30. April 2026

Energiewende neu ausrichten: IHK Schwaben fordert eine wirtschaftlich tragfähige Energiepolitik

Vor dem Hintergrund steigender Kosten, wachsender Bürokratie und internationaler Wettbewerbsnachteile fordert die regionale Wirtschaft eine Neuausrichtung der Energiewende. Ziel ist es die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Bayerisch-Schwaben mit dem Klimaschutz in Einklang zu bringen. „Die Unternehmen stehen klar hinter dem Ziel des Klimaschutzes. Aber der Weg dorthin muss wirtschaftlich tragfähig sein“, betont IHK-Präsident Reinhold Braun. „Wir benötigen eine Energiepolitik, die Versorgungssicherheit gewährleistet, Kosten begrenzt, Investitionen ermöglicht und unsere Resilienz gegenüber externen Schocks erhöht. Ansonsten riskieren wir Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Wohlstand in unserer Region.“
Die Vollversammlung der IHK Schwaben hat bei ihrer Sitzung am 29. April 2026 in Memmingen eine grundlegende energiepolitische Positionierung beschlossen. Dem Votum ging eine breite Beteiligung des unternehmerischen Ehrenamts aller elf bayerisch-schwäbischen IHK-Regionalversammlungen voraus. Diese stehen repräsentativ für alle Mitgliedsunternehmen der IHK Schwaben aus Produktion, Handel, Tourismus und Dienstleistungen.

Energiewende wird zunehmend zur Belastung für Unternehmen

Die aktuelle Ausgestaltung der Energiewende stellt viele Unternehmen in Bayerisch-Schwaben vor erhebliche Schwierigkeiten. Hohe Energiepreise, komplexe regulatorische Vorgaben und langwierige Genehmigungsverfahren führen zu steigenden Kosten und wachsender Unsicherheit. Eine aktuelle Befragung unter den Mitgliedern der IHK-Regionalversammlungen zeigt ein klares Stimmungsbild: Die Auswirkungen der Energiewende werden mehrheitlich kritisch bewertet. Insbesondere bürokratische Anforderungen gelten für einen Großteil der Unternehmen als größte Belastung. „Wenn Genehmigungsverfahren Jahre dauern und sich Investitionen kaum noch kalkulieren lassen, dann gefährdet das die Transformation selbst“, so Braun. „Wir dürfen die Unternehmen nicht durch immer neue Detailvorgaben ausbremsen.“

Klimaziele international abstimmen

Ein zentrales Anliegen der IHK Schwaben ist die stärkere internationale Abstimmung der Klimaziele. Nur Deutschland verfolgt derzeit das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 – alle anderen Industrienationen verfolgen spätere Zeitpunkte. Aus Sicht der regionalen Wirtschaft führt dieser nationale Sonderweg zu inakzeptablen Wettbewerbsnachteilen. Unternehmen sehen sich mit deutlich höheren Kosten konfrontiert als internationale Wettbewerber. „Klimaschutz funktioniert nur global“, erklärt Braun. „Wenn Deutschland überambitionierte Ziele verfolgt, führt das nicht zu mehr Klimaschutz, sondern zu weit überhöhten Kosten und weiterer Deindustrialisierung. Deshalb müssen wir uns stärker an den G20-Staaten und am europäischen Zielpfad orientieren.“

Systemkosten deutlich senken

Einen weiteren Schwerpunkt legt die IHK-Vollversammlung auf die Reduzierung der Systemkosten der Energiewende. Dazu zählen insbesondere staatliche Abgaben und Umlagen, Netzentgelte sowie indirekte Kosten durch Überregulierung. Für viele Unternehmen sind die Energie- und Rohstoffkosten inzwischen zum größten Risiko ihrer wirtschaftlichen Entwicklung geworden. Hohe und volatile Preise erschweren Investitionen und schwächen die internationale Wettbewerbsfähigkeit. „Energie muss bezahlbar bleiben“, fordert Braun. „Wir erwarten eine spürbare Entlastung bei Steuern, Abgaben und Netzentgelten. Nur so halten wir Wertschöpfung in der Region.“

Technologieoffenheit stärken

Die IHK Schwaben spricht sich klar für einen technologieoffenen Ansatz in der Energiepolitik aus. Das bedeutet: Alle Technologien zur Energieerzeugung sollen gleichberechtigt im Wettbewerb antreten. Statt politisch vorgegebener Technologiepfade sollte sich der tragfähigste Energiemix durchsetzen. Als Kriterien sollten hier nicht nur die CO2-Intensität des Energieträgers, sondern auch Kosten, Verfügbarkeit und Versorgungssicherheit herangezogen werden.

Mehr Markt, weniger Detailsteuerung

Ein weiteres Grundprinzip der beschlossenen Positionen ist die stärkere Orientierung an marktwirtschaftlichen Instrumenten. Die IHK Schwaben plädiert dafür, staatliche Detailsteuerung zu reduzieren und stattdessen auf wirksame Marktmechanismen zu setzen. „Der Markt ist der beste Innovationsmotor“, betont Braun. „Wenn wir auf eine klare Marktorientierung statt auf komplexe Förderprogramme und Vorschriften setzen, erreichen wir eine deutlich effizientere und kostengünstigere Energiewende als bisher.“

Versorgungssicherheit und Infrastruktur im Fokus

Neben Kosten und Regulierung bleibt die Versorgungssicherheit ein zentrales Anliegen der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft. Ausreichend gesicherte Leistung (Grundlast), der Ausbau der Netzinfrastruktur und Speicherkapazitäten spielen hier die zentrale Rolle. „Die Energiewende darf nicht zulasten der Versorgungssicherheit gehen“, warnt Braun. „Wir brauchen leistungsfähige Netze und Speicher sowie ausreichend Grundlastfähigkeit.“

Klare Erwartungen an die Politik

Mit der verabschiedeten Positionierung richtet die IHK Schwaben klare Erwartungen an die Politik auf Bundes- und Europaebene. Die regionale Wirtschaft fordert einen Kurswechsel, der Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gleichermaßen berücksichtigt. Im Mittelpunkt stehen dabei eine realistische Zielsetzung, eine deutliche Entlastung der Unternehmen sowie verlässliche politische Rahmenbedingungen für Investitionen. „Die Unternehmen leisten ihren Beitrag zur Transformation“, stellt Braun fest. „Aber sie benötigen dafür die richtigen Voraussetzungen. Eine wirtschaftlich tragfähige Energiewende ist kein Widerspruch zum Klimaschutz – sie ist seine Voraussetzung.“