Rede IHK-Sommerempfang 2026
Mehr als 600 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Hochschulen, Medien, Verwaltung und gesellschaftlich relevanten Gruppen tauschten im Hofgut unterschiedliche Perspektiven aus. Ganz so, wie es IHK-Präsident Manfred Schnabel empfohlen: zum besseren Verständnis von Problemen, zum besseren gesellschaftlichen Miteinander.
- 1 Einleitung: Warum Perspektivwechsel?
- 2 Aktuelle Situation: Zahlen, Daten, Fakten
- 3 Perspektivwechsel
- 3.1 Perspektive: National vs. International
- 3.2 Perspektive: langfristig und kurzfristig
- 3.3 Perspektive: Bund und Kommune
- 3.4 Perspektive: Familiengeführtes Kleine und mittelständische Unternehmen versus Konzerne
- 3.5 Perspektive: Insider und Outsider
- 3.6 Kurzfristig Löcher stopfen versus langfristige Gestaltungsfreiheit
- 4 Forderungen an die Politik und Appelle an Politik und Wirtschaft
- 4.1 Wettbewerbsfähigkeit
- 4.2 Kosten
- 4.3 Rente
- 4.4 Energie
- 4.5 Europa und Außenhandel
- 4.6 Regulierung
- Der IHK-Sommerempfang in Bildern
1 Einleitung: Warum Perspektivwechsel?
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
als wir vor fünf Jahren den Sommerempfang ins Leben gerufen haben, haben wir uns bewusst für diese Location entschieden, weil sie sich stark von unseren sonstigen Veranstaltungsorten unterscheidet: andere Location – andere Perspektive.
Und das soll auch das Thema meiner heutigen Rede sein: "Perspektivwechsel". Warum habe ich dieses Thema gewählt?
Liebe Gäste, unsere politischen Debatten drehen sich derzeit zentral um die Frage, wie wir unser Land wieder zukunftsfest machen können und vor allem, wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen können.
Wir Unternehmer fragen uns dabei: Warum ist unser Land, unsere Gesellschaft und vor allem die Politik nicht in der Lage, die offensichtlich dringend notwendigen und überfälligen Reformen nicht umzusetzen?
Dabei haben wir unsere Stärken fest im Blick:
Wir leben immer noch in einem äußerst leistungsfähigen Land mit einem unglaublichen Potenzial, einem starken familiengeführten Mittestand, Hidden Champions, international wettbewerbsfähigen Unternehmen, eine großartige duale Berufsbildung und einer einzigartige Hochschullandschaft.
Und: Ich vertraue auf unsere Jugend und teile die häufig geäußerte negative Einschätzung ausdrücklich nicht – wir, die Älteren, sind nur aufgerufen, die Substanz für die nächste Generation nicht zu verfrühstücken und für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen.
Warum ist unser Land, trotz dieser unglaublichen Substanz, also nicht reformfähig oder -willig?
Als Unternehmer habe ich gelernt, mich in Verhandlungen in die Position des Verhandlungspartners hineinzuversetzen, mich also gedanklich auf dessen Stuhl zu setzen, den Versuch zu unternehmen, Verhandlungsgegner und Partner zu verstehen, um gemeinsam zu guten Lösungen zu kommen.
Und dieser Wechsel der Perspektive könnte vielleicht auch ein wichtiger Ansatz sein, um die offenkundige Reformunfähigkeit zu überwinden, so meine Überlegung.
Ich geben Ihnen ein aktuelles Beispiel, wo die Politik versäumt hat, sich in die Perspektive der Betroffenen hineinzuversetzen: die krachend gescheiterte 1000-Euro-Entlastungsprämie
- Ausgeheckt bei einem Spitzentreffen der Koalitionäre, entstanden in einer politischen Blase unter dem vermeintlichen Druck, für den Wähler etwas Gutes tun zu müssen.
- Man hat versäumt, sich in die Perspektive der Unternehmen hineinzuversetzen, für die die Entlastungsprämie eine zusätzliche Belastung bedeutet hätte und man hat versäumt, sich in die Arbeitnehmer hineinzuversetzen, die in Betrieben arbeiten, die sich die Zusatzaufgaben gar nicht hätten leisten können.
Diese Schlappe im Bundesrat hätte sich Rot-Schwarz wahrlich durch einen rechtzeitigen Perspektivwechsel ersparen können!
Dieses Beispiel zeigt übrigens auch, wie wichtig die öffentliche Debatte, die Auseinandersetzung und das Ringen um gute Lösungen sind.
