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„Man muss nicht immer bereit sein, um bereit zu werden“
Als Pia Berghaus 2016 zu Möller Chemie nach Steinfurt kam, ging es nicht nur um eine neue Aufgabe. Es ging auch um Verantwortung im Familienunternehmen. Heute führt sie den Chemiedistributor in vierter Generation mit. Im Interview mit ihr geht es um Nachfolge und darum, warum Unternehmertum und Familie kein Entweder-oder sein dürfen.
Wirtschaftsspiegel: Was war der Wendepunkt Ihrer beruflichen Laufbahn. Und was haben Sie daraus gemacht?
Pia Berghaus: Der entscheidende Wendepunkt war die Zeit, in der ich erkannt habe, dass fachliche Expertise allein nicht ausreicht, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Mit der Übernahme von mehr Verantwortung wurde mir klar, dass Erfolg vor allem davon abhängt, Menschen mitzunehmen, Orientierung zu geben und Entscheidungen zu treffen. Diese Erkenntnis hat meinen Führungsstil geprägt. Heute heißt es, weniger selbst machen, mehr ermöglichen. Führung bedeutet für mich, Menschen zu befähigen, ihre Stärken einzubringen und ihr Potenzial zu entfalten. Mein Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeitende an sich glauben, ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und Verantwortung übernehmen. Seitdem investiere ich bewusst in die Entwicklung von Teams und Strukturen statt nur in die Lösung einzelner Aufgaben.
Pia Berghaus ist CEO und Nachfolgerin bei Möller Chemie in Steinfurt. Für sie heißt Führung: Verantwortung teilen, Menschen stärken und auch schwierige Themen klar ansprechen.
Wirtschaftsspiegel: Welche Entscheidung war besonders mutig. Und warum war sie notwendig?
Berghaus: Eine der mutigsten Entscheidungen der letzten Zeit war für mich, mich nicht zwischen Unternehmertum und Familie entscheiden zu wollen. Gerade in verantwortungsvollen Positionen wartet man oft auf den „richtigen“ Zeitpunkt für eine Familiengründung. Meine Erfahrung ist allerdings, dass es den perfekten Moment nicht gibt. Es gibt immer das nächste wichtige Projekt, die nächste Herausforderung oder die nächste Verantwortung.
Mir wurde bewusst, dass das Leben nicht darauf wartet, bis der Kalender plötzlich leer ist. Deshalb habe ich mich entschieden, sowohl Verantwortung im Familienunternehmen als auch für meine eigene Familie zu übernehmen. Diese Entscheidung entspricht meinen Werten. Sie hat mir noch einmal deutlich gemacht, dass gute Führung nicht bedeutet, alles selbst zu machen oder ständig verfügbar zu sein. Gute Führung bedeutet, Vertrauen zu schaffen, Verantwortung zu teilen und starke Teams aufzubauen.
Familie und Unternehmertum schließen sich nicht aus, das darf es auch nicht. Als Unternehmen haben wir die Aufgabe, Kollegen nicht vor diese Entscheidung zu stellen, sondern ihnen beides zu ermöglichen. Flexible Strukturen und eine Kultur des Vertrauens sollen unsere Kollegen in unterschiedlichen Lebensphasen stärken, unabhängig davon, ob sie Kinder haben oder nicht. Sie schaffen Freiräume, fördern Eigenverantwortung und tragen dazu bei, Mitarbeitende langfristig an ein Unternehmen zu binden, denn wer Beruf und Privatleben gut miteinander vereinbaren kann, ist nicht nur zufriedener, sondern oft auch motivierter, engagierter und erfolgreicher.
- Pia Berghaus
Position: GeschäftsführerinUnternehmen: Möller Chemie GmbH & Co. KG, SteinfurtGründungsjahr: 1920Mitarbeiter: über 130Branche: ChemiedistributionWerdegang: CBS (Cologne Business School) 2010 - 2013: B.A. International Business, Double Degree 2013 - 2015 ISM (International School of Management): M.A. Strategic Marketing Management , Edinburgh Napier University: M.Sc. Management2015-2016: CG Chemikalien GmbH & Co. KG (Trainee),Seit 2016 Möller Chemie GmbH & Co. KG: 2022 Prokura, 2026 CEOLieblingszitat: „Wenn es regnet, sind die Schaukeln frei für mich.“
Wirtschaftsspiegel: Wovon waren Sie mal überzeugt und denken heute anders?
