10 Tipps für Unternehmen

zur Integration Zugewanderter (darunter Geflüchteter) in Ausbildung

Ausgangslage

Der Fachkräftemangel stellt viele Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen, wenn es darum geht, ihre Auftragsbücher mit den vorhandenen Belegschaften abzuarbeiten. Gleichzeitig gibt es zahlreiche, nicht in Deutschland geborene Menschen, die hier eine langfristige berufliche Perspektive suchen. Umgangssprachlich werden dabei oft Zugewanderte und Geflüchtete gleichgesetzt. Das ist aber so nicht richtig.
  • Zugewanderte sind alle Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind - unabhängig vom Grund ihrer Einreise. Dazu gehören beispielsweise
    • Fachkräfte,
    • internationale Studierende,
    • Familienangehörige,
    • EU-Bürgerinnen und EU-Bürger sowie
    • Geflüchtete, die
      • in ihrem Herkunftsland verfolgt werden,
      • vor Krieg fliehen oder
      • aus anderen humanitären Gründen Schutz benötigen.
  • Geflüchtete sind also eine Teilgruppe der Zugewanderten.
Diese Unterscheidung ist wichtig.
  • Für Behörden, weil Geflüchtete einem besonderen Asyl- und Aufenthaltsrecht unterliegen und sich daraus andere Rechte und Pflichten ergeben. Je nach Aufenthaltsgrund unterscheiden sich zum Beispiel
    • der Aufenthaltsstatus,
    • die Arbeitserlaubnis,
    • der Zugang zu Förderprogrammen,
    • Sozialleistungen,
    • Integrationsangebote sowie
    • Möglichkeiten für eine dauerhafte Aufenthaltsperspektive.
  • Für Unternehmen, weil ebendiese anderen Rechte und Pflichten für Geflüchtete Einfluss auf die Rahmenbedingungen einer Ausbildung dieses Personenkreises haben.
Unsere Erfahrungen aus 10 Jahren Projektarbeit im Bereich Integration durch Ausbildung zeigen:
Erfolgreiche Integration ist kein Zufall, sondern entsteht dort, wo Unternehmen offen sind, pragmatisch handeln und vorhandene Unterstützungsangebote nutzen.
Zugewanderte zu integrieren ist für viele Unternehmen ein wichtiger Baustein ihrer Fachkräftesicherung. So entstehen nachhaltige Lösungen, von denen alle Beteiligten profitieren. Aus dieser Erfahrung heraus haben wir 10 praktikable Tipps zusammengestellt, die Unternehmen sofort weiterhelfen.

Schneller Einstieg ins Thema per Video

© IHK Bodensee-Oberschwaben

Tipp 1: Einfach mal Kontakt aufnehmen

Viele Unternehmen beschäftigen sich zunächst mit rechtlichen Fragen oder organisatorischen Unsicherheiten. Genau dafür gibt es Beratungsangebote.
  • Industrie- und Handelskammern (IHKs), Handwerkskammern (HWKs) sowie regionale Beratungsstellen und Integrationsprojekte können häufig schnell weiterhelfen.
    • Schreiben Sie eine E-Mail oder
    • greifen Sie zum Telefon!
  • Oft genügt bereits ein erstes Gespräch, um Hemmnisse abzubauen und neue Möglichkeiten kennenzulernen.

Tipp 2: Bewerbungsprozesse international denken

Viele Bewerbungsverfahren für Auszubildende sind auf deutsche Bildungswege zugeschnitten. Zugewanderte verfügen jedoch häufig über andere Schulabschlüsse, Berufserfahrungen oder Qualifikationen - die sich in typischen Drop-Down-Menüs nicht wiederfinden. Wenn die bei der Online-Bewerbung vorgegebenen deutschen Schulabschlüsse “Hauptschulabschluss”, “Mittlere Reife” oder “Abitur” nicht nachweisbar sind, bleibt für Zugewanderte viel zu oft nur das Auswahlfeld "kein Schulabschluss" übrig - das jedoch keine weitere Kommentierungsmöglichkeit bietet. So ist gar nicht erkennbar, ob jemand nach 10 Jahren einfach ohne Zeugnis abgegangen ist oder überhaupt keine Schulbildung hat.
  • Gestalten Sie Ihre Bewerbungsprozesse flexibler,
    • bauen Sie komplizierte Hürden ab und
    • schaffen Sie Freitext-Felder!
  • Diese Flexibilisierung erweitert den Kreis potenzieller Bewerber erheblich!

Tipp 3: Potenziale erkennen statt nur Zeugnisse vergleichen

Nicht jede Qualifikation lässt sich anhand deutscher Standards bewerten.
  • Fehlende Unterlagen oder ungewöhnliche Lebensläufe bedeuten nicht automatisch fehlende Kompetenzen.
  • Persönliche Gespräche helfen dabei, Fähigkeiten und Motivation besser einzuschätzen. Häufig zeigen sich dabei Entwicklungspotenziale, die sonst gar nicht sichtbar geworden wären!

