Konjunkturumfrage Baden-Württemberg Frühsommer 2026

Iran-Konflikt lässt kein Aufatmen zu

Den zaghaft optimistischen Aufschwung vom Jahresbeginn kann die Südwest-Wirtschaft nicht mitnehmen. Mit dem Iran-Konflikt droht der nächste langfristige konjunkturelle Schock, der auf ein Problem struktureller Schwäche trifft. Die Dauer und Folgen sind nur schwer abzuschätzen. Die Sperrung der Straße von Hormus hat große Auswirkungen auf den weltweiten Öl- und Gashandel, da die Straße für etwa ein Fünftel des globalen Öltransports genutzt wird. Gestörte Lieferketten sowie durch Verknappung stark ansteigende Energie- und Rohstoffpreise bergen große Risiken für die Unternehmen Baden-Württembergs. Auf der Nachfrageseite halten viele Privathaushalte ihr Geld beisammen. Stark gestiegene Preise an den Tankstellen etwa lassen verfügbare Haushaltseinkommen schrumpfen. Weitere Preisanstiege infolge dieser Kostensteigerung könnten noch folgen – beispielsweise in der Lebensmittelbranche.
Die Lage der baden-württembergischen Wirtschaft hat sich nur wenig verändert: Der Lageindikator steht bei 7 Punkten in etwa auf dem Niveau der Jahresbeginn-Umfrage (8 Punkte). Anders bei den Geschäftserwartungen: Sie verlieren knapp 9 Punkte und stehen jetzt bei minus 11 Punkten. Im Hintergrund steht der militärische Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Die Schließung der Straße von Hormus hat im März und April Energie verteuert und macht die Planung für Unternehmen schwieriger. Mehrere dieser Effekte schlagen sich vor allem in den Erwartungs- und Risikoindikatoren nieder, während die aktuelle Lage bislang nur geringfügig betroffen ist. Hinzu kommen Strukturthemen, die nicht erst seit dem Iran-Konflikt diskutiert werden – Energie- und Rohstoffpreise auf hohem Niveau, US-Zollbelastungen und eine überbordende Bürokratie. Für 2026 wurde die Wachstumsprognose Deutschlands auf 0,5 Prozent reduziert. Während der Rest der Welt wächst, stagniert die heimische Wirtschaft.
Die aktuelle Geschäftslage bewerten 28 Prozent der Unternehmen als gut, 21 Prozent als schlecht – beide Anteile haben sich gegenüber dem Jahresbeginn kaum verändert. Der Großteil meldet eine befriedigende Lage. Vorlaufende Indikatoren – Auftragseingang, Investitionsneigung, Beschäftigungsplanung – bleiben verhalten. Bei den Geschäftserwartungen rechnen 17 Prozent der Unternehmen mit einer besseren Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten, 28 Prozent gehen von einer Verschlechterung aus – ein Anstieg um sieben Prozentpunkte gegenüber dem Jahresbeginn.
IHK-Konjunkturumfrage für Baden-Württemberg: Diese Analyse basiert auf der Konjunkturumfrage zum Jahresbeginn 2026 der 12 IHKs in Baden-Württemberg, an der landesweit 3.565 Unternehmen zwischen dem 13. April und 04. Mai 2026 teilgenommen haben.
Bei den Investitionen bleibt die Zurückhaltung bestehen. Der Investitionsindikator notiert mit minus 8 Punkten auf dem Niveau des Jahresbeginns. Wesentliche Treiber der Investitionsentscheidungen bleiben der Ersatzbedarf, der von 65 Prozent der investierenden Unternehmen genannt wird, sowie die Digitalisierung mit 54 Prozent. Auf Produktinnovation und Rationalisierung entfallen jeweils 35 Prozent der Nennungen. Die Kapazitätserweiterung als Investitionsmotiv liegt mit 19 Prozent auf einem niedrigen Wert – ein Hinweis darauf, dass viele Unternehmen primär in den Erhalt der Substanz investieren. Expansion ist nur für wenige ein Thema. Fast 17 Prozent der Unternehmen tätigen überhaupt keine Investitionen. Oft fehlen Anreize, Nachfrage und finanzielle Mittel.
Auf dem Arbeitsmarkt zeichnet sich keine Entspannung ab. Die Beschäftigungserwartungen liegen mit minus 15 Punkten auf Vorumfrage-Niveau, 27 Prozent der Unternehmen erwarten einen Rückgang ihrer Beschäftigtenzahlen, 12 Prozent einen Aufbau. Die Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg lag im April 2026 bei 4,7 Prozent und damit über dem Vorjahreswert von 4,5 Prozent. Die übliche Frühjahrsbelebung ist im Wesentlichen ausgeblieben.