Wir brauchen konstruktive Debatten! Vor allem in unserer pluralen, ausdifferenzierten und vielfältigen Gesellschaft und Demokratie. Erst die Auseinandersetzung ermöglicht es uns, die beste Lösung zu finden.
Diese Auseinandersetzung darf aber gleichzeitig kein Selbstzweck sein oder der persönlichen Profilierung dienen.
Und vor allem gehört zur Konstruktivität, dass man fair und bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen wertschätzend miteinander diskutiert.
Wir brauchen Diskurs, aber keinen aggressiven Streit.
Ich bin mir sicher, dass solche sachorientierten Auseinandersetzungen in der Bevölkerung ein hohes Maß an Akzeptanz finden. Sie sind allemal besser als Hinterzimmerpolitik á là Entlastungsprämie!
Wenn wir bei der Form der öffentlichen Debatte sind: Viele im Land, auch ich, kritisieren die starke Polarisierung, manche sprechen gar von Spaltung.
Das gesellschaftliche Klima ist rau. Die Unversöhnlichkeit mancherorten mag auch damit zu tun haben, dass viele ihre eigene Perspektive für "die einzig Richtige" halten. Und noch schlimmer. Sie halten ihre eigene Perspektive für eine objektive Wahrheit.
Nur zur Klarstellung: natürlich gibt es auch objektive Wahrheiten und gerade bei einem Perspektivwechsel brauchen wir diese, denn wir brauchen eine gemeinsame Gesprächsbasis, gemeinsam geteilte Realität.
Diese Realität lässt sich in Zahlen, Daten, Fakten vermessen, die wenig Raum für Deutung lassen. Solche Fakten beschreiben die Realität, ohne sie zu bewerten. Eins und eins ist eben zwei. Darüber lässt sich nicht streiten.
Erfreulicherweise fußen die meisten politischen Auseinandersetzung auf solch einer gemeinsamen Basis. In einer Typologie kann man vier Konfliktarten unterscheiden:
- Mittelkonflikte
Bei manchen politischen Themen ist das Ziel völlig unstrittig. Da wird dann nur über den richtigen Weg, die richtigen Mittel gestritten. Die Digitalisierung ist ein gutes Beispiel. Unser Digitalminister Carsten Wildberger hat den Vorteil, dass in seinem Verantwortungsbereich sogenannte No-Regret-Maßnahmen möglich sind – Maßnahmen also, von denen nahezu alle profitieren. Hier sehe ich ein sehr hohes Potential, mit einem umfassenden Perspektivwechsel zu den besten Lösungen zu kommen. Eine Lösung, die alle in ihren unterschiedlichen Perspektiven, mitnimmt. - Zielkonflikte
Dann gibt es Zielkonflikte. Hier fehlt der Konsens über das, was jetzt eigentlich wichtig ist bzw. was im Vordergrund stehen sollte. Klassisches Beispiel ist der Zielkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit. Hier muss Politik die richtige Balance finden. - Verteilungskonflikte
Bei Verteilungsfragen sind die Rollen klar verteilt, gleichwohl fällt vielen ein Perspektivwechsel schwer. Rentenpolitik ist hierfür ein gutes Beispiel. Beitragssatz, Renteneintrittsalter, Rentenniveau und Steuerzuschuss sind die entscheidenden Stellschrauben. Jedes Drehen an einem dieser Schrauben führt zu Be- oder Entlastungen in den betroffenen Gruppen. Um es konkret zu machen: Fortschritte im Bereich von Arbeitsministerin Bärbel Bas, die verteilungspolitisch festgelegt ist, sind damit natürlich deutlich schwerer zu erzielen als im Bereich von Minister Wildberger! - Wertekonflikte
Dann gibt es noch eine vierte Kategorie: Wertekonflikte. Diese Konflikte sind in der Regel sehr anspruchsvoll, da Werte nicht einfach disponibel und vor allem die Kompromissmöglichkeiten viel geringer sind. Eigenverantwortung und Solidarität sind beispielhaft zwei Werte, deren jeweilige Gewichtung zu politisch sehr unterschiedlichen Ansätzen führen.
Bei allen politischen Auseinandersetzungen gilt: Perspektivwechsel erleichtern unsere Debatten. Diese Auseinandersetzung, diese Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Diskurs ist als IHK übrigens unser tägliches Brot. Das IHK-Gesetz verpflichtet uns dazu, das "Gesamtinteresse der Wirtschaft” zu ermitteln und zu vertreten.
