19. Mai 2026

Aufbruch abgesagt – Politik bleibt Wachstumsagenda schuldig

Die wirtschaftliche Entwicklung in Bayerisch-Schwaben bleibt im Frühjahr 2026 schwach. Während sich die aktuelle Geschäftslage auf niedrigem Niveau stabilisiert, haben sich die Erwartungen der Unternehmen deutlich eingetrübt. Mit einem Wert von 102 Punkten liegt der IHK-Konjunkturklimaindex nur noch wenig über der Wachstumsschwelle und deutlich unterhalb des zehnjährigen Durchschnitts. „Neben den wirtschaftlichen Folgen des Konflikts im Persischen Golf belasten weiterhin strukturelle Standortprobleme die Unternehmen. Die Energie- und Rohstoffpreise stellen für viele Unternehmen das größte Risiko ihrer künftigen Entwicklung dar. Die Bundesregierung muss endlich ein ambitioniertes Reformpaket schnüren, das den Wirtschaftsstandort wieder wettbewerbsfähig macht und damit wirtschaftliches Wachstum ermöglicht“, fordert Reinhold Braun, Präsident der IHK Schwaben.
Im Zeitraum vom 13. bis 14. April 2026 hat die IHK Schwaben einen repräsentativen Querschnitt ihrer Mitgliedsunternehmen aus Produktion, Handel und Dienstleistungen zur aktuellen Lage, den künftigen Erwartungen und den größten konjunkturellen Risiken befragt. Rund 860 Unternehmen haben geantwortet. Die Ergebnisse stellte die IHK Schwaben im Rahmen eines Pressegesprächs am 19. Mai 2026 vor.

Lage stagniert, Erwartungen schwächer

Der IHK-Konjunkturindex, der sowohl die aktuelle Lage als auch die Erwartungen abbildet, ist im Vergleich zur Konjunkturumfrage im Frühjahr um sechs auf nun 102 Punkte gesunken. Er liegt damit über der „Wachstumsschwelle“ von 100 Punkten und unterhalb des zehnjährigen Durchschnitts von 113 Punkten. IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Marc Lucassen: „Die bayerisch-schwäbische Wirtschaft befindet sich in sehr schwierigem Fahrwasser. Ausschlaggebend für den Rückgang der Stimmung sind insbesondere die pessimistischeren Geschäftserwartungen der Unternehmen. Im Ergebnis spiegelt der IHK-Konjunkturindex die bislang ausgebliebenen wirtschaftspolitischen Impulse wider, verstärkt durch die wirtschaftlichen Folgen der Krise im Persischen Golf.“

Alle Branchen trüben sich ein, das Baugewerbe verliert deutlich

Die konjunkturelle Stimmung hat sich branchenübergreifend verschlechtert – auch in der für Bayerisch-Schwaben besonders bedeutenden Industrie. Grund dafür sind die Erwartungen, die quer über alle Branchen hinweg schlechter sind als die aktuelle Lage. Über der „Wachstumsschwelle“ bleiben ausschließlich die unternehmensbezogenen Dienstleister mit 114 Punkten, alle übrigen Branchen stagnieren oder schrumpfen. „Die Bauwirtschaft als wichtiger Konjunkturmotor hat binnen weniger Monate deutlich verloren. Die Stimmung der Bauwirtschaft bewegt sich nun auf dem gleich niedrigen Niveau wie das Reise- und Gastgewerbe sowie der Handel. Gerade diese Branchen leiden erheblich unter der zu geringen Inlandsnachfrage“, sagt Lucassen.

