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„Vertrauen ist mir lieber als Kontrolle“
Die WEICON-Geschäftsführerin plante ihre Karriere nicht am Reißbrett. Sie übernahm Verantwortung, als sich Chancen boten. Im Interview mit Ann-Katrin Weidling geht es um mutige Entscheidungen, Führung auf Augenhöhe und die Frage, warum Vertrauen manchmal wichtiger ist als Kontrolle.
Wirtschaftsspiegel: Was war der Wendepunkt Ihrer beruflichen Laufbahn – und was haben Sie daraus gemacht?
Ann-Katrin Weidling: Einen einzelnen Wendepunkt in meiner beruflichen Laufbahn gab es nicht. Ich habe nie in festen Fünf- oder Zehnjahresplänen gedacht. Nach meinem Studium bin ich relativ schnell bei WEICON eingestiegen und vieles hat sich dann Schritt für Schritt entwickelt. Die Idee, das Unternehmen eines Tages zu übernehmen und zu führen, konnte ich mir allerdings schon immer gut vorstellen. Statt einer klar vorgezeichneten Karriereplanung habe ich Chancen ergriffen, Verantwortung übernommen und mich mit den Aufgaben weiterentwickelt. Rückblickend war es genau dieser Weg, der zu mir passt.
Ann-Katrin Weidling ist Mitgesellschafterin der WEICON Gruppe aus Münster.
Wirtschaftsspiegel: Welche Entscheidung war besonders mutig – und warum war sie notwendig?
Weidling: Eine mutige Entscheidung war sicherlich, die Geschäftsführung zu übernehmen. Damals habe ich „Ja“ gesagt, obwohl ich noch wenig Erfahrung hatte und ehrlich gesagt gar nicht genau wusste, was diese Rolle in ihrer ganzen Tragweite bedeutet. Gleichzeitig war es eine große Chance, Verantwortung zu übernehmen und das Unternehmen aktiv mitzugestalten. Eine weitere schwierige, aber notwendige Entscheidung war die Schließung unseres Standorts in Schwalmtal. Mir war bewusst, welche Auswirkungen das auf viele Arbeitsplätze haben würde. Solche Entscheidungen trifft man nicht leichtfertig. Wirtschaftlich war dieser Schritt jedoch notwendig, um das Unternehmen langfristig erfolgreich aufzustellen und damit insgesamt Arbeitsplätze zu sichern.
Wirtschaftsspiegel: Wovon waren Sie mal überzeugt und denken heute anders?
Weidling: Früher war ich überzeugt davon, dass möglichst viele Freiheiten für alle automatisch die beste Lösung sind. Heute sehe ich das differenzierter. Ich habe gelernt, dass Menschen sehr unterschiedlich arbeiten. Während manche viel Eigenverantwortung und Freiraum schätzen, brauchen andere klare Strukturen, Orientierung und konkrete Vorgaben, um ihr Potenzial entfalten zu können. Und manchmal auch ein bisschen Kontrolle. Grundsätzlich ist mir aber Vertrauen lieber als Kontrolle.
Ann-Katrin Weidling führt den Klebstoffspezialisten WEICON mit ihrem Vater, Ralph Weidling, Sascha Beilmann und Patrick Jennings (v.l.).
Wirtschaftsspiegel: Was hat Sie beruflich am meisten geprägt, obwohl es nicht zur Karriereplanung gehörte?
Weidling: Besonders geprägt haben mich meine Erfahrungen im Ausland. Ich durfte ein Jahr in Australien zur Schule gehen und später in Kapstadt studieren. Diese Erlebnisse hatten zwar keinen direkten Bezug zu meiner späteren Karriere, haben mich aber persönlich enorm weitergebracht. Sie haben mich offener und selbstständiger gemacht. Diese Erfahrungen begleiten mich bis heute – genauso wie meine Begeisterung fürs Reisen.
- Ann-Katrin Weidling
Name: Ann-Katrin WeidlingPosition: Mitgesellschafterin der WEICON GruppeUnternehmen: WEICON GmbH & Co. KG, MünsterGründungsjahr: 1947Mitarbeiter: ca. 400Branche: Chemische IndustrieWerdegang: Abitur, StudiumLieblingszitat: You don't learn to walk by following rules. You learn by doing and by falling over. (Richard Branson)
Wirtschaftsspiegel: Was können andere von Ihnen lernen, das in keinem Businessratgeber steht?
Weidling: Ich hinterfrage viele Dinge. Nur weil etwas früher funktioniert hat, bedeutet das nicht automatisch, dass es heute noch die beste Lösung ist. Ich halte wenig davon, an Strukturen oder Regeln festzuhalten, nur weil sie schon immer so waren. Wenn mir jemand sagt, wie etwas gemacht werden muss, hinterfrage ich zunächst, ob es dafür wirklich gute Gründe gibt. Das kennen meine Familie und Freunde nur zu gut. Gleichzeitig halte ich es für sehr wichtig, an sich selbst zu glauben und ein gesundes Selbstvertrauen zu entwickeln. Wer Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat, traut sich eher, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und auch mal neue Wege auszuprobieren.
Wirtschaftsspiegel: Gibt es eine Regel in Ihrer Führungsarbeit, von der Sie nie abweichen?
Weidling: Zwei Dinge sind mir besonders wichtig: Transparenz und der respektvolle Umgang auf Augenhöhe. Ich bin überzeugt, dass Vertrauen nur entsteht, wenn Menschen ehrlich informiert werden und sich ernst genommen fühlen. Deshalb versuche ich, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und offen zu kommunizieren. Außerdem habe ich eine ganz persönliche Regel: Bei wichtigen Entscheidungen schlafe ich mindestens eine Nacht darüber. Abstand zu gewinnen und Dinge noch einmal mit etwas Ruhe zu betrachten, hilft mir dabei, ausgewogene und nachhaltige Entscheidungen zu treffen.
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