Wirtschaftsspiegel
Nr. 6991940
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Wir investieren

Trotz Flaute investieren

Wer jetzt investiert, ist gut aufgestellt, wenn die Wirtschaft wieder anzieht. Vier Experten über den Wirtschaftsstandort Deutschland und die möglichen Förderprogramme.
Soll ich’s wirklich machen, oder lass ich‘s lieber sein? Es liegt auf der Hand, dass Unternehmerinnen und Unternehmer dreimal überlegen, bevor sie in einer Wirtschaftsflaute die Segel für den Wachstumskurs hissen. „Je mehr Variablen nicht steuerbar sind, umso schwerer fällt die Entscheidung für eine Zukunftsinvestition“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen, Sven Wolf. Noch nie seien Niveau und Dynamik der Unsicherheiten so hoch gewesen, räumt er ein und nennt beispielhaft die US-amerikanische Zollpolitik sowie den sich hinziehenden Entscheidungsprozess zum Industriestrompreis. Entsprechend sei das Investitionsverhalten deutschlandweit vor allem im produzierenden Gewerbe und insbesondere in der energieintensiven Industrie von Zurückhaltung geprägt.

Fast nur Ersatzinvestitionen

Das zeigt auch die aktuelle IHK-Konjunkturumfrage in Nord-Westfalen: „Wir sehen vor allem Ersatzinvestitionen, etwa zum Erhalt des Maschinenparks“, berichtet der IHK-Experte für Unternehmensförderung. 66 Prozent der teilnehmenden Unternehmen melden Ersatzinvestitionen, während nur 28 Prozent in das Zukunftsthema Produktinnovation und nur 24 Prozent in Kapazitätsausweitung Geld stecken wollen. „Es wird in den Unternehmen weniger investiert als abgeschrieben, wir fahren also auf Verschleiß und verzehren Werte“, warnt Wolf. Das wiege umso schwerer, als die Investitionsbedarfe, sowohl in der Privatwirtschaft als auch im öffentlichen Sektor, beträchtlich sind.
Der Investitionsstau wächst seit drei Jahren kontinuierlich, bestätigt Volkswirt Dr. Fabian Schleithoff, der bei der IHK Nord Westfalen den Geschäftsbereich Regionalpolitik und Volkswirtschaft leitet. Ernüchternd seien auch weitere Ergebnisse der Befragung: Konjunkturentwicklung und Investitionsverhalten verlaufen synchron, noch zeigen die politischen Maßnahmen des vergangenen Jahres wenig Wirkung. Allein die Dienstleistungsunternehmen planen mehrheitlich höhere Investitionsausgaben. „Das Sorgenkind ist die Industrie, hier gehen die Unternehmen mit deutlicher Mehrheit davon aus, dass sie künftig weniger investieren“, berichtet Schleithoff. Branchenübergreifend will mehr als 70 Prozent des Mittelstandes – tragende Säule der Wirtschaftsregion – die Ausgaben nicht steigern. Große Unternehmen zeigen sich optimistischer: Rund 37 Prozent planen höhere Ausgaben. Schleithoff nennt eine Ursache: Weil einige im Ausland Produktionsstätten halten, setzt ihnen impulsive Zollpolitik weniger zu. Quer durch alle Branchen aber nennen die Firmen einen ganzen Kanon an Konjunkturrisiken, der das Investitionsgeschehen ausbremst: schwache Inlandsnachfrage, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Arbeitskosten, Fachkräftemangel, schwache Auslandsnachfrage in der Industrie sowie Energie- und Rohstoffpreise.

700 Förderanfragen

Und doch, berichtet Sven Wolf, werden gerade Zukunftspläne geschmiedet und umgesetzt. So haben im vergangenen Jahr rund 700 Unternehmen zu Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten bei der IHK Nord Westfalen angefragt. Häufig ging es um Investitionen in den Bereichen Digitalisierung, Forschung und Entwicklung sowie Nachhaltigkeit. Zudem habe die IHK 60 intensive Beratungsgespräche gemeinsam mit der NRW.BANK und Bürgschaftsbank NRW geführt, dabei auch einige zu großen Wachstumsprojekten. Auch die positive Nachfrageentwicklung im Fördermittelbereich stimme zuversichtlich. Ein Programm hebt er hervor: NRW.BANK.Invest Zukunft, das neben günstigen Darlehenszinsen auch Tilgungsnachlässe bis zu 20 Prozent gewährt. „Damit bietet die NRW.BANK den Unternehmen eine effektive finanzielle Unterstützung für die
Umsetzung notwendiger Zukunftsinvestitionen“, freut sich Wolf. Ein weiteres wirksames Förderinstrument sei das Regionale Wirtschaftsförderungsprogramm NRW (RWP), das Unternehmen mit besonderen Zuschüssen dabei hilft, Wachstumsinvestitionen in der Emscher-Lippe-Region zu stemmen. „In herausfordernden Zeiten sind Förderbanken besonders gefragt, denn wir können durch günstige Konditionen Investitionsanreize setzen – gerade in den Transformationsthemen“, sagt Gabriela Pantring, Vorstandsvorsitzende der NRW.BANK. Dabei wird der Hebel nicht nur am Zinssatz angesetzt. „Förderbanken können die finanziellen Risiken von transformativen Vorhaben senken, indem sie zum Beispiel auch längere Zinsbindungsfristen darstellen“, erläutert Pantring und ergänzt: „Somit können Unternehmen die Investitionen und den erforderlichen Kapitaldienst gut über die Gesamtlaufzeit kalkulieren.“ Gerade für die mittelständischen, häufig familiengeführten Unternehmen sei Planungssicherheit besonders wichtig, betont sie. Das Angebot „NRW. BANK.Invest Zukunft“ zeichnet sich zudem durch Vielseitigkeit aus: „Ob Investitionen in Innovation, Digitalisierung und Nachhaltigkeit – das Programm ist bewusst offen gestaltet“, sagt die Vorstandsvorsitzende. Förderfähig sei beispielsweise das Umstellen auf erneuerbare Energien, die Einführung von KI oder die Digitalisierung ganzer Geschäftsprozesse. Das Programm kommt sehr gut an: Von Mitte Mai bis Ende September 2025 sind bereits 353,4 Millionen Euro Förderung zugesagt worden. Insgesamt ist die Nachfrage nach Förderprogrammen der NRW.BANK 2025 in allen Förderfeldern „Wirtschaft, Infrastruktur, Wohnen“ überdurchschnittlich stark angestiegen. Deutlich zugenommen haben auch Beratungsanfragen. Erste Anzeichen einer Aufbruchstimmung also, trotz null Wachstum über Jahre hinweg?

Staat geht voran

Diese Entwicklung sei für sich genommen kein Anlass, alles nur noch schwarzzusehen, findet Dr. Manuel Rupprecht. Der Professor für Volkswirtschaftslehre und Dekan der Münster School of Business (FH) hält schon deshalb nichts davon, weil die Stärken des Standorts dann nicht mehr wahrgenommen werden. „Mich stört die Einseitigkeit in der Diskussion, es wird ja fast eine Untergangsdebatte geführt“, sagt Rupprecht und nennt beispielhaft drei Faktoren, die Deutschland aus seiner Sicht nach wie vor zu einem – auch im internationalen Vergleich – guten Pflaster für Zukunftsinvestitionen machen: das differenzierte soziale Sicherheitssystem, das bei aller Reformbedürftigkeit noch relativ stabil sei, das hohe Engagement der Unternehmen und des Staates im Bereich Forschung und Entwicklung sowie den Bildungssektor, der insbesondere im Hochschulbereich sehr gute