ihkmagazin-IHK_06_26
von Robert Alferink, IHK >> Viele sehen in der Bürokratie ein großes Hemm- nis für ihre wirtschaftliche Tätigkeit. Nehmen Sie in Ihren Beratungen dies auch wahr? Ja, das entspricht voll und ganz meinen Erfahrun- gen. Ein Bauunternehmer, der eigentlich auf der Baustelle stehen sollte, sitzt stattdessen am Schreib- tisch und füllt Formulare aus. In dieser Zeit hätte er ein kleines Wohnhaus renovieren können. Statt- dessen sortiert er Belege und schreibt Berichte. Das frustriert nicht nur, es macht wütend. _Gibt es besonders relevante Bürokratiehemm- nisse im Mittelstand, die Ihnen aus Ihrer Arbeit mit Unternehmen häu g geschildert werden? Besonders belastend ist die Flut an Nachweis- und Dokumentationsp ichten. Ein Handwerksbetrieb mit 15 Mitarbeitern verbringt rund 15 Stunden pro Woche allein damit, Belege zu sortieren und Be- richte zu schreiben. In dieser Zeit könnte der Meis- ter Kunden besuchen, ein Angebot schreiben oder seine Mitarbeiter schulen. Stattdessen sortiert er Papier. Das ist Zeit, die dem Geschäft fehlt. Und die auf der Rechnung nie auftaucht. Der Datenschutz ist ein weiteres Bürokratiehemmnis. Das Problem ist nicht die DSGVO selbst, sondern wie sie ausge- legt wird. Aufsichtsbehörden fordern oft das Maxi- mum, statt auf die Realität zu schauen: Ein Bäcker, der drei Bestellungen am Tag entgegennimmt, braucht keine 50-seitige Datenschutzrichtlinie. Er braucht eine Lösung, die funktioniert – und nicht noch mehr Papier. _Haben Sie weitere Beispiele? Planungs- und Genehmigungsverfahren sind oft- mals nicht nur ein Bürokratiehemmnis sondern führen zu existenziellen Problemen. Ein Unterneh- men möchte eine neue Produktionshalle bauen – _Frau Tallen, die Wirtschaftslage ist sehr ange- spannt. Haben Sie als Insolvenz- und Sanierungs- expertin in diesen Tagen mehr zu tun als sonst? Die wirtschaftliche Situation spüre ich in meiner täglichen Arbeit sehr stark. Wir be nden uns in der längsten Phase ohne Wirtschaftswachstum in der Geschichte der Bundesrepublik. Stellen Sie sich vor: Jeden Tag gehen in Deutschland etwa 60 Un- ternehmen in die Insolvenz. Das sind nicht nur Zahlen auf dem Papier, sondern Schicksale – Fami- lienunternehmen, die seit drei Generationen beste- hen, Arbeitsplätze in unseren Dörfern und Städten, die verschwinden. Ich erlebe das hautnah. Der In- haber, der mir mit Tränen in den Augen erzählt, dass er die Werkstatt seines Vaters schließen muss. Die Angestellte, die nach 25 Jahren ihren Arbeits- platz verliert. Das ist die Realität hinter den Statis- tiken. Die Nachfrage nach präventiver Sanierungs- beratung wächst ebenfalls, da Unternehmen versuchen, frühzeitig auf die wirtschaftlichen Her- ausforderungen zu reagieren. _ In einer IHK-Umfrage zur Bürokratiebelastung beklagen zahlreiche Unternehmen eine Zunahme der Bürokratie in den vergangenen fünf Jahren. Maike Tallen ist Fachanwältin für Insolvenz- und Sanie- rungsrecht. Zudem ist sie Notarin und Insolvenzverwal- terin. Die von ihr mitgegründete Tallen Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB in Meppen ist auf Restruktu- rierung, Sanierung, Insolvenzverwaltung und Unterneh- mensnachfolge spezialisiert. Ehrenamtlich engagiert sich Maike Tallen unter anderem im Regionalausschuss Emsland unserer IHK. 15 | Foto: IHK/Schöning Fotodesign „Besonders belastend ist die Flut an Nach- weis- und Dokumen- tationsp ichten“
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