Von Claudia Lösler
Zugleich werden Debatten in sozialen Medien immer schneller und kontroverser geführt. Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten und der rasante technologische Wandel verstärken das Gefühl gesellschaftlicher Veränderung. Besonders für junge Menschen stellt sich damit umso mehr die Frage, wie sie sich einbringen, Verantwortung übernehmen und die Zukunft aktiv mitgestalten können.
Genau hier setzt das Planspiel „Demokratie erleben! Zukunftskompetenzen für Ausbildung und Beruf entwickeln“ an, zu dem die IHK Heilbronn-Franken am 8. Dezember Auszubildende aus der Region einlädt. In dem interaktiven Format entwickeln die Teilnehmenden gemeinsam ein demokratisch-organisiertes Dorf und überlegen, nach welchen Werten und Regeln sie dort leben und arbeiten möchten. Dabei setzen sie sich auch mit Fragen auseinander, wie Demokratie und Arbeitswelt zusammenhängen: Wo beeinflussen sich beide Bereiche gegenseitig und welche Herausforderungen könnten daraus entstehen? Wofür zahle ich eigentlich Steuern? Und wie funktioniert der Generationenvertrag? Dieses Planspiel macht Themen wie Mitbestimmung, Verantwortung, Gemeinwohl und das Miteinander konkret erfahrbar.
„Viele dieser Themen bleiben im Schulalltag zunächst relativ abstrakt“, sagt Sebastian Ciołek, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektmanager am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), der das Planspiel seit mehreren Jahren begleitet.
In der Schule werden wichtige Grundlagen gelegt. Entscheidend ist aber auch, dass insbesondere junge Menschen eigene Erfahrungsräume erhalten, die an ihre derzeitige Lebenswelt anknüpfen.
Sebastian Ciołek
Wenn sie selbst Entscheidungen treffen, unterschiedliche Interessen abwägen und erleben, welche Auswirkungen diese Entscheidungen auf ihr eigenes Leben sowie auf andere haben, werde Demokratie konkret und greifbar, so Ciołek.
Im Zentrum des Planspiels steht deshalb kein klassischer Vortrag, sondern das gemeinsame Handeln und Erfahren. Die hierbei entwickelten Vorstellungen werden anschließend mit den Werten und Grundsätzen des deutschen Grundgesetzes vergleichen und diskutiert. Dabei tauchen Fragen auf, die eng mit der eigenen Lebenswelt verbunden sind: Wie gehen wir mit älteren Menschen um? Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit? Und wie integrieren wir neue Mitglieder in eine Gemeinschaft? „Themen wie Menschenwürde oder Teilhabe wirken zunächst abstrakt. Im Planspiel werden sie plötzlich greifbar“, betont Ciołek.
Junge Menschen wollen gehört werden
Gerade für Auszubildende sei dieser Perspektivwechsel wertvoll. Schließlich bewegen sie sich täglich zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung. „Demokratische Basiskompetenzen müssen kontinuierlich gefördert und entsprechend an der Lebensrealität und beruflichen Erfahrung der Menschen weiterentwickelt werden. Ausbildung bietet dafür einen wichtigen Raum.“
Dass demokratische Bildung längst auch ein Thema der Wirtschaft ist, zeigt sich nicht zuletzt angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen. Der Fachkräftemangel, die Transformation der Arbeitswelt und die zunehmende Verbreitung von KI stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig prägen soziale Medien die politische Meinungsbildung einer ganzen Generation.
Die Themen verändern sich ständig und werden oft durch die Tagespolitik oder Trends auf Plattformen wie TikTok beeinflusst
Sebastian Ciołek
„Die grundlegenden Erwartungen an Demokratie bleiben jedoch gleich: Junge Menschen möchten fair behandelt werden, sie möchten zuhören und gehört werden. Sie möchten sich einbringen, partizipieren und ihre Lebens- und Arbeitswelt aktiv mitgestalten. Dafür brauchen sie die entsprechenden Fähigkeiten und Erfahrungsräume, um Beteiligung nicht nur einzufordern, sondern auch selbst gestalten zu können.“
Ciołek nimmt durchaus eine positive Entwicklung wahr. „Junge Menschen interessieren sich wieder stärker für Demokratie und Politik“, sagt er.
Sie sind häufig parteien- und politikerverdrossen, aber keineswegs demokratieverdrossen. Viele sind enttäuscht, weil sie sich nicht ausreichend abgeholt fühlen. Gleichzeitig gibt es ein großes Interesse daran, auch hier mitzuwirken und Verantwortung zu übernehmen.
Sebastian Ciołek
Das Planspiel schafft dafür einen geschützten Raum. Hier darf gestritten, diskutiert und argumentiert werden. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, unterschiedliche Meinungen ausdrücklich zugelassen. „Ein wichtiger Aha-Moment für viele Teilnehmer ist die Erfahrung, dass sie ernst genommen werden und tatsächlich selbst entscheiden dürfen“, berichtet Ciołek. „Diese Reflexion tut vielen jungen Menschen gut.“
Auch aktuelle Fragen rund um die Digitalisierung werden aufgegriffen. Wie erkennt man KI-generierte Bilder? Welche Verantwortung tragen Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Netzwerken? Und wie verändert Künstliche Intelligenz Kommunikation und Zusammenarbeit? Für Ciołek sind das Themen, die nicht einmalig behandelt werden können. „Sensibilisierung ist ein fortlaufender Prozess. Geleichzeitig geht es darum, die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln, um digitale Entwicklungen und auch die Kommunikation in diesen digitalen Räumen einordnen, kritisch hinterfragen und verantwortungsvoll mit ihnen umgehen zu können. Berufsschulen und Betriebe sind gleichermaßen gefordert, diese Entwicklungen zu begleiten und ihnen entsprechende Erfahrungs- und Lernräume zu bieten.“
Die Resonanz auf das Format zeigt, wie groß das Interesse ist. Das Planspiel ist regelmäßig schnell ausgebucht.
Demokratie beginnt nicht erst bei Wahlen.
Sebastian Ciołek
„Sie zeigt sich überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, miteinander diskutieren und gemeinsam Lösungen entwickeln. Genau das erleben die Auszubildenden in diesem Planspiel.“
Am Ende geht es daher um weit mehr als die Vermittlung politischen Wissens. Demokratiebildung bedeutet, demokratische Werte und Prinzipien in Bezug zur eigenen Lebens- und Arbeitswelt zu setzen, sie zu hinterfragen und im gemeinsamen Handeln erfahrbar zu machen. Es geht um die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten, eigene Interessen einzubringen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, Konflikte konstruktiv zu lösen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Kompetenzen, die nicht nur für eine lebendige Demokratie unverzichtbar sind, sondern auch für die Arbeitswelt von morgen.