Publikation
Innenstadtmonitor Ostfriesland & Papenburg
Innenstädte sind zentrale Orte des Handels, der Versorgung und des öffentlichen Lebens. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, neues Konsumverhalten, der Strukturwandel im Handel und veränderte Mobilitätsgewohnheiten ihre Nutzung. Um diese Entwicklungen besser einordnen zu können, hat die IHK für Ostfriesland und Papenburg gemeinsam mit den Kommunen Aurich, Emden, Leer, Norden und Papenburg ein Projekt zur kontinuierlichen Messung von Passantenfrequenzen gestartet. Der Innenstadtmonitor Ostfriesland & Papenburg wertet diese Daten wissenschaftlich aus und zeigt, welche Muster und Einflussfaktoren sich erkennen lassen.
Hintergründe und Methodik der Datenerhebung
Seit Anfang 2025 werden in den fünf beteiligten Städten mithilfe von Passantenfrequenzmessgeräten der Firma EcoCounter kontinuierlich Besucherströme an zentralen Innenstadtlagen erfasst. Die Systeme arbeiten mit Passiv-Infrarot-Technologie und erfassen anonymisiert unter anderem Passantenfrequenzen und Laufrichtungen. Die wissenschaftliche Auswertung übernimmt das Institut für Handelsforschung (IFH) Köln. Dabei werden die Frequenzdaten unter anderem mit Einflussfaktoren wie Veranstaltungen, Witterung, touristischen Übernachtungen und weiteren lokalen Rahmenbedingungen in Beziehung gesetzt.
Für den Innenstadtmonitor 2026 wurden insgesamt acht feste und mobile Messpunkte ausgewertet. Da sich Lage, Umfeld und Messzeiträume der Zähler zwischen den Städten unterscheiden, sind die absoluten Frequenzwerte nur eingeschränkt direkt miteinander vergleichbar. Sie dienen vielmehr als Indikatoren dafür, wie sich die Nutzung einer bestimmten Innenstadtlage im Zeitverlauf entwickelt. Die gemessene Frequenz allein ist daher kein Maß für die Qualität oder Attraktivität einer Innenstadt.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit der Texte wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Selbstverständlich sind stets alle Geschlechter angesprochen.
Welche zentralen Erkenntnisse lassen sich aus den Messdaten ableiten?
Der erste Innenstadtmonitor für Ostfriesland und Papenburg zeigt, dass die Passantenfrequenzen in den Innenstädten von Aurich, Emden, Leer, Norden und Papenburg durch ein vielschichtiges Zusammenspiel unterschiedlicher Einflussfaktoren geprägt werden. Höhe und Entwicklung der Frequenzen hängen dabei weniger von der Einwohnerzahl einer Stadt ab, sondern vor allem von ihrer funktionalen Rolle im Raum, der Struktur der Innenstadt, der Lage der Messpunkte sowie von Einzelhandel, Tourismus, Veranstaltungen, Wetter und saisonalen Effekten.
Übergreifende Frequenzanalyse
Die folgenden Online-Artikel liefern detaillierte Informationen zu den übergreifenden Analysen für alle untersuchten Städte:
Jede Innenstadt hat ihr eigenes Frequenzprofil
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass jede der untersuchten Städte ein eigenes Frequenzprofil aufweist:
- Aurich profitiert von einer zentralen Fußgängerzone mit direkter Marktplatzanbindung und erzielt die höchsten gemessenen Frequenzen.
- Leer zeigt sich als starker Handels- und Freizeitstandort, wobei die Zählerlage die tatsächliche Bedeutung der Hauptfußgängerzone nur teilweise abbildet.
- Norden weist eine klare Einkaufsstraßenlogik auf, die saisonal und touristisch überlagert wird.
- Papenburg unterscheidet sich durch seine kanalgeprägte Stadtstruktur, profitiert aber deutlich von Aufenthaltsqualität, Tourismus und Weihnachtsmärkten.
- Emden zeigt am betrachteten Messstandort ein eher lokal und alltagsbezogen geprägtes Frequenzmuster.
