Konjunkturumfrage Baden-Württemberg Herbst 2026
Aufwind mit Schlagseite
Die Wirtschaft in Baden-Württemberg hat zwischen Frühsommer und Herbst gedreht. Für Baden-Württemberg wurde die BIP-Prognose auf 1,4 Prozent angehoben, nachdem im Juni noch mit Nullwachstum gerechnet worden war. Dieser Aufschwung zeigt sich auch in der aktuellen IHK-Umfrage.
Nach drei Jahren, in denen die Industrie das Land überdurchschnittlich nach unten gezogen hat, trägt sie nun die Erholung. Die Unternehmen bewerten ihre Lage etwas besser als im Frühsommer, und die Geschäftserwartungen liegen erstmals seit drei Jahren wieder im positiven Bereich. Die Wende ist allerdings klar zu verorten. Sie wird von einem guten Auslandsgeschäft und steigendem Staatskonsum getragen. Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben sorgen für Aufträge mit klarer Laufzeit. In der Breite der Wirtschaft kommt die Erholung noch nicht an. Die Investitionspläne verbessern sich nur moderat, die Beschäftigungspläne bleiben praktisch unverändert, und der private Konsum fehlt. Rückenwind kommt aus dem Europageschäft, und die Erwartungen für die USA steigen deutlich. Für Gegenwind sorgen vor allem die Standortfaktoren wie Energie- und Arbeitskosten, die einem anhaltenden Auftrieb im Wege stehen.
Die Unternehmen in Baden-Württemberg beurteilen ihre aktuelle Lage im Herbst etwas besser als im Frühsommer. Der Lageindikator steigt um 4 Punkte auf 11 Punkte und liegt damit auf dem höchsten Stand seit dem Frühsommer 2024. Gut 30 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Geschäftslage als gut, knapp 20 Prozent als schlecht. Im Vorjahresvergleich fällt die Verbesserung mit 9 Punkten spürbar aus. Die Ertragslage bleibt mit minus 1 Punkt auf dem Niveau der Vorumfrage.
Deutlich lebhafter als die Lage entwickeln sich die Erwartungen. Der Geschäftserwartungsindikator steigt um 12 Punkte auf plus 1 Punkt. Knapp 23 Prozent der Unternehmen rechnen mit besseren Geschäften in den kommenden zwölf Monaten, 21 Prozent mit schlechteren. Auch die Umsatzerwartungen legen von minus 5 auf plus 7 Punkte zu. Treiber dieser Entwicklung ist unter anderem die öffentliche Hand: Steigende Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung schaffen Nachfrage, während der private Sektor kaum zum Wachstum beigetragen hat. Die privaten Investitionen lagen im zweiten Quartal 2026 bundesweit noch deutlich unter dem Niveau von 2019, die öffentlichen deutlich darüber. Die Zugewinne beim Umsatz kommen auch aus dem Ausland, wo die Nachfrage deutlich besser aussieht als im Inland.
IHK-Konjunkturumfrage für Baden-Württemberg: Diese Analyse basiert auf der Konjunkturumfrage zum Herbst 2026 der 12 IHKs in Baden-Württemberg, an der landesweit 3.255 Unternehmen zwischen dem 14. September und 2. Oktober 2026 teilgenommen haben.
Investitionen und Beschäftigung folgen dem Aufschwung nicht
Dass ein langfristiger Aufschwung bislang kaum in den Betrieben selbst ankommt, zeigen die Investitionspläne. Der Investitionsindikator verbessert sich moderat von minus 8 auf minus 2 Punkte. Nur 25 Prozent der bereits investierenden Unternehmen wollen ihre Investitionen ausweiten, knapp 27 Prozent planen Kürzungen; 15 Prozent investieren gar nicht. An den Investitionsmotiven ändert sich wenig: Ersatzbedarf steht mit 64 Prozent der Nennungen weiterhin an erster Stelle, gefolgt von der Digitalisierung mit 56 Prozent. Lediglich jedes fünfte der investierenden Unternehmen nennt eine Kapazitätserweiterung als Motiv. Die Betriebe nehmen die zusätzlichen Aufträge an, ohne dafür ihre Kapazitäten auszubauen. Belastend wirkt dabei, dass die Europäische Zentralbank die Leitzinsen im September erneut angehoben hat; der Einlagesatz liegt nun bei 2,50 Prozent. Das verteuert Finanzierungen genau in der Phase, in der private Investitionen anspringen müssten. Während die Nachfrage nach Betriebsmittelkrediten zunimmt, stürzt sie bei Investitionskrediten ab.
