Von Claudia Lösler
Aus dieser Idee entstand 1951 die Forschungsgemeinschaft Technik und Glas e. V. (FTG). Eine Einrichtung, die bis heute eng mit der Entwicklung der Wertheimer Glasindustrie verbunden ist. Anlässlich ihres 75-jährigen Jubiläums blickt Armin Reiche, Vorsitzender der Forschungsgemeinschaft zurück: „Die FTG ist aus einer außergewöhnlichen Situation entstanden. Nach dem Krieg gab es in Wertheim kaum Industrie und praktisch keine Glasindustrie. Viele Unternehmer waren aus Thüringen vertrieben worden und suchten in der amerikanisch besetzten Zone einen Neuanfang. Warum sich so viele von ihnen ausgerechnet für Wertheim entschieden haben, lässt sich heute gar nicht mehr eindeutig erklären. Aber sie haben ihr Know-how, ihre Erfahrung und ihren Unternehmergeist mitgebracht und damit den Grundstein für eine ganze Industrie gelegt.“
Zu den Unternehmen gehörten zahlreiche Hersteller aus der Laborglasbranche. Rohglas wurde weiterhin in Thüringen geschmolzen, während sich in Wertheim zunehmend glasverarbeitende Betriebe ansiedelten. Vier Unternehmen gründeten schließlich das Glaswerk Wertheim. Gleichzeitig wuchs der Bedarf nach einer Organisation, die Forschung, Entwicklung und technische Dienstleistungen für die neuen Betriebe bündelt.
Den Unternehmen fehlte damals eine Struktur, die sie bei Forschung und Entwicklung unterstützt.
Armin Reiche
„Deshalb haben Unternehmer gemeinsam die FTG gegründet. Sie wollten Dienstleistungen und technisches Wissen verfügbar machen, die sich einzelne Betriebe allein nicht leisten konnten.“
Forschung als Erfolgsfaktor
Forschung galt bereits in den 1950er-Jahren als wichtiger Wettbewerbsfaktor. Viele mittelständische Betriebe verfügten jedoch weder über eigene Labore noch über entsprechende Fachabteilungen. Die FTG schuf einen Rahmen, in dem Unternehmen gemeinsam Forschungsfragen bearbeiten, Fördermittel nutzen und neue Erkenntnisse in marktfähige Produkte überführen konnten. „Mit vergleichsweise geringen Mitteln aus dem Marshall-Plan wurden damals tausende Arbeitsplätze geschaffen. Das zeigt, welche Dynamik in dieser Region entstanden ist. Die FTG war Teil dieser Entwicklung.“
In den ersten Jahrzehnten arbeitete die Forschungsgemeinschaft mit einer eigenen Forschungsstätte und beschäftigte zeitweise bis zu 20 Mitarbeitende. Für die Unternehmen der Region wurde sie zu einem wichtigen Partner bei Analysen, Prüfungen und Entwicklungsprojekten. „In den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren war die FTG eine richtige Forschungsorganisation mit eigener Infrastruktur. Wir haben Dienstleistungen erbracht, Versuche durchgeführt und die Glasindustrie direkt unterstützt.“
Kooperation mit dem Frauenhofer ISC
Mit veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geriet dieses Modell jedoch zunehmend unter Druck. Die Finanzierung durch öffentliche Mittel wurde schwieriger, gleichzeitig gingen die Mitgliederzahlen in der Branche zurück. Die FTG musste sich neu aufstellen. Ein entscheidender Wendepunkt folgte 1995. Seitdem arbeitet die Forschungsgemeinschaft auf Grundlage eines langfristigen Kooperationsvertrags mit dem Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC zusammen. Die Außenstelle des Instituts im ehemaligen Kloster Bronnbach wurde zu einem Zentrum für angewandte Materialforschung und Technologietransfer. „Die Ansiedlung des Fraunhofer-Instituts in Bronnbach war für die Region etwas ganz Besonderes“, betont Reiche.
Dass ein Institut mit Hauptsitz in Würzburg nach Bronnbach gekommen ist, war keineswegs selbstverständlich. Davon profitieren die Unternehmen bis heute.
Armin Reiche
Mit der Kooperation wurden operative Forschungsaufgaben, Analysen und Teile der technischen Infrastruktur auf das Fraunhofer-Institut übertragen. Die FTG konzentrierte sich zunehmend auf ihre Rolle als Netzwerk und Ideengeber.
Über die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) konnten viele Forschungsvorhaben für die Mitgliedsunternehmen angestoßen werden. Als sich auch dort die Förderlandschaft verändert hat, musste sich die FTG erneut anpassen. Dieser Wandel prägt die Organisation bis heute. Die Forschungsgemeinschaft versteht sich inzwischen als Plattform für Wissensvermittlung, Weiterbildung und Technologietransfer.
Vom Dienstleister zum Wissensvermittler
„Unser Anspruch heute ist es, neue Forschungsergebnisse und Projekte für unsere Mitglieder zugänglich zu machen. Es geht um Know-how-Vermittlung, um Wissen über Glas, aber auch um Themen wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Wir organisieren Seminare, Vorträge, Betriebsbesuche und Weiterbildungsangebote. Die Unternehmen stehen vor großen Veränderungen. Dabei möchten wir sie begleiten.“
Während sich die Organisation immer wieder neu erfunden hat, blieb eines über die Jahrzehnte konstant: die Bedeutung des Werkstoffs Glas. Immer wieder wurde prognostiziert, Kunststoffe würden Glas verdrängen. Tatsächlich erlebt das Material heute in vielen Spezialanwendungen eine Renaissance.
Die Diskussion, dass Kunststoff Glas ersetzen wird, ist eigentlich vorbei.
Armin Reiche
„Glas hat wunderbare Eigenschaften. Es ist langlebig, nachhaltig und chemisch äußerst stabil. Glas verunreinigt weder die Umwelt noch den Inhalt. Sein großer Nachteil ist, dass es brechen kann. Aber in vielen Anwendungen ist es nach wie vor der beste Werkstoff.“ Vor allem die Spezialglasindustrie in Wertheim sieht er gut aufgestellt. Während Hersteller von Massen- oder Flachglas unter hohen Energiekosten leiden, profitieren die Unternehmen in der Region von ihrer Spezialisierung.
Die Zukunft der Glasindustrie
Die FTG zählt heute rund 50 Mitglieder, darunter Industrieunternehmen, Institutionen und regionale Partner. Die Zahl der Glasunternehmen in der Region ist zwar im Laufe der Jahrzehnte zurückgegangen, doch die Bedeutung von Wissen, Forschung und Innovation wächst weiter. Dass die Region Wertheim ihre Stärken bewahren muss, hat Reiche auch in seiner langjährigen Tätigkeit als Geschäftsführer der DWK Life Sciences erfahren. „Wir machen als Unternehmen weltweit Geschäfte, in den USA, in Europa und in Asien“, sagt er. „Heute sehen wir, dass reines Globalisierungsdenken nicht alle Antworten liefert. Umso wichtiger wird die Frage: Was können wir hier in unserer Region tun, um Wissen und Know-how zu erhalten? Man muss wissen, wo man herkommt. Die Stärke unserer Unternehmen liegt in dem Wissen, das über Generationen aufgebaut wurde.“
Passend zum Jubiläum präsentiert das Glasmuseum Wertheim eine Sonderausstellung, in der Unternehmen aus der Region ihre aktuellen Produkte zeigen, von hochmoderner Labortechnik bis hin zu traditioneller Glashandwerkskunst. Die Ausstellung macht sichtbar, was die FTG seit 75 Jahren begleitet: die enge Verbindung von Forschung, Unternehmertum und einer Industrie, die das wirtschaftliche Profil der Region bis heute entscheidend mitprägt.
Die FTG steht seit 75 Jahren für die Verbindung von Forschung, Industrie und Region.
Armin Reiche
„Und genau dieses Netzwerk möchten wir auch für die kommenden Generationen erhalten.“