Individuelle Frequenzanalysen
Die folgenden Online-Artikel liefern detaillierte Informationen zu den individuellen Frequenzanalysen der einzelnen Städte:
Innenstädte sind vor allem tagsüber und samstags belebt
Über alle Städte hinweg lassen sich typische zeitliche Muster erkennen. Die Innenstädte werden vor allem tagsüber genutzt, mit Frequenzspitzen zwischen Mittag und frühem Nachmittag. Im Wochenverlauf ist der Samstag meist der stärkste Tag, während Sonntage insbesondere in stärker einkaufsgeprägten Lagen deutlich schwächer ausfallen. Leer und Papenburg bilden hier Ausnahmen, da dort Freizeit, Gastronomie, Sightseeing und Aufenthaltsqualität auch sonntags relevante Frequenzen erzeugen. Im Jahresverlauf zeigen sich in den meisten Städten deutliche saisonale Effekte mit schwachen Wintermonaten, steigenden Frequenzen ab dem Frühjahr, Höchstwerten im Sommer sowie zusätzlichen Impulsen in der Advents- und Weihnachtszeit.
Veranstaltungen und Märkte sind starke Frequenztreiber
Besonders deutlich wird die Bedeutung von Veranstaltungen. Stadtfeste, Märkte, verkaufsoffene Sonntage und Weihnachtsmärkte zählen in nahezu allen Städten zu den wichtigsten Frequenztreibern. Ihre Wirkung hängt jedoch stark davon ab, ob sie räumlich in der Nähe der jeweiligen Zählstelle stattfinden und ob günstige Rahmenbedingungen wie gutes Wetter, Ferienzeiten oder verlängerte Wochenenden hinzukommen. Auch Feiertage in Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden können zusätzliche Besucherimpulse auslösen, entfalten ihre Wirkung aber nur unter passenden Bedingungen. Ein Automatismus ist nicht erkennbar.
Bedeutung der Standortperspektive
Insgesamt zeigt der Innenstadtmonitor, dass Passantenfrequenzen nur standortspezifisch sinnvoll interpretiert werden können. Die gemessenen Werte sind weniger als direkte Rangfolge der Innenstädte zu verstehen, sondern vielmehr als Indikatoren für die Nutzung einzelner zentraler Lagen. Unterschiede bei Zählerstandorten, Stadtstruktur und Veranstaltungsräumen beeinflussen die Ergebnisse erheblich.
Für die weitere Innenstadtentwicklung ergibt sich daraus eine zentrale Schlussfolgerung:
Frequenzsteigerung entsteht besonders dort, wo Einzelhandel, Gastronomie, Märkte, Veranstaltungen, Tourismus und Aufenthaltsqualität zusammengedacht werden. Erfolgreiche Innenstadtentwicklung ist damit nicht allein Aufgabe des Handels, sondern eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe von Städten, Wirtschaft, Stadtmarketing, Tourismus und weiteren lokalen Akteuren.
Handlungsempfehlungen
Aus den Ergebnissen lassen sich folgende Empfehlungen für Städte, Einzelhandel, Gastronomie, Stadtmarketing, Tourismus, Immobilieneigentümer und weitere Akteure ableiten:
Profil schärfen – gemeinsames Zielbild entwickeln
Die Analyse zeigt, dass jede der untersuchten Städte ein eigenes Frequenzprofil und spezifische Stärken aufweist. Für die Weiterentwicklung der Innenstädte ist es daher wichtig, diese Profile bewusst herauszuarbeiten und in ein individuelles Zielbild zu übersetzen.
Veranstaltungen gezielt als Frequenztreiber einsetzen
Veranstaltungen zählen in allen untersuchten Städten zu den wichtigsten Impulsgebern zusätzlicher Frequenzen. Stadtfeste, Märkte, Weihnachtsmärkte, maritime Formate, Lange Samstage und verkaufsoffene Sonntage können deutliche Besucherzuwächse auslösen. Entscheidend ist, dass Veranstaltungen räumlich eng mit zentralen Einkaufs- und Gastronomielagen verknüpft werden.
Wochenmärkte als Frequenzanker stärken
Dieses Potenzial sollte stärker strategisch genutzt werden. Dazu gehört eine bessere Verbindung mit angrenzendem Einzelhandel und Gastronomie, etwa durch gemeinsame Aktionen, Aufenthaltsbereiche, regionale Themenmärkte oder ergänzende gastronomische Angebote. Ziel ist es, Marktbesucher länger in der Innenstadt zu halten und in weitere Lagen zu lenken.
Verkaufsoffene Sonntage differenziert entwickeln
Die Sonntagsfrequenzen unterscheiden sich deutlich zwischen den Städten. Während einkaufsgeprägte Lagen sonntags meist schwächer frequentiert sind, profitieren touristische oder freizeitorientierte Standorte auch ohne regulären Einzelhandel. Verkaufsoffene Sonntage sollten daher vor allem dort eingesetzt werden, wo sie mit attraktiven Veranstaltungen kombiniert werden können.
Aufenthaltsqualität ausbauen
Die Aufenthaltsqualität ist der stärkste, Gebäude und Fassaden sind der drittstärkste Treiber der Innenstadtattraktivität. Städte sollten daher Sitzmöglichkeiten, Begrünung, Beleuchtung, Sauberkeit, Barrierefreiheit, Orientierung und Platzgestaltung weiter verbessern.
Touristische Potenziale besser nutzen
Touristische Anziehungspunkte führen nicht automatisch zu Innenstadtfrequenz. Entscheidend ist, Besucher gezielt in zentrale Lagen zu lenken und touristische Angebote mit Handel und Gastronomie zu verbinden. Geeignet sind kombinierte Angebote wie Stadtführung und Gastronomie, Werftbesuch und Innenstadtbummel, Küstenaufenthalt und Einkauf oder Altstadtrundgang und Cafébesuch. Wichtig sind eine gute Beschilderung, digitale Karten, abgestimmte Kommunikation sowie passende Mobilitätsangebote.
Saisonale Muster gezielt bespielen
Die Frequenzen folgen in den meisten Städten einem klaren Jahresverlauf: schwache Wintermonate, steigende Werte ab dem Frühjahr, hohe Frequenzen im Sommer und zusätzliche Impulse in der Adventszeit. Diese Muster sollten stärker in die Jahresplanung einfließen.
Feiertage und verlängerte Wochenenden nutzen
Feiertage in Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden können zusätzliche Besucherimpulse auslösen, insbesondere wenn sie mit gutem Wetter, einem verlängerten Wochenende und geöffneten Geschäften in Niedersachsen zusammenfallen.
Besuchsbarrieren abbauen
Städte und Innenstadtakteure sollten gezielt prüfen, welche Hürden einem Innenstadtbesuch entgegenstehen. Dazu gehören gut auffindbare Informationen zu Anreise, Parken, ÖPNV, Fahrradabstellanlagen und Öffnungszeiten ebenso wie barrierearme Wege, verständliche Beschilderung, attraktive Eingangssituationen, sichere Querungen, saubere öffentliche Räume und ausreichende Sitzmöglichkeiten.
Aktives Ansiedlungs- und Leerstandsmanagement
Städte, Wirtschaftsförderung, Immobilieneigentümer und Gewerbetreibende sollten daher ein aktives Ansiedlungs- und Leerstandsmanagement etablieren. Dazu gehören eine systematische Erfassung verfügbarer Flächen, die gezielte Ansprache passender Nutzungen sowie die Unterstützung von Zwischennutzungen, Pop-up-Konzepten, regionalen Angeboten, Kulturformaten oder Start-ups.
Messstandorte und Datengrundlage weiterentwickeln
Die Untersuchung zeigt, dass die Lage der Frequenzzähler die Ergebnisse stark beeinflusst. Nicht jeder Messpunkt bildet die Hauptlage oder alle relevanten Besucherströme gleichermaßen ab. Für die Weiterentwicklung des Innenstadtmonitors sollte daher geprüft werden, ob zusätzliche oder angepasste Messpunkte sinnvoll sind.
Zusammenarbeit verbindlich organisieren
Innenstadtbelebung ist eine gemeinsame Aufgabe. Städte, Einzelhandel, Gastronomie, Stadtmarketing, Tourismus, Kultur, Mobilitätsakteure und Immobilieneigentümer sollten Maßnahmen stärker gemeinsam planen und umsetzen. Sinnvoll sind regelmäßige Innenstadtrunden, abgestimmte Jahresplanungen und gemeinsame Kommunikationsmaßnahmen.