Wirtschaftsspiegel
Nr. 7036602
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Reckmann
Unternehmerinnen. Perspektiven.

„Trau dir etwas zu und sei ehrlich in dem, was du tust“

Alice Reckmann hat ihren ersten Arbeitstag im Keller verbracht – in der Küche des Seniorenheimbetriebs ihrer Eltern. Was folgte, war kein klassischer Karriereweg, sondern ein jahrelanges Sich-Beweisen gegen Vorurteile, gegen Bürokratie, gegen die eigene Familiengeschichte. Heute führt sie mit der Pro Sen GmbH ihr eigenes Unternehmen in Bottrop. Im Interview mit ihr geht es um die Grenzen von Dienstleistung und warum man Unternehmertum nur lernt, wenn man es tut.
Wirtschaftsspiegel: Was war der Wendepunkt Ihrer beruflichen Laufbahn – und was haben Sie daraus gemacht?
Alice Reckmann: Ich habe in der Küche des Seniorenheims meiner Eltern angefangen, buchstäblich im Keller. Das war mein Einstieg. Ich hatte nach dem Studium ein DIHK-Trainee-Programm absolviert und hätte mir gut vorstellen können, in diesem Umfeld weiterzumachen. Als Einzelkind habe ich mich dann aber entschieden, mir den Betrieb meiner Eltern anzusehen – und bin ganz unten eingestiegen. Was viele nicht wissen: Als Tochter kommt man mit Vorurteilen rein. Man denkt, das ist einfach. Ist es nicht. Meine Eltern sind beide starke Persönlichkeiten, gegen die man sich erst mal behaupten muss. Und gleichzeitig denken die Mitarbeitenden: Kann die das überhaupt? Das hat mich angetrieben, nicht gebremst. Ich habe meine Weiterbildung zur Einrichtungsleitung gemacht, die pflegerelevanten Kurse mitgenommen und irgendwann konnte ich einen Dekubitus klassifizieren. Ab dem Moment wusste das Team: Sie kann das. So erarbeitet man sich Respekt. Nicht durch den Nachnamen, sondern durch die Sache selbst. 2021 habe ich dann mit Pro Sen mein eigenes Unternehmen gegründet, weil es mir wichtig war, etwas aufzubauen, das klar meins ist. Heute verwalten wir Wohn- und Gewerbeimmobilien und bieten Dienstleistungen rund um das Thema Service-Wohnen an.
Wirtschaftsspiegel: Welche Entscheidung war besonders mutig – und warum war sie notwendig?
Reckmann: Bei mir gibt es nicht die eine mutige Entscheidung. Für mich war entscheidend, mir Dinge zuzutrauen. Nur so wächst man in neue Aufgaben hinein. Ich habe früh gelernt: Wer bereit ist, sich tief einzuarbeiten, kann viel schaffen. Gerade die Seniorenpflege ist kein leichter Bereich, fachlich nicht, bürokratisch nicht und in der öffentlichen Wahrnehmung schon gar nicht. Ich sage oft: Ein Seniorenheim zu leiten, ist so, wie ein Atomkraftwerk zu führen. Man muss sich in unzählige Themen hineindenken. Ich bin solche Aufgaben trotzdem immer mit dem Gedanken angegangen: Das schaffst du. Genau das war notwendig. Nicht zurückzuschrecken, sondern hineinzugehen.
Wirtschaftsspiegel: Wovon waren Sie mal überzeugt und denken heute anders?
Reckmann: Da gibt es eigentlich zwei Dinge. Das erste betrifft Frauen in Führung. Ich bin lange mit dem Bild herangegangen, dass es keine Geschlechterunterschiede gibt – beruflich, im Alltag. Das habe ich wirklich geglaubt. Aber ich musste feststellen: Es gibt sie. Und zwar vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung. Frauen wird grundsätzlich weniger zugetraut. Man wird nicht für wichtig empfunden, die Kompetenz wird infrage gestellt. Was mich dabei besonders enttäuscht hat: Das war eine Erfahrung, die ich nicht nur durch Männer gemacht habe, auch durch Frauen. Und das ist bis heute nicht vorbei. Auch jetzt muss ich mich noch beweisen.
Das Zweite ist die Dienstleistung. Ich bin mit der festen Überzeugung gestartet, dass man Menschen grundsätzlich zufriedenstellen kann, zum Beispiel mit guten Angeboten, echtem Einsatz, Kümmern. Das stimmt nicht. Man kann in der Dienstleistungsbranche sehr, sehr viel richtig machen und es reicht trotzdem nicht. Manche Menschen sind schlicht nicht zufriedenzustellen. Das klingt vielleicht ernüchternd. Aber es ist eine Erfahrung, die ich nach vielen Jahren klar vertrete. Das hat mich auch ein Stück weit befreit. Ich habe aufgehört, jeden Fehler bei mir selbst zu suchen.
Wirtschaftsspiegel: Was hat Sie beruflich am meisten geprägt – obwohl es nicht zur Karriereplanung gehörte?
Reckmann: Ganz klar: die Jahre in den Senioreneinrichtungen. Diese Zeit hat mich persönlich und beruflich am stärksten geprägt. Die Verantwortung ist groß, die Regulierung enorm, die öffentliche Beobachtung ständig da. Wer das einmal gemanagt hat, traut sich danach sehr viel zu. Ich habe gelernt, unter Druck zu führen, Entscheidungen zu treffen und mich schnell in komplexe Zusammenhänge einzuarbeiten. Diese Jahre haben mich widerstandsfähig gemacht.
Wirtschaftsspiegel: Was können andere von Ihnen lernen, das in keinem Business-Ratgeber steht?
Reckmann: Trau dir etwas zu und sei ehrlich in dem, was du tust. Das ist für mich bis heute der entscheidende Satz. Man lernt Führung, indem man Verantwortung übernimmt, Fehler aushält, weitermacht und dabei ehrlich zu sich selbst ist. Führung lernt man nicht aus Büchern.
Wirtschaftsspiegel: Gibt es eine Regel in Ihrer Führungsarbeit, von der Sie nie abweichen?
Reckmann: Ich bin authentisch, geradlinig, gerecht. Mir ist wichtig, Kunden wie Mitarbeitende fair zu behandeln. Es darf keine Lieblingskunden und keine Lieblinge im Team geben. Menschen merken sehr schnell, ob jemand gerecht führt oder nicht. Außerdem achte ich sehr genau darauf, wer in ein Team passt. Ich teile nicht die Behauptung, Frauen könnten nicht gut zusammenarbeiten. Nicht das Geschlecht entscheidet, sondern der Mensch. Wenn die Haltung stimmt, funktioniert Zusammenarbeit.