Berghaus: Früher dachte ich, gute Führung bedeutet, möglichst viele Antworten zu haben und für jedes Problem eine Lösung zu finden. Heute weiß ich, dass Führung etwas anderes ist. Es geht nicht darum, immer die Klügste im Raum zu sein, sondern Menschen zuzuhören, Potenziale zu erkennen und den Raum zu schaffen, in dem sie wachsen können.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner beruflichen Entwicklung war, dass die besten Lösungen oft dann entstehen, wenn Menschen sich gesehen, ernst genommen und ermutigt fühlen, ihre Ideen einzubringen. Meine Aufgabe ist es nicht, jede Antwort zu liefern, sondern Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Antworten zu finden. Zu erleben, wie jemand über sich hinauswächst, Verantwortung übernimmt oder neues Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnt, gehört für mich zu den schönsten Aspekten von Führung. Für mich bedeutet gute Führung deshalb vor allem, Orientierung zu geben, Vertrauen zu schenken und gemeinsam mit anderen Lösungen zu entwickeln.
Führung bedeutet für Pia Berghaus, Menschen zu stärken, Verantwortung zu teilen und ein Umfeld zu schaffen, in dem Potenzial wachsen kann.
Wirtschaftsspiegel: Was hat Sie beruflich am meisten geprägt, obwohl es nicht zur Karriereplanung gehörte?
Berghaus: Eine wichtige Erfahrung für mich war die Erkenntnis, dass Menschen im beruflichen Umfeld selten gegeneinander handeln. Viel häufiger vertreten sie unterschiedliche Interessen, weil sie unterschiedliche Verantwortungen tragen. Was auf den ersten Blick wie ein Konflikt wirkt, ist oft einfach ein anderer Blickwinkel auf dieselbe Situation.
Deshalb sind Empathie und Perspektivwechsel für mich zu zentralen Führungsprinzipien geworden. Zu verstehen, was das Gegenüber bewegt, schafft Vertrauen und eröffnet neue Lösungswege. Gerade in anspruchsvollen Situationen habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, die eigene Perspektive klar zu vertreten und gleichzeitig offen für die Sichtweisen anderer zu bleiben, denn die besten Entscheidungen entstehen oft dann, wenn unterschiedliche Blickwinkel zusammenkommen.
Wirtschaftsspiegel: Was können andere von Ihnen lernen, das in keinem Businessratgeber steht?
Berghaus: Man muss nicht immer bereit sein, um bereit zu werden. Als Frau und werdende Mutter habe ich gelernt, dass Wachstum oft dort beginnt, wo die Komfortzone endet. Mut bedeutet nicht, keine Zweifel zu haben, sondern trotz dieser Zweifel den eigenen Weg zu gehen und an sich selbst zu glauben.
Eine weitere Erkenntnis, die mich geprägt hat, ist, dass Menschen oft erst dann über sich hinauswachsen, wenn ihnen jemand etwas zutraut. Nicht jeder braucht einen Ratschlag oder eine fertige Lösung. Manchmal braucht es einfach eine Person, die an einen glaubt, Potenziale erkennt und den Mut macht, den nächsten Schritt zu gehen. Deshalb versuche ich in meiner Rolle als Führungskraft, Menschen zu stärken und zu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen, denn oft erreichen wir Dinge nicht erst dann, wenn wir uns bereit fühlen, sondern wenn jemand uns das Vertrauen schenkt, es trotzdem zu versuchen.
Pia Berghaus Lieblingszitat lautet: „Wenn es regnet, sind die Schaukeln frei für mich.“
Wirtschaftsspiegel: Gibt es eine Regel in Ihrer Führungsarbeit, von der Sie nie abweichen?
Berghaus: Ich spreche Probleme direkt an – respektvoll, offen und klar. Aus meiner Erfahrung entstehen die größten Herausforderungen oft nicht durch Konflikte selbst, sondern durch Dinge, die unausgesprochen bleiben. Deshalb ist es mir wichtig, Themen frühzeitig anzusprechen und Transparenz zu schaffen. Gleichzeitig versuche ich, auch in schwierigen Gesprächen den Menschen hinter dem Thema nicht aus dem Blick zu verlieren. Wer sich verstanden und respektiert fühlt, ist eher bereit, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Für mich sind Klarheit und Empathie kein Widerspruch, ganz im Gegenteil, erst ihr Zusammenspiel schafft Vertrauen und ermöglicht echte Zusammenarbeit.
Für unser Team bin ich bereit, viel Zeit, Energie und Vertrauen zu investieren. Ist die Zusammenarbeit von einem echten Geben und Nehmen geprägt, entsteht etwas Besonderes und genau das macht für mich Entwicklung möglich und lässt mich mit großer Vorfreude auf die Zukunft blicken.
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