Die Wachstumsimpulse fehlen aus dem In- und dem Ausland

Steigende Energie- und Rohstoffpreise erhöhen den Inflationsdruck und belasten die Kaufkraft der privaten Haushalte. Der Wertverlust des Euro führt zu einer zurückhaltenden Inlandsnachfrage und dämpft damit das Stimmung aller Branchen. Hinzu kommt, dass die heimische Industrie vergeblich auf neue Impulse aus dem Ausland wartet. Besonders herausfordernd ist das Geschäft mit China, doch auch aus Nordamerika und Europa ist die Nachfrage zu gering. Lucassen: „Die jüngsten Handelsabkommen der Europäischen Union mit Mercosur und Indien können wichtige Impulse für die Diversifizierung internationaler Absatzmärkte setzen. Sie sind die richtige Antwort auf die geopolitischen Krisen. In Kombination mit der notwendigen Vollendung des europäischen Binnenmarktes stärken sie die Resilienz der heimischen Industrie.“

Investitionen zu gering, Beschäftigtenzahl sinkt

Die Investitionsdynamik in Bayerisch-Schwaben bleibt insgesamt schwach. Die Investitionsabsichten der heimischen Unternehmen am Standort sind zu niedrig, die im Ausland nehmen sogar deutlich weiter ab. Und wenn hierzulande doch investiert wird, dann in vornehmlich in den Ersatz alter oder defekter Anlagen (61 Prozent). Dagegen finden Investitionen in Produktinnovationen nur in rund jedem vierten Unternehmen statt. Der Substanzverlust spiegelt sich zudem in den Beschäftigungsabsichten der Unternehmen wieder. Doppelt so viele Arbeitgeber (22 Prozent) rechnen demnach mit sinkenden als mit steigenden Beschäftigtenzahlen (11 Prozent). Lucassen: „Die seit Jahren ausbleibenden Inlandsinvestitionen sind mehr als ein Warnsignal. Sie sind ein Verlust an wirtschaftlicher Substanz, der nun auch auf dem Arbeitsmarkt angekommen ist. Die aufgrund des demografischen Wandels stabile Arbeitslosenquote darf darüber nicht hinweg täuschen.“

Energie- und Rohstoffpreise sind das größte Risiko

Die konjunkturellen Risiken haben sich in Summe über den Frühjahr hinweg weiter verstärkt – und in ihrer Ausprägung deutlich verändert. An der Spitze liegen nun mit weitem Abstand zu allen weiteren Risiken die hohen Energie- und Rohstoffpreise (67 Prozent), die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (64 Prozent), die Inlandsnachfrage (61 Prozent) sowie die Arbeitskosten (57 Prozent). Dagegen verliert der Arbeits- und Fachkräftemangel (35 Prozent) immer weiter an Bedeutung. „Die Krise am Persischen Golf, der fortwährende Streit in der Schwarz-Roten-Bundesregierung, der Vertrauensverlust bei den Unternehmen und der arbeitenden Mitte sowie unser zu geringes und zu teures Arbeitsvolumen geben keinen Anlass zum wirtschaftlichen Optimismus. Das Ergebnis vieler, sich überlagernder Risiken lässt sich im IHK-Konjunkturindex ablesen“, sagt Braun.
Braun: „Trotz der besorgniserregenden Dimension unserer aktuellen Strukturkrise gibt es einen Ausweg: Die Rückbesinnung auf die Grundsätze der Sozialen Marktwirtschaft. Also mehr Markt und weniger Staat, mehr Eigenverantwortung und weniger Umverteilung und eine verlässliche Ordnungspolitik – auch in den Sozialsystemen. Die drei zentralen Handlungsfelder einer notwendigen Wachstumsagenda 2030 für Deutschland sind damit Steuern & Abgaben, Energie und Arbeitsmarkt. Wenn es der Bundesregierung bis zur Sommerpause gelingt in diesen Feldern zu liefern, kann der Konjunkturmotor wieder anspringen. Doch zum Nulltarif und mit Klein-Klein ist das nicht zu haben. Wir benötigen mutige und konkrete Reformen, die die Lasten fair verteilen und einem Zielbild folgen, für das es sich lohnt zu arbeiten und zu investieren.“