Tipp 4: Praktika als Chance nutzen

Die duale Berufsausbildung in Deutschland sorgt für Qualifikationsnachweise, die in dieser Form weltweit selten sind. Gerade bei Menschen mit internationalen Lebensläufen oder ungewöhnlichen Bildungswegen sind praktische Eindrücke oft aussagekräftiger als ihre schriftlichen Unterlagen. Praktika bieten für beide Seiten einen unkomplizierten Einstieg. Missverständnisse und Fehlentscheidungen lassen sich dadurch oft vermeiden.
  • Unternehmen erhalten
    • Einblicke in Arbeitsweise,
    • Motivation und
    • Teamfähigkeit.
  • Gleichzeitig können Interessierte prüfen, ob Beruf und Betrieb zu ihnen passen.

Tipp 5: Sprachkenntnisse vorab praxisnah prüfen

Wer Auszubildende aus dem Ausland rekrutiert, sollte sich nicht ausschließlich auf formale Sprachzertifikate verlassen. Ein B2-Nachweis ist eine gute Grundlage, sagt aber wenig über die tatsächliche Kommunikationsfähigkeit im Arbeitsalltag aus. Doch entscheidend ist, dass Kommunikation ebendort funktioniert. Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge bietet dazu eine Checkliste an.
  • Mehrere Gespräche mit ausbildungsbezogenem Inhalt oder
  • kleine Praxissituationen ermöglichen eine deutlich realistischere Einschätzung der vorhandenen Sprachkompetenz.

Tipp 6: Bei bürokratischen Fragen flexibel bleiben

Aufenthalts- und Beschäftigungsregelungen wirken oft kompliziert. Doch Ämter haben Handlungs- und Ermessensspielräume. Mit Zustimmung der Ausländerbehörde dürfen auch Zugewanderte ohne Aufenthaltserlaubnis eine Ausbildung beginnen. Zur Voraborientierung hat das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge Übersichten zur Beschäftigung von Geflüchteten und zur Klärung der Frage Wann sprechen wir über wen erstellt.
  • Unternehmen sollten nicht vorschnell aufgeben, sondern fachkundige Beratung nutzen - zum Beispiel bei einer IHK, HWK oder einem regionalen Beratungs- und Integrationsprojekt. Oft geht mehr, als Unternehmen zunächst vermuten.
  • Viele erfolgreiche Ausbildungsverhältnisse wären ohne diesen zweiten Blick nie zustande gekommen.

Tipp 7: Sprachförderung als gemeinsame Aufgabe verstehen

Sprachentwicklung endet nicht mit dem Integrationskurs.
  • Gerade Deutsch als Fachsprache und betriebliche Kommunikation werden vor allem im Alltag gelernt.
  • Jeder sprachliche Fortschritt verbessert die Zusammenarbeit und stärkt die langfristige Bindung zugewanderter Auszubildender ans Unternehmen. Diese können den Lernprozess gezielt unterstützen durch
    • geduldige Kommunikation,
    • Lernangebote und
    • Tandemlösungen.

Tipp 8: Wohnraum und Mobilität berücksichtigen

Erfolgreiche Integration findet nicht nur bei der Arbeit statt. Ein häufig unterschätzter Erfolgsfaktor ist die Lebenssituation außerhalb des Betriebs. Viele zugewanderte Auszubildende verfügen vor Ort über kein familiäres Netzwerk. Wenn Unternehmen ihre Kontakte nutzen und tatkräftig unterstützen, kann das den Alltag ihrer zukünftigen Fachkräfte erheblich stabilisieren. Manchmal entscheidet genau das über Erfolg oder Abbruch einer Ausbildung.
  • Fehlender (oder zum Lernen ungeeigneter) Wohnraum kann erheblich belasten. Vor allem, wenn Lerninhalte aus Betrieb und Berufsschule nachzuarbeiten sind oder Prüfungen anstehen.
  • Besonders im ländlichen Raum ist Mobilität ohne eigenes Fahrzeug oft sehr zeitraubend. Fahrgemeinschaften anzuregen, kann Abhilfe schaffen.

Tipp 9: Frühzeitig Unterstützung organisieren

Probleme lösen sich selten von selbst.
  • Werden Konflikte, Sprachschwierigkeiten oder Lernprobleme früh erkannt, stehen zahlreiche Hilfsangebote zur Verfügung. Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge
  • Beratungsstellen, Mentorenprogramme oder Ausbildungsbegleitungen können entscheidend dazu beitragen, Ausbildungserfolge zu sichern.

Tipp 10: Erfolge sichtbar machen

Gelungene Integration durch Ausbildung ist ein Gewinn für Unternehmen, Beschäftigte und die Region. Wer seine positiven Erfahrungen teilt,
  • stärkt nicht nur das eigene Arbeitgeberimage,
  • sondern motiviert auch andere Betriebe,
    • neue Wege bei der Ausbildung zu gehen und
    • sich damit die Fachkräfte von morgen zu sichern.