr als Flüchtlinge, sondern einfach als Menschen fühlen. Von Kindern, die selbstverständlich miteinander spielen. Solche Momente nennt sie „Gänsehautfeeling“.
Hoffnung als Haltung
Vielleicht liegt darin auch ihr Verständnis von Hoffnung. Hoffnung bedeutet für Ursula Merckle an das Gute zu glauben, auch wenn es ungewiss ist. Es ist eine zuversichtliche, innere Haltung, die immer auch das Positive in Betracht zieht und daran arbeitet auch wenn es unmöglich erscheint. Hoffnung entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, obwohl der Erfolg keineswegs sicher ist.
Dabei macht sie einen bemerkenswerten Unterschied: Verantwortung sei keine Frage des Vermögens oder der Herkunft. Unternehmerfamilien verfügten natürlich über größere finanzielle Möglichkeiten und dadurch auch einen größeren Wirkungskreis. Die eigentliche Haltung könne jedoch jeder entwickeln. „Man muss ins Tun kommen – jeder nach seinen Möglichkeiten.“ Sie beschreibt ihren eigenen Weg dabei erstaunlich bescheiden. Sie sei in die Unternehmerfamilie hineingeheiratet und habe schnell verstanden, dass Familie und Unternehmen nie getrennt voneinander existieren: „Es gibt nicht Familie ohne Unternehmen.“ Verantwortung werde nicht verordnet, sondern gelebt. Vielleicht erklärt gerade das, warum sie sich heute so selbstverständlich im Stiftungsrat der Hoffnungsträger Stiftung und gesellschaftlich engagiert. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus der Überzeugung, dass wirtschaftlicher Erfolg einhergeht mit einer Verantwortung gegenüber dem Umfeld.
Wirkung, die erst später sichtbar wird
Wer Ursula Merckle zuhört, begegnet weder einer klassischen Unternehmerin noch einer klassischen Stifterin. Eher einer Vermittlerin zwischen wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlicher Verantwortung. Einer Frau, die überzeugt ist, dass Unternehmen mehr sein können als wirtschaftliche Akteure – nämlich Orte, an denen Haltung sichtbar wird. Vielleicht liegt genau darin ihr Verständnis von Unternehmertum. Verantwortung beginnt nicht erst mit einer Stiftung und endet nicht an der Werkstür eines Unternehmens. Sie zeigt sich im täglichen Tun. Im Versuch, die Dinge ein wenig besser zu hinterlassen, als man sie vorgefunden hat. Oder, wie es in der Familie inzwischen fast zu einem Leitsatz geworden ist:
„Nicht reden. Machen.“
Am Ende schließt sich der Kreis zum PistenBully. Seine Arbeit sieht man nicht, wenn er unterwegs ist. Sichtbar wird sie erst am nächsten Morgen. Vielleicht ist genau das die Art von Wirkung, an die Ursula Merckle glaubt.
Meike Friedland
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