Nordamerika
IHK-Gesprächskreis: „Ein Seitensprung nach Kanada“
Wirtschaftsbriefing Kanada
Plötzlich Kanada
Die transatlantischen Beziehungen werden neu vermessen. Europa möchte unabhängiger von den USA werden, ohne die Zusammenarbeit mit Washington aufzugeben. Denn das Vertrauen in den immer noch wichtigsten Partner außerhalb Europas schwindet. Zugleich oder vielleicht gerade deshalb wächst das Interesse an weiteren verlässlichen Verbündeten: am Vereinigten Königreich und besonders an Kanada.
Das zeigt die neue Studie „Unequal Trust, Shared Interests – European and American Views on the Future of Transatlantic Relations“ der Bertelsmann Stiftung und der Bertelsmann Foundation North America. Grundlage sind Befragungen aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten und den USA, die zwischen September 2024 und August 2026 durchgeführt wurden.
Wie viel Nähe bleibt zwischen Europa und den USA? Was verbindet beide Seiten trotz des schwindenden Vertrauens? Und wer rückt nun stärker in den Blick? Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick.
Das zeigt die neue Studie „Unequal Trust, Shared Interests – European and American Views on the Future of Transatlantic Relations“ der Bertelsmann Stiftung und der Bertelsmann Foundation North America. Grundlage sind Befragungen aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten und den USA, die zwischen September 2024 und August 2026 durchgeführt wurden.
Wie viel Nähe bleibt zwischen Europa und den USA? Was verbindet beide Seiten trotz des schwindenden Vertrauens? Und wer rückt nun stärker in den Blick? Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick.
- Unverzichtbar, aber auf Abstand
- Oh, wie schön ist Kanada
- Selbstständiger, aber nicht allein
- Einigkeit beim Blick auf China
- Was folgt daraus?
- IHK-Gesprächskreis: „Ein Seitensprung nach Kanada“ 23. November 2026, 15 bis 17 Uhr in der IHK Hannover
- Wirtschaftsbriefing Kanada 2. Dezember 2026, 14 bis 15 Uhr
- Zur Studie
Unverzichtbar, aber auf Abstand
Für eine Mehrheit der europäischen Befragten bleiben die Vereinigten Staaten der wertvollste Verbündete der Europäischen Union. Doch ihr Vorsprung schwindet. Schrieben 2024 noch 51 Prozent der USA diese Rolle zu, sind es heute nur noch 29 Prozent. Die Europäer verteilen ihre Sympathien nämlich deutlich breiter als noch vor zwei Jahren. An das Vereinigte Königreich zum Beispiel (2024: 13 %; 2026: 20 %). Oder Kanada, das seinen Wert sogar von sieben auf 14 Prozent verdoppeln konnte.
Vielleicht erklärt vor allem eine Vertrauenskrise, warum sich Europas Sympathien inzwischen breiter verteilen. 64 Prozent der Europäer halten die USA heute nicht für einen vertrauenswürdigen Partner. In Deutschland und Frankreich ist die Skepsis besonders groß: Nur 25 beziehungsweise 30 Prozent der Befragten vertrauen den USA. Polen und Rumänien sehen das entspannter: Hier sind es 58 beziehungsweise sogar 60 Prozent.
Und in den USA? Dort ist das Vertrauen in Europa deutlich größer: 72 Prozent der Befragten halten Europa für vertrauenswürdig. Als derzeit wertvollster Verbündeter gilt allerdings das Vereinigte Königreich. Mit 21 Prozent liegt es knapp vor der Europäischen Union und Kanada mit jeweils 18 Prozent.
Ein Paradoxon: Die Europäer misstrauen den USA, halten sie aber weiterhin für ihren wertvollsten Verbündeten. Die Amerikaner wiederum vertrauen Europa, sehen in ihm jedoch nicht ihre wichtigste internationale Beziehung.