Denn unsere 70.000 Mitgliedsbetriebe haben auch unterschiedliche und teils widerstreitende Interessen. Aber sie folgen – unabhängig von Branche, Größe und Rechtsform – einer gemeinsamen Logik: nämlich der Logik, dass sich ein Unternehmen zumindest langfristig selbst tragen muss.
2 Aktuelle Situation: Zahlen, Daten, Fakten
Bevor ich einige sehr grundlegende Perspektivwechsel durchdeklinieren will, lassen Sie uns einen kurzen Blick auf Zahlen, Daten und Fakten werfen. Also auf eine Realität, die wir hoffentlich alle teilen – unterschiedlich von der Bewertung.
Die Wachstumszahlen für 2025 sind klar: Das Welt-Bruttosozialprodukt wächst mit 3,1 Prozent, Europa mit 1,4 Prozent, Deutschland stagniert mit 0,2 Prozent Wachstum. Und Baden-Württemberg trifft es mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,6 Prozent sogar noch härter. Die Gründe sind bekannt:
- Die Kosten sind höher als in vielen anderen unser Wettbewerbsländer. Deutschland gehört beim Faktor Arbeit europaweit zur Spitzengruppe. Besonders dynamisch ist die Entwicklung der Lohnnebenkosten. Ohne Reformen prognostizieren viele Institute Sozialversicherungsbeiträge bis 2040 von rund 50 Prozent. Bis 2022 standen wir lange Zeit bei knapp unter 40 Prozent.
- Die Unternehmensinvestitionen, das Rückgrat unseres künftigen Wohlstands, befinden sich auf historisch sehr niedrigem Niveau. Im Jahr 2025 werden derzeit allein im Unternehmensbereich knapp 70 Milliarden Euro weniger Investitionen getätigt als im noch 2019.
- Der Staat wächst, die Wirtschaft nicht. Die Staatsquote liegt inzwischen bei über 50 Prozent. Gleichzeitig steigen Subventionen und Finanzhilfen weiter an. So haben sich die Subventionen seit 2022 verdreifacht auf nun 60 Milliarden. Euro pro Jahr.
- Die Regulierungsdichte nimmt weiter zu. Die EU allein hat 2025 bei Richtlinien, Verordnungen und Rechtsakten einen neuen Rekordwert erreicht. Insgesamt knapp 1.500 neu einzuhaltende Vorschriften. Das sind je Kalendertag vier neue Regeln.
Keine Angst – bevor ich mich in Rage rede: Ich erspare Ihnen diesmal einen noch tiefergehenden Ritt durch weitere Statistiken, Indikatoren und Rankings. Das habe ich in den vergangenen Jahren an dieser und vielen anderen Stellen zu Genüge getan.
Das ist weniger nötig als früher. Warum? Ich habe den Eindruck, dass Politik und Gesellschaft in den vergangenen Monaten realisiert haben, dass unser Standort massive, strukturelle Probleme hat.
Kaum noch höre ich, wir befänden uns lediglich in einer konjunkturellen Delle und die Wirtschaft würde schon wieder von alleine anspringen. Nein, die Notwendigkeit tiefgreifender Strukturreformen wird kaum noch bestritten.
Für die Akzeptanz dieser unangenehmen Erkenntnis haben wir uns als IHK gemeinsam mit vielen anderen in den vergangenen Jahren massiv eingesetzt. Häufig mussten wir uns anhören, wir sähen alles "viel zu schwarz”, aber leider ist es noch schlimmer gekommen, als von uns prognostiziert.
3 Perspektivwechsel
Nun zu den angekündigten Perspektivwechseln. Diese möchte ich für einige Aspekte durchdeklinieren. Und so zeigen, dass ein Perspektivwechsel dem gesellschaftlichen Diskurs enorm nutzen würde! Und zum Erkenntnisgewinn beiträgt.
3.1 Perspektive: National vs. International
Immer wieder hören wir, dass das sogenannte deutsche Geschäftsmodell, also eine starke Industrie mit hoher Exportorientierung, nicht mehr funktionieren würde. Wirklich? Eine ziemlich nationale Perspektive. Nehmen wir also die internationale Perspektive ein.
Das Geschäftsmodell Export funktioniert immer noch, aber für Andere. In China ist uns ein Konkurrent erwachsen, der uns bei Industrieprodukten wie Maschinen, Fahrzeugen oder Chemie Weltmarktanteile wegnimmt. Warum ist das so?
Wir sind nicht mehr so viel besser, wie wir teurer sind. Die schlechten Rahmenbedingungen an unserem Standort haben dazu geführt, dass Deutschlands Wettbewerbsvorsprung verspielt wurde.