Auf dem Arbeitsmarkt schlägt der ökonomische Aufschwung nicht durch und offenbart die Schlagseite der Erholung. Der Beschäftigungsindikator verharrt mit minus 13 Punkten auf dem Niveau der Vorumfrage. Nur 13 Prozent der Unternehmen planen, Personal aufzubauen, mehr als jedes vierte will Stellen abbauen. Der Abbau zieht sich durch alle Branchen. Am deutlichsten fällt er im Gastgewerbe und im Einzelhandel aus, gefolgt von Industrie, Großhandel und Bau. Selbst Verkehr und Dienstleister bleiben im negativen Bereich.
Hinter dem Abbau stehen zwei unterschiedliche Entwicklungen. In den konsumnahen Branchen treffen hohe Arbeits- und Energiekosten auf eine schwache Nachfrage, sodass Betriebe Personal nicht halten können. In der Industrie dagegen verbessern sich Lage und Erwartungen spürbar, und trotzdem plant fast jedes dritte Unternehmen weiteren Stellenabbau. Hier sind die Gründe strukturell. In Teilen des Fahrzeugbaus und bei Zulieferern sehen Unternehmen den Standort nicht mehr als wettbewerbsfähig an. Daher bauen sie auch bei stabilen Umsätzen Kapazitäten in Baden-Württemberg zurück. Ein Teil der Fertigungskapazität wandert ins Verteidigungsgeschäft, ersetzt den Automobilabsatz in der Fläche aber nicht. Inzwischen erreicht der Abbau auch Entwicklung und Software, was die unternehmensnahen IT-Dienstleister unmittelbar spüren.
Die amtlichen Zahlen bestätigen das Bild. Die Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg lag im September bei 4,7 Prozent und damit auf Vorjahresniveau, bei gut 306.000 Arbeitslosen, etwa 3.000 mehr als vor einem Jahr. Gleichzeitig geben 39 Prozent der befragten Unternehmen an, offene Stellen nicht besetzen zu können, weil sie keine passenden Fachkräfte finden. Das ist kein Widerspruch: Gesucht werden andere Profile als die, die freigesetzt werden. Ein selbsttragender Aufschwung, der über Investitionen auch den Arbeitsmarkt erfasst, ist damit noch nicht in Sicht.
Inlandsnachfrage, Energie und Arbeitskosten bleiben die größten Risiken
An der Spitze der Geschäftsrisiken hat sich wenig verändert. Die Inlandsnachfrage steht mit 59 Prozent der Nennungen weiterhin an erster Stelle. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Energiepreise mit 56 Prozent und die Arbeitskosten mit 55 Prozent – allesamt Standortfaktoren, die Investitionen unattraktiv machen. Eine baldige Entlastung der Energiekosten ist unwahrscheinlich: Hohe Ölpreise bleiben trotz Tankrabatt bestehen. Die europäischen Gaspreise sind zuletzt auch stark gestiegen, die Gasspeicher waren Ende September nur zu knapp 58 Prozent gefüllt, und die Energieteuerung nimmt bundesweit weiter zu. Weil Gas über längerfristige Verträge beschafft wird, ist davon auszugehen, dass die Belastung erst in der Heizperiode voll bei Betrieben und Haushalten ankommt.
Deutlich seltener als zuletzt werden die geopolitischen Spannungen genannt, sie betreffen dennoch beinahe die Hälfte der teilnehmenden Unternehmen. Mit 44 Prozent liegt der Indikator 10 Prozentpunkte unter dem Wert des Frühsommers. Auch Lieferkettenengpässe (17 Prozent, minus 5 Prozentpunkte) und Rohstoffpreise (38 Prozent, minus 4 Prozentpunkte) werden seltener als zuletzt genannt. Der verbesserte Welthandel lässt die auslandsorientierten Risikofaktoren abnehmen. Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (37 Prozent) und der Fachkräftemangel (36 Prozent) werden ähnlich häufig genannt wie in der Vorumfrage. Dass Fachkräftemangel und steigende Arbeitslosigkeit zusammenfallen, ist kein Widerspruch: Gesucht werden Spezialprofile, freigesetzt werden überwiegend andere Qualifikationen. Die Unternehmensfinanzierung bleibt mit 15 Prozent ein Randthema, obwohl die Unternehmensinsolvenzen im Land im ersten Halbjahr deutlich stärker gestiegen sind als im Bund. Das Wachstum kommt von Großaufträgen und großen Exporteuren, während kleinere Betriebe mit aufgezehrten Reserven an Kosten und Finanzierung scheitern.