Oh, wie schön ist Kanada
Der vielleicht bemerkenswerteste Befund der Studie liegt jenseits des klassischen Verhältnisses zwischen Europa und den USA: Geht es um die Zukunft, rückt Kanada auf beiden Seiten des Atlantiks an die Spitze. 36 Prozent der Europäer und 44 Prozent der US-Amerikaner wünschen sich eine stärkere Partnerschaft mit dem Land.
Kanada profitiert damit nicht nur vom schwindenden Vertrauen der Europäer in die USA. Auch unter den Amerikanern wächst seine Bedeutung. Das mag angesichts der derzeitigen politischen Spannungen zwischen den beiden Nachbarländern überraschen. Doch Kanada wird zunehmend zu einem Partner, auf den sich beide Seiten des Atlantiks verständigen können.
Das Land steht offenbar für vieles, was derzeit gefragt ist: Verlässlichkeit, politische Stabilität und eine grundsätzlich partnerschaftliche Zusammenarbeit. Kanada gewinnt damit eine neue Rolle, nicht als Ersatz für die USA, sondern als zusätzlicher Anker in einem breiter aufgestellten transatlantischen Netzwerk.
Selbstständiger, aber nicht allein
Europa will unabhängiger von den USA werden. Ein Abschied von der transatlantischen Partnerschaft ist damit jedoch nicht gemeint. Dreiundsiebzig Prozent der Europäer sprechen sich für einen eigenen Weg aus, 62 Prozent wünschen sich zugleich weiterhin engere Beziehungen zwischen der EU und den USA. Ganz unabhängig davon, welche Regierung in Washington gerade im Amt ist. Wichtig sind allen Befragten dabei Themen wie Sicherheit und Verteidigung, Handel sowie Klimapolitik.
Die Amerikaner scheinen diese Notwendigkeit bemerkenswerterweise zu verstehen: Eine knappe Mehrheit von 52 Prozent ist ebenfalls der Ansicht, dass Europa künftig stärker seinen eigenen Weg gehen sollte. Ob Europa tatsächlich unabhängiger werden kann, wird allerdings skeptischer beurteilt, sowohl von den Amerikanern als auch von den Europäern. Besonders deutlich zeigt sich die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit in Deutschland: Zwar sprechen sich 80 Prozent der Deutschen für einen eigenen europäischen Weg aus, aber nur 61 Prozent halten eine größere Unabhängigkeit von den USA für realistisch.
Mehr Eigenständigkeit bedeutet für die Befragten übrigens auch, an europäischen Regeln festzuhalten. 64 Prozent der Europäer und 57 Prozent der Amerikaner lehnen es ab, EU-Vorschriften in den Bereichen Klima, Technologie oder Produktstandards zu lockern, um die transatlantischen Beziehungen zu verbessern.
Einigkeit beim Blick auf China
Beim Blick auf China finden Europa und die USA einen gemeinsamen Nenner. 71 Prozent der Amerikaner und 61 Prozent der Europäer bewerten Chinas Einfluss auf das Weltgeschehen negativ. Im vergangenen Jahr hat sich die Wahrnehmung allerdings unterschiedlich entwickelt: In den USA stieg der Anteil deutlich von 57 auf 71 Prozent, in Europa ging er dagegen leicht von 64 auf 61 Prozent zurück.
Bei der wirtschaftlichen Abhängigkeit liegen beide Seiten des Atlantiks nahezu gleichauf. 65 Prozent der Europäer und 66 Prozent der Amerikaner betrachten ihr Land beziehungsweise ihre Region als abhängig von China. In allen untersuchten Ländern spricht sich zudem eine Mehrheit dafür aus, diese Abhängigkeit zu verringern, selbst wenn damit kurzfristige wirtschaftliche Nachteile verbunden wären.
Entsprechend groß bleibt die Unterstützung für eine engere transatlantische Abstimmung gegenüber China: 60 Prozent der Europäer und 72 Prozent der Amerikaner befürworten sie. Gegenüber 2025 ist die Zustimmung zwar etwas gesunken, damals lag sie noch bei 64 beziehungsweise 76 Prozent. China bleibt damit eines der Themen, bei denen Europa und die USA trotz aller Differenzen gemeinsame Ziele verfolgen und konstruktiv zusammenarbeiten können.