Hohe Energiepreise belasten viele Unternehmen

Die geopolitische Eskalation schlägt sich in den Risikoeinschätzungen nieder. Erstmals seit der akuten Phase der Energiekrise 2022/23 stehen die Energie- und Rohstoffpreise wieder weit oben in der Risikoliste: 60 Prozent der teilnehmenden Unternehmen sehen in den Energiepreisen eine Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten – ein Anstieg um 21 Prozentpunkte gegenüber dem Jahresbeginn. Die gestiegenen Energiepreise erhöhen branchenübergreifend die Kosten vieler baden-württembergischer Unternehmen. Bei langfristigen Aufträgen können Preisanpassungen oft nicht getätigt werden und verringerte Ertragslagen sind die Folge. Die schwache Inlandsnachfrage verbleibt mit 61 Prozent der Nennungen auf dem obersten Platz. Unternehmen und Haushalten gleichermaßen fehlt es an Rücklagen und verfügbarem Kapital, um große Investitionen oder Konsumausgaben zu tätigen. Die Arbeitskosten folgen mit 55 Prozent der Nennungen auf Rang drei. Hohe Lohnnebenkosten machen den Standort Deutschland unattraktiv. Die enorme Abgabenlast macht das Personal zu einem Kostentreiber. Auch hohe Rohstoffpreise gefährden rund 42 Prozent der Befragten; zum Jahresbeginn waren es noch 24 Prozent.
Auf Platz vier liegen die geopolitischen Spannungen, die mit 54 Prozent um rund 15 Prozentpunkte zulegen. Insbesondere in der exportorientierten Wirtschaft Baden-Württembergs schlagen sich internationale Konflikte schnell in der Risikoeinschätzung nieder. Disruptionen wie Zölle, Preisanstiege oder Lieferkettenstörungen belasten die strukturell angeschlagene Wirtschaft zusätzlich. Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen werden von 36 Prozent der Unternehmen als Risiko eingestuft. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer vermissen das versprochene Reformprogramm und den Bürokratieabbau. Der Fachkräftemangel wird von 34 Prozent genannt – vor drei Jahren waren es doppelt so viele Nennungen. Der Rückgang beim Fachkräftemangel ist dabei eher auf die konjunkturelle Lage und sinkenden Personalbedarf zurückzuführen als auf eine strukturelle Kehrtwende am Arbeitsmarkt.

Industrie mit Anzeichen einer Stabilisierung – Bau und Handel verlieren weiter an Boden

Der Branchenüberblick zeigt ein heterogenes Bild. Die Industrie verzeichnet nach zwei Schwächejahren erstmals wieder einen Lageindikator im positiven Bereich (1 Punkt nach minus 5 zum Jahresbeginn). Im Maschinenbau und in der Metallindustrie gewinnen die Lagebewertungen jeweils 12 bis 13 Punkte. Diese Bewegung ist allerdings fragil: Die Erwartungen sind in beiden Branchen im negativen Bereich, der Auftragseingang bleibt branchenübergreifend schwach.
Im Baugewerbe verliert der Lageindikator gute 12 Punkte und fällt auf 5 Punkte – die Branche, die zum Jahresbeginn noch Aufwind verspürte, gerät durch den Energiepreisschub bei Gütern wie Diesel und Bitumen im März unter erheblichen Druck. Nur noch jedes fünfte Unternehmen berichtet von einer guten Geschäftslage.
Im Groß- und Einzelhandel geben die Geschäftserwartungen infolge der Preisanstiege um 10 Punkte nach. Die Konsumlaune flaut immer weiter ab und Umsätze brechen weg. Mit minus 73 Punkten erreicht das Kaufverhalten der Kunden im Einzelhandel ein Allzeittief. Im Großhandel berichtet mehr als ein Drittel von zurückhaltenden Bestellungen. Die schwache Inlandsnachfrage, welche sinkenden Umsätze mit sich bringt, stellt für mehr als zwei Drittel der Großhändler ein Risiko dar.
Auch im Hotel- und Gastgewerbe bleibt die Lage angespannt; das Konsumklima hat sich weiter eingetrübt. Hier trifft das Problem fernbleibender Kunden auf das Problem steigender Fixkosten. Insbesondere der Umsatz durch Privatkunden nimmt nochmals stark ab. Haushalte reduzieren ihre verzichtbaren Ausgaben spürbar. Ein Drittel der Betriebe berichtet von einer schlechten Geschäftslage. Die gesenkte Mehrwertsteuer hilft nur bedingt.
Das Transport- und Verkehrsgewerbe hat stark mit den steigenden Kraftstoffpreisen zu kämpfen. Sie stellen einen Großteil der Kosten dar und lassen sich nur schwierig an den Kunden abwälzen. Daher benennen auch über 80 Prozent der Unternehmen die Energiepreise als Geschäftsrisiko. Die Ertragslage und Geschäftserwartungen fallen um 9 bzw. 13 Punkte. Dennoch kann die Geschäftslage sogar leicht auf 7 Punkte zulegen.
Die sonstigen Dienstleister geben in der Geschäftslage zwar leicht nach, stehen aber weiterhin im positiven Bereich. Während unternehmensbezogene Dienstleister auf einem Lageindikator von 25 Punkten nahezu unverändert gut dastehen, nimmt die gute Lage bei personenbezogenen Dienstleistern um 11 Punkte ab.