Wenn wir also behaupten, dass unser Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, ist das so, als würden wir sagen, dass Olympia nicht mehr funktioniert, nur weil Deutschland im Medaillenspiegel weit hinten steht.
3.2 Perspektive: langfristig und kurzfristig
In aktuellen Diskussionen erleben wir mitunter Klassenkampf-Rhetorik und damit einhergehend eine Verkürzung auf Verteilungsfragen. Das ist oft das Ergebnis einer sehr kurzfristigen Perspektive. Da lohnt sich, auch mal die Langfrist-Perspektive einzunehmen.
Der Perspektivwechsel gelingt leichter oder schwerer je nachdem, mit welchem Teil der Wirtschaft man spricht. Vergleichsweise einfach geht es Industrie und in den vielen unter Kostendruck stehenden Unternehmen – weitaus schwerer gelingt der Perspektivwechsel jedoch im öffentliche Sektor und in öffentlichen Dienstleistungen.
Die Industrie zeigt dies anschaulich. Hier reift die Erkenntnis, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber trotz sehr unterschiedlicher kurzfristiger Interessen im gleichen Boot sitzen. Denn gerade die Industriegewerkschaften fangen an zu verstehen, dass der langfristige Erhalt des Unternehmensstandorts nur gemeinsam gelingen kann.
Hier wird kaum mehr Zeit für klassenkämpferische Diskussionen verschwendet, während die internationalen Wettbewerber beiden das Wasser abgraben. Ein Perspektivwechsel, den ich mir auch von anderen Gewerkschaften wünsche!
Lassen Sie uns mit rückwärtsgewandten Klassenkampfrhetorik aufhören. Und sehen, wie wir das gemeinsame Boot für die langfristige Perspektive wieder flottbekommen.
3.3 Perspektive: Bund und Kommune
Auch zwischen den einzelnen föderalen Ebenen brauchen wir mehr Perspektivwechsel. Die Arbeit auf Bundesebene ist ziemlich abstrakt und von den eigentlichen Problemen ist man in Berlin weit weg.
Spätestens auf kommunaler Eben stehen Bürger und Unternehmer auf der Matte. Da entscheidet sich, ob eine Regulierung funktioniert oder nicht – und was sie in der Praxis bedeutet und kostet. Die Kommunen sind dabei besonders gekniffen: Die Länder haben den Bundesrat und können bei vielen Gesetzen auf den Bund einwirken.
Die Kommunen haben solch einen Hebel nicht, sodass es für den Bund nur all zu leicht ist, "Geschäfte zu Lasten Dritter", nämlich zu Lasten der Kommunen abzuschließen. Eigentlich müssten die regionalen Bundestagsabgeordneten als Korrektiv für die mangelnde Praxisnähe der Bundesministerien wirken. Sie müssten wissen, welche Folgen ein Gesetz für ihren Wahlkreises hat. Wenn die Direktwahl von Abgeordneten einen Sinn hat, dann genau wegen dieses Zusammenhangs.
In den vergangenen Jahrzehnten wurden immer wieder Entscheidungen auf Bundesebene getroffen, die am Ende den Kommunen zur Last fallen. Das Prinzip "wer bestellt, bezahlt" wurde leider allzu oft gebrochen. So haben die kommunalen Aufgaben im Bereich sozialer Sicherung, der Integration Geflüchteter, im Bildungsbereich oder beim öffentlichen Nahverkehr stark zugenommen.
Dem gegenüber steht eine vielfach nicht auskömmliche Finanzierung und eine offensichtlich mangelnde Abstimmung der Gesetze und Entscheidungen mit den Kommunen bzw. den Umsetzern vor Ort. Dieser offensichtliche Missstand ist auch einem Mangel geschuldet: Dem Mangel der Bundesebene, sich in die Perspektive der Kommunen hinzuversetzen.
3.4 Perspektive: Familiengeführtes Kleine und mittelständische Unternehmen versus Konzerne
Auch innerhalb der Wirtschaft gibt es selbstverständlich viele unterschiedliche Perspektiven, vor allem die von familiengeführten, mittelständischen Unternehmen und die von großen kapitalmarktorientierten Konzernen.
Beispiel Steuerpolitik: Häufig stehen die Körperschaftssteuersätze im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Aus gutem Grund: International ist Deutschland auch für Unternehmen ein Hochsteuerland. Forderungen nach Entlastungen daher legitim. Natürlich spielen die Steuersätze auch für Mittelständler eine große Rolle und ich möchte hier nicht falsch verstanden werden.