Industrie profitiert – Bau und Handel verlieren weiter an Boden
Die Industrie verbessert ihren Lageindikator spürbar von 1 auf 9 Punkte und liegt damit 22 Punkte über dem Vorjahreswert. Am stärksten präsentiert sich die Elektrotechnik mit einem Anstieg auf 24 Punkte, getragen von Großaufträgen für Netz- und Kommunikationstechnik. In der Metallindustrie dreht die Lage um 12 Punkte ins Positive, im Maschinenbau klettern vor allem die Erwartungen von minus 1 auf plus 23 Punkte. Die Erholung bleibt dennoch schmal: Der Auftragseingang zieht nur moderat an, noch immer melden 28 Prozent der Unternehmen sinkende Inlandsaufträge, und fast jedes dritte Industrieunternehmen plant weiteren Stellenabbau.
Im Baugewerbe verharrt der Lageindikator bei 4 Punkten und liegt damit 9 Punkte unter dem Vorjahr. Nur gut jedes fünfte Unternehmen bewertet seine Lage als gut. Die Kostenrisiken treten zwar in den Hintergrund – Energie- und Rohstoffpreise werden jeweils rund 10 Prozentpunkte seltener genannt –, doch der Auftragseingang bleibt in allen Sparten tief im negativen Bereich. Das Infrastrukturgeld kommt im Tiefbau an, der Wohnungsbau erholt sich trotz kräftig steigender Baugenehmigungen nur langsam.
Im Groß- und Einzelhandel öffnet sich die Schere. Der Großhandel profitiert über die Industrie: Seine Lage nähert sich mit minus 2 Punkten der Nulllinie, die Erwartungen springen um 18 Punkte ins Positive, und der Bestelleingang erholt sich deutlich. Belastend wirkt die Wirtschaftspolitik, die inzwischen 45 Prozent der Großhändler als Risiko nennen. Der Einzelhandel bleibt dagegen mit minus 14 Punkten Schlusslicht. Der Konsum fehlt doppelt: Steigende Energiepreise treffen untere Einkommen, besser gestellte Haushalte sparen mehr. Zwei Drittel der Händler sehen in der schwachen Inlandsnachfrage ein Risiko.
Im Hotel- und Gastgewerbe hellt sich die Lage nach einer guten Sommersaison deutlich auf. Der Lageindikator steigt von minus 16 auf plus 4 Punkte und liegt auch klar über dem Vorjahr. Vor allem Privatgäste kehren zurück, während der Umsatz mit Geschäftskunden weiter nachgibt. Der Ausblick bleibt eingetrübt: Arbeits- und Energiekosten belasten jeweils mehr als vier von fünf Betrieben, und die Wirtschaftspolitik wird mit 42 Prozent deutlich häufiger als Risiko genannt – die gesenkte Mehrwertsteuer wirkt kaum noch entlastend.
Das Transport- und Verkehrsgewerbe erlebt eine merkliche Belebung. Der Lageindikator verdoppelt sich auf 15 Punkte, der Umsatz springt um 22 Punkte ins Positive, und auch die Ertragslage dreht ins Plus. Neben der anziehenden Industrie hat das Niedrigwasser im Sommer Transporte auf Straße und Schiene verlagert. Die Kosten bleiben aber hoch: 81 Prozent der Unternehmen nennen die Energiepreise als Risiko, und der Fachkräftemangel gewinnt mit 60 Prozent deutlich an Gewicht.
Die sonstigen Dienstleister halten ihre Lage mit 20 Punkten auf gutem Niveau und melden weiterhin die beste Lage aller Branchen. Finanzdienstleister sowie Architektur- und Ingenieurbüros stehen sehr gut da. Einen deutlichen Dämpfer erleben dagegen die ITK-Dienstleister: Ihr Lageindikator fällt um 13 Punkte, weil Industriekunden ihre Budgets für Entwicklung und Software kürzen.