Was folgt daraus?
Die Studie „Unequal Trust, Shared Interests – European and American Views on the Future of Transatlantic Relations“ der Bertelsmann Stiftung und der Bertelsmann Foundation North America untersucht politische Einstellungen und ist keine Marktanalyse. Dennoch sendet sie auch an die Wirtschaft ein wichtiges Signal: Die transatlantische Partnerschaft verliert nicht an Bedeutung, aber sie verändert ihre Struktur.
Ihre Zukunft liegt weder in alter Abhängigkeit noch in vollständiger Einigkeit, sondern in pragmatischer Zusammenarbeit. Sicherheit, Handel und der Umgang mit China bleiben gemeinsame Interessen. Zugleich will Europa unabhängiger von Washington werden und seine Beziehungen breiter aufstellen. Dass Kanada und das Vereinigte Königreich auf beiden Seiten des Atlantiks an Bedeutung gewinnen, weist den Weg: nicht weniger transatlantische Zusammenarbeit, sondern ein größeres Netzwerk verlässlicher Partner.
Kanada könnte dabei zu einem wichtigen Bindeglied werden. Für deutsche Unternehmen eröffnet diese Entwicklung neue Perspektiven. Wer sich mit dem kanadischen Markt, seinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und potenziellen Geschäftspartnern beschäftigt, folgt nicht nur einem kurzfristigen Trend. Er erweitert seinen Blick auf einen Wirtschaftsraum, der bislang häufig von den USA dominiert wird.
Die IHK Hannover greift diese Entwicklung im November und Dezember mit zwei Veranstaltungen auf, die Kanada als Wirtschaftsstandort und Partner für deutsche Unternehmen in den Mittelpunkt stellen.
IHK-Gesprächskreis: „Ein Seitensprung nach Kanada“
23. November 2026, 15 bis 17 Uhr in der IHK Hannover
Am 23. November wagt der Gesprächskreis USA einen „Seitensprung nach Kanada“. Von 15 bis 17 Uhr diskutieren Yvonne Denz, President & CEO der Deutsch-Kanadischen Industrie- und Handelskammer, und Detlef Engler, Leitender Beauftragter für Investitionen an der Botschaft von Kanada, in der IHK Hannover mit den teilnehmenden Unternehmen über den kanadischen Markt. Beim anschließenden Imbiss bleibt Zeit, die Gespräche zu vertiefen, Erfahrungen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen. Die Teilnahme ist kostenfrei. Programm und Anmeldung
Wirtschaftsbriefing Kanada
2. Dezember 2026, 14 bis 15 Uhr
Am 2. Dezember folgt von 14 bis 15 Uhr ein kompaktes Online-Briefing zum Kanada-Geschäft. Im Mittelpunkt stehen Marktchancen und regionale Unterschiede, aber auch die Frage, warum Kanada eine eigene Strategie und nicht nur eine angepasste USA-Strategie verlangt. Zudem geht es um CETA, Einfuhrbestimmungen, rechtliche und steuerliche Rahmenbedingungen sowie um Netzwerke und Förderangebote. Referentin ist Lucie Schuster, Senior Project Manager der Deutsch-Kanadischen Industrie- und Handelskammer. Im Anschluss können Unternehmen ihre konkrete Situation in individuellen, 20-minütigen Online-Gesprächen mit der Fachexpertin besprechen. Die Teilnahme am Briefing und an den Beratungsgesprächen ist kostenfrei. Programm und Anmeldung
Zur Studie
Die 16-seitige Publikation „Unequal Trust, Shared Interests“ ist am 26. Oktober 2026 erschienen und kann kostenlos über die Bertelsmann Stiftung abgerufen werden. Für die Studie befragte Nira Data im August 2026 insgesamt 18.514 Menschen in allen 27 EU-Mitgliedstaaten sowie 5.294 Menschen in den USA. Die Ergebnisse wurden nach demografischen Merkmalen gewichtet und sind auf EU-Ebene sowie für die USA repräsentativ.
Stand: 28.10.2026
