3 min
Lesezeit
„Führung braucht Mut zur Unschärfe“
Alina Siemens ist Teil der Geschäftsführung der Brüggemann Holzbau GmbH in Neuenkirchen. Ihr beruflicher Weg führte sie vom Controlling über mehrere Führungsaufgaben bis in die Unternehmensverantwortung. Heute steht sie für einen klaren Ansatz: Verantwortung übernehmen statt auf den perfekten Moment zu warten. Im Interview spricht sie über Mut, Konflikte und darüber, wie Veränderung gelingen kann.
Wirtschaftsspiegel: Was war der Wendepunkt Ihrer beruflichen Laufbahn – und was haben Sie daraus gemacht?
Alina Siemens: Lange konnte ich mir nicht vorstellen, selbst zu führen. Es lag einfach außerhalb meiner Vorstellungskraft. Dann hatte ich einen Chef, der mir genau das zutraute. Dieses Vertrauen war der entscheidende Impuls. Ich nahm die Herausforderung an und merkte schnell, wie viel Freude mir Führung bereitet, wie gut mir diese Rolle liegt und wie sehr ich daran wachse. Seitdem begleitet mich ein Satz: Wachstum beginnt außerhalb der Komfortzone.
Alina Siemens weiß: Führung heißt entscheiden, auch wenn nicht alles feststeht.
Wirtschaftsspiegel: Welche Entscheidung war besonders mutig – und warum war sie notwendig?
Siemens: Der Schritt in die Geschäftsführung, speziell in die technische Verantwortung, war mutig. In der Baubranche kenne ich kaum ein vergleichbares Beispiel. Doch der Schritt war notwendig, weil ich mehr wollte, als nur Probleme zu analysieren und Empfehlungen abzugeben. Ich wollte gestalten. Führung heißt für mich: Rahmen setzen, gute Fragen stellen, Menschen verbinden, entscheiden. Genau darin liegt meine Stärke.
Wirtschaftsspiegel: Wovon waren Sie mal überzeugt und denken heute anders?
Siemens: Im Controlling lernt man, Entscheidungen auf eine breite Datenbasis zu stellen. Früher hätte ich gesagt: Es fehlt noch eine Kennzahl, noch ein Vergleich, noch ein Blick aufs Vorjahr. Heute sehe ich das anders. Die perfekte Entscheidung gibt es nicht, und oft ist eine späte Entscheidung die schlechtere. Lieber entscheide ich und justiere später nach. Führung braucht Mut zur Unschärfe.
Wirtschaftsspiegel: Was hat Sie beruflich am meisten geprägt – obwohl es nicht zur Karriereplanung gehörte?
Siemens: Ich war lange auf Fachlichkeit fokussiert und überzeugt, dass Expertise die wichtigste Grundlage ist. Das stimmt, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Die eigentlichen Herausforderungen entstehen oft an den Schnittstellen: zwischen Bereichen, Hierarchien, Strategie und Operative. Dort geht es selten nur um Sachfragen, sondern um Unsicherheit, Reibung, manchmal auch Widerstand. Ich habe gelernt, solche Situationen nicht vorschnell persönlich zu nehmen. Häufig steckt dahinter keine Ablehnung, sondern Verunsicherung. Wer das erkennt, kann Menschen besser mitnehmen.
- Alina Siemens
Mitarbeiter: rund 180Gründungsjahr: 1957Branche: Holzbau und HolzmodulbauWerdegang: Studium der Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Jura; Einstieg nach dem Bachelor bei der Köster GmbH; später berufsbegleitend später berufsbegleitend M.Sc. in Finance & Accounting sowie Masterstudium Baurecht, Begleitung des M&A- und Integrationsprozesses (des Fusions- und Übernahmeprozesses - Anmerkung der Redaktion) der Brüggemann Holzbau GmbH; heute Teil der GeschäftsführungLieblingszitat: „Wachstum liegt außerhalb der Komfortzone.“
Wirtschaftsspiegel: Was können andere von Ihnen lernen, das in keinem Businessratgeber steht?
Siemens: Klarheit. Das klingt schlicht, ist im Alltag aber oft entscheidend. Was machen wir? Warum machen wir es? Und in welche Richtung gehen wir? Gerade in komplexen Situationen hilft das enorm. Klarheit nimmt Druck heraus und gibt Orientierung.
Wirtschaftsspiegel: Gibt es eine Regel in Ihrer Führungsarbeit, von der Sie nie abweichen?
Siemens: Ich will Menschen mitnehmen. Natürlich muss ich Entscheidungen treffen. Das gehört zur Führungsrolle. Aber Entscheidungen tragen nur dann, wenn andere sie auch mittragen können. Deshalb beziehe ich bewusst unterschiedliche Perspektiven ein. Gerade in Themen, die für mich neu sind, suche ich nicht nur die große Runde, sondern gezielt das direkte Gespräch – in der Produktion, auf der Baustelle, im Vier-Augen-Gespräch. Dort höre ich oft mehr als in jeder Besprechung. Diese Gespräche sind für mich kein Zusatz, sondern Teil guter Führung.
Kontakt
Redaktion Wirtschaftsspiegel