Aber neben den absoluten Steuersätzen sind für den familiengeführten Mittelstand andere Fragen der Steuergesetzgebung möglicherweise wesentlich relevanter:
- Eine Verlässlichkeit, die uns, unseren Familien und unseren Unternehmen eine Zukunftsplanung ermöglicht.
- Eine stringente Kopplung der Steuerlast an die Ertragslage. Und wenn ich das sage, dann meine ich echte Gewinne, keine fiktiven Gewinne. Ich denke hier insbesondere an eine Ausweitung der Gewinn- und Verlustrechnung über mehrere Jahre hinweg.
- Eine Möglichkeit der Rücklagenbildung für schlechte Zeiten, auch weil häufig die Altersversorgung im Unternehmen steckt.
- Und schon aus diesem Punkt verbietet sich jede Form von Substanzbesteuerung. Eine drohende Vermögenssteuer lähmt die Investitions- und Risikobereitschaft der Unternehmen, denn dies Steuer würde auch in schlechten Zeiten buchstäblich an die Substanz gehen.
- Nach dem bevorstehenden Urteil des Verfassungsgerichts zu den Verschonungsregeln bei der Erbschaftssteuer müssen alle Spielräume ausgeschöpft werden, dass es zu keinen zusätzlichen Belastungen bei mittelständischen Unternehmen kommt.
In meinen Gesprächen mit Unternehmern zeigt sich: Mittelständische Unternehmer sind bereit, bei einer guten Geschäftslage faire Steuern zu zahlen, aber allein die Diskussion um die Ausweitung von Substanzsteuern wie Vermögens- und Erbschaftssteuer erzeugt bereist jetzt so viel Unsicherheit, dass die Übertragung von Unternehmen in die nächste Generation weiter erschwert wird. Diese Diskussionen müssen daher schnellstens beendet werden.
3.5 Perspektive: Insider und Outsider
Ein weiterer Bereich, in dem unterschiedliche Perspektiven zu völlig unterschiedlichen Bewertungen führen, ist die Arbeitsschutzgesetzgebung. Aus der individuellen Perspektive erscheinen viele Regelungen plausibel und nachvollziehbar, doch eine systemische Perspektive führt zu einer gänzlich anderen Bewertung.
Denn im Arbeitsmarkt gibt es ein Insider-Outsider-Problem: Wer bereits im Arbeitsmarkt etabliert ist, profitiert häufig von zusätzlichen Schutzrechten, während der Einstieg für diejenigen erschwert wird, die einen Arbeitsplatz suchen.
Ein Beispiel: Der umfassende Kündigungsschutz führt dazu, dass Unternehmen sich dreimal überlegen, Personal einzustellen.
Problematisch ist ebenfalls das Thema Kurzarbeitergeld. In konjunkturellen Krisen vielleicht noch sinnvoll, zementiert dieses Werkzeug in der aktuellen Phase die derzeitige Wirtschaftsstruktur und verhindert den Strukturwandel. Können wir uns das bei dem hohen Transformationsdruck leisten?
Warum kein Modell wie in Dänemark? Kündigungsschutz runter – Arbeitslosengeld rauf, so entstünden nach dem dänischen Prinzip "Flexicurity" Vorteile für alle Seiten.
3.6 Kurzfristig Löcher stopfen versus langfristige Gestaltungsfreiheit
Wer die Sache nicht vom Ende her denkt, dem erscheint die Aufnahme immer neuer Schulden als probates Mittel, um kurzfristig Haushaltslöcher zu stopfen. Wer jedoch vom Ende her denkt, sieht das kritischer, weil wir damit Zukunftschancen unserer Kinder und Enkel verfrühstücken und ihnen ihre Gestaltungsfreiheit rauben.
Beispiel gefällig? Entgegen allen Versprechungen im Wahlkampf, konnte auch die derzeitige Regierung der Versuchung nicht widerstehen, strukturelle Probleme durch einfach mehr Geld kommender Generationen zu lösen. Vor dieser Taktik warne ich seit Beginn meiner Amtszeit als IHK-Präsident.
Die Konsequenz: Bis 2030 droht eine Gesamtneuverschuldung von nahezu einer Billion Euro und Zinskosten von 80 Milliarden Euro pro Jahr. Diese hohen Zinslasten in Kombination mit den "gesetzten” Ausgaben für Soziales und Verteidigung nehmen jeglichen politischen Gestaltungsspielraum in Zukunft. Wir stehen vor einem versteinerten Haushalt!
Jetzt mag man einwenden: Die Schulden kann sich Deutschland doch aufgrund der niedrigen Staatsschuldenquote leisten? Singulär betrachtet mag da was dran sein. Dennoch setzen wir mit damit einen unserer letzten großen Standortvorteile aufs Spiel: unsere Kreditwürdigkeit.
Von diesem Asset profitiert nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa. Neue Schulden sind nur dann vertretbar, wenn sie auch zu mehr Wachstum, mehr Produktivität und mehr Wettbewerbsfähigkeit führen. Genau daran habe ich und haben sehr viele Experten große Zweifel. Und diese seit Jahrzehnten und in Generationen aufgebaute Stärke wollen wir nun verfrühstücken, weil wir unfähig sind zu Reformen? Dagegen sträube ich mich!
4 Forderungen an die Politik und Appelle an Politik und Wirtschaft
Das waren einige Perspektivwechsel, die mir sinnvoll und wichtig erscheinen. In den vergangenen Jahren habe ich und haben viele meiner Unternehmerkollegen den Eindruck gewonnen, dass unsere Perspektive, die Perspektive der Unternehmen, viel zu kurz kam und nur sehr selten ernsthaft gehört wurde.
Erlauben Sie mir daher, diese Perspektive der Unternehmen kurz zu erläutern: Wer primär geopolitischen Entwicklungen für unsere Situation verantwortlich macht, liegt falsch. Klar belasten uns die US-Handelspolitik, die neue Konkurrenz aus China, der Russland-Ukraine- und ganz aktuell der Iran-Krieg.
Doch hinter diesen externen Faktoren dürfen wir uns nicht verstecken. Diese Krisen und Probleme sind nicht einfach über Nacht über uns gekommen. Nein, wir haben die Anzeichen ignoriert, die Auswirkungen falsch eingeschätzt und es vielfach versäumt, uns an die veränderten Bedingungen anzupassen.
Meine Damen und Herren, Präsident Trump, Xi Jinping oder Putin werden wir kaum beeinflussen können. Deshalb müssen wir den Fokus auf unsere eigenen Hausaufgaben richten. Denn es sind maßgeblich interne politische Versäumnisse, die die Wirtschaft ausbremsen.
Gestatten Sie mir ein Bild: Unsere Volkswirtschaft fährt mit Ihrem Nullwachstum im Schneckentempo auf der rechten Fahrbahn der Autobahn, während andere Nationen, auch europäische, an uns vorbeiziehen. Aber nicht genug, wir fahren nicht nur zu langsam, sondern fahren noch in die falsche Richtung und das auf der falschen Fahrbahn. Wir sind die Geisterfahrer in der Weltwirtschaft.
Aktuelles Beispiel: unsere Bundesregierung sattelt weitere Belastungen drauf: Bundestariftreuegesetz, Mütterrente, die Verlängerung der Haltelinie oder allerlei Subventionen sind nur einige Beispiele für eine irrlichternde Politik.
Aber was sind die entscheidenden Punkte, die wir jetzt beherzt anpacken müssten?
4.1 Wettbewerbsfähigkeit
Hier möchte ich den Kanzler zunächst an seine Aussage erinnern, wonach alle politischen Maßnahmen auf die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts einzahlen müssen. Das Gegenteil ist bislang geschehen!
4.2 Kosten
Die wichtigste Stellschraube für mehr Wettbewerbsfähigkeit : die Kosten am Standort Deutschland müssen runter! Allerlei Vorschriften, Lohnnebenkosten und Gemeinkosten führen zu einer immer höheren Belastung des Faktors Arbeit. Arbeit darf nicht immer weiter zum Luxusgut werden. Wie sollen wir als Unternehmer einem Durchschnittsbürger eine Dienstleistungsstunde verkaufen, wenn er das fünf- bis sechsfache seines Stundenlohns dafür aufbringen muss?
In die falsche Richtung geht der derzeit diskutierte Vorschlag der verpflichtenden Betriebsrente für alle Arbeitnehmer. Wie sollen dadurch die Lohnnebenkosten gesenkt werden?
Ich frage mich: Wie sieht es aus bei den 500 teilweise parallel laufenden Sozialleistungen? Wo wird kritisch überprüft, hinterfragt und konsolidiert?
Damit die notwendigen Einschnitte politisch tragfähig werden, muss sich auch der Staat selbst hinterfragen. Ist beispielsweise der im Koalitionsvertrag angekündigten Stellenabbau in der Bundesverwaltung im Umfang von acht Prozent wirklich das Ambitionsniveau, das sich die Politik zutraut?
Damit die notwendigen Einschnitte politisch tragfähig werden, muss sich auch der Staat selbst hinterfragen. Ist beispielsweise der im Koalitionsvertrag angekündigten Stellenabbau in der Bundesverwaltung im Umfang von acht Prozent wirklich das Ambitionsniveau, das sich die Politik zutraut?
4.3 Rente
Auch bei der Rente brauchen wir den unbequemen Perspektivwechsel hin zu den Interessen der kommenden Generation. Ohne die Wiedereinführung des Nachhaltigkeitsfaktors oder mehr kapitalgedeckte Altersvorsorge wird es auf lange Sicht nicht gehen. Kurzfristig muss die Subventionen der Frühverrentung endlich beendet werden. Allein diese kostet uns knapp zehn Milliarden im Jahr.
4.4 Energie
Der Perspektivwechsel im Bereich Energie beschäftigt uns als IHK-Organisation seit mehreren Jahren. Auch wir haben mit verschiedenen Studien zum Perspektiven-Wechsel beigetragen. Uns eint die Notwendigkeit zum Klimaschutz und unser Bekenntnis zu den Klimazielen. Doch darüber hinausgehend plädieren wir für eine höhere Gewichtung von Verlässlichkeit und Bezahlbarkeit.
Wenn wir – die Wirtschaft – das von der Politik fordern, dann müssen wir sie auch bei der Umsetzung unterstützen. Das, meine Damen und Herren, ist nicht nur ein Kommentar, sondern eine Aufforderung an die Unternehmer aus Heidelberg.
Der aktuelle Anlass: Die Stadt Heidelberg will genau das tun, was unsere Stromstudie gefordert hat: die Potentiale der Erneuerbaren Energien in der Region zu erschließen, um die Sicherheit unserer Versorgung zu erhöhen. Just in diesem Moment stellt sich in der Stadtgesellschaft die Angst vor dem Torschuss ein, mit der Gefahr, dass – wieder einmal – eine Chance auf den letzten Metern verstolpert wird. Am 12. Juli 2026 entscheiden die Bürger darüber, ob am Lammerskopf Windkraftanlagen gebaut werden dürfen.
Die Stadt freut sich, wenn sich die Heidelberger Wirtschaft für das Projekt einsetzt, das ihrer eigenen Resilienz dient. Oberbürgermeister Würzner wird sich sicher freuen, wenn Sie Ihn zu diesem Thema heute Abend ansprechen und unterstützen.
4.5 Europa und Außenhandel
Von der lokalen zurück auf die internationale Ebene – auch hier ist Einsatz gefragt. Im Bereich Europa und Außenhandel ist es wichtig, dass wir uns weiterhin intensiv für eine Vertiefung des EU-Binnenmarkts einsetzen. Denn Europa ist kein Gott-gegebenes Projekt. Unsere europäischen Errungenschaften müssen jeden Tag wieder erkämpft und verteidigt werden. Wir brauchen mehr europäische Perspektive, weniger nationale!
4.6 Regulierung
Zum Schluss das Thema Regulierung: Hier bestehen erhebliche Zweifel, ob die Bundesregierung dem Anspruch "Wirtschaft-First" gerecht wird. Um es klar zu sagen: Der Minimalkonsens, schlechte Regulatorik lediglich zu digitalisieren, springt viel zu kurz. Das werden wir so nicht durchgehen lassen! Exemplarisch dafür das Entgelttransparenzgesetz:
Seit 2017 existiert in Deutschland das Entgelttransparenzgesetz, das versucht, ein richtiges und wichtiges Ziel mit fragwürdigen regulatorischen Maßnahmen zu erreichen. Unter maßgeblichem deutschen Einfluss, beispielsweise durch Frau von der Leyen und Frau Barley, hat die EU eine verschärfte Entgelttransparenzrichtlinie verabschiedet, die nun bis zum vergangenen Sonntag in nationales Recht umgesetzt werden sollte.
Die drohende Novelle des Entgelttransparenzgesetzes enthält viele Verschärfungen, insbesondere für den Mittelstand, bis hin zu kleinsten Unternehmen. So sind nun für alle Unternehmen verpflichtende Gehaltsangaben in Stellenausschreibungen, Auskunftsansprüche für Arbeitnehmer in Bezug auf Gehälter und eine Beweislastumkehr zulasten des Arbeitgebers zu beachten.
Das Entgelttransparenzgesetz zeigt exemplarisch, wie ein nachvollziehbares Ziel durch die falschen Instrumente zu einer Belastung für die Wirtschaft wird.
Nur damit sie mich nicht falsch verstehen: Der sechsprozentige, objektiv unbegründete Gehaltsunterschied beim Durchschnittsverdienst von Männern und Frauen dürfen wir nicht hinnehmen!
Das Problem liegt vielmehr darin, dass die Politik durch zusätzliche Regulatorik Symptome bekämpft, statt die strukturellen Ursachen beseitigt: mangelnde Kinderbetreuung beispielsweise.
Im Mittelstand entstehen Leistung, Verantwortung und Vergütung oft in flexiblen Strukturen. Mitarbeitende übernehmen unterschiedliche Aufgaben, arbeiten eigenverantwortlich und entwickeln Lösungen im Team. Sie sind oftmals freier als in größeren Strukturen. Starre Stellenprofile, wie vom Gesetz gefordert, bilden diese Realität nicht ab.
Um es abzukürzen: Das Gesetz steht im Widerspruch zum Wesen des Mittelstands. Diese Novelle darf in der jetzigen Form nicht wieder auf die Tagesordnung kommen!
Liebe Gäste, ich habe Sie heute Abend zu einigen Perspektivwechseln eingeladen.
Mein Appell an die Politik: Nehmen Sie die Perspektive Wirtschaft in ihrer ganzen Vielfalt stärker ein. Bitte versetzen Sie sich vor Ihren Entscheidungen immer wieder in die Lage der Unternehmer. Nicht, weil es um die Interessen einzelner Unternehmen geht, sondern weil eine leistungsfähige Wirtschaft die Voraussetzung für Wohlstand, soziale Sicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt ist.
Auf Landesebene jedenfalls hat man den Ernst der Lage offenbar erkannt. Denn das Thema Wirtschaft wurde sowohl im Wahlkampf als auch im Koalitionsvertrag der beiden Regierungsparteien klar priorisiert. Einige wichtige Anliegen der IHK-Organisation wurden aufgenommen. Positiv sind aus unserer Sicht im Besonderen:
- die Absage an neue Landesschulden und
- das bereits erwähnte Effizienzgesetz. Hier geht das Land einen neuen Weg, indem es die Beweislast umkehrt, das heißt die Bürokratie muss nachweisen, dass eine Regelung sinnvoll ist und nicht umgekehrt. Ein Grundsatz, dem sich der Bund anschließen sollte!
Im Koalitionsvertrag finden sich zudem auch Punkte, die für die künftige Entwicklung unserer Region von entscheidender Bedeutung sind. Hier sind vor allem die Health & Life-Science Alliance und der Ausbau des Schienenknotens Mannheim zu nennen. Natürlich ist die Umsetzung dieser Punkte aus dem Koalitionsvertrag noch lange kein Selbstläufer. Aber Kompass und Richtung der Koalitionäre stimmen!
Auch auf regionaler Ebene gibt es Erfolge und viel Anlass zur Zuversicht – exemplarisch dafür: Am 3. Juli bin ich zur Wiedereröffnung der Hochstraße Süd eingeladen. Das zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen: in den Kommunen, im Land und im Bund, in der Wirtschaft, in Politik und Verwaltung. Auch wir haben uns beispielsweise mit dem Mobilitätspakt beteiligt. Vor allem aber ist damit ein Damoklesschwert verschwunden, das viele Jahre über uns schwebte: der gleichzeitige Ausfall beider Rheinquerungen.
Zum Schluss noch ein Appell an meine lieben Unternehmerkolleginnen und -kollegen: Der Politik zu der Einsicht zu verhelfen, dass der Standort Deutschland ein Problem hat, war ein erster Schritt – ein mühsamer erster Schritt.
Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Kompetenz und Ihrem Engagement, der Politik unternehmerische Perspektiven aufzuzeigen, und für eine zukunftsfähiges Deutschland zu kämpfen. Ziehen sie sich nicht zurück – ich weiß, das ist schwer, aber von alleine wird es nicht gehen.
Nach diesen vielen Perspektivwechseln lade ich Sie alle nun zum konkreten Perspektivwechsel ein: dem Perspektivwechsel im persönlichen Gespräch. Das Buffet ist eröffnet. Kommen Sie ins Gespräch, kommen Sie in den Austausch, leben und erleben Sie Perspektivwechsel heute Abend.
Der IHK-Sommerempfang in Bildern
Ladenburg, 10. Juni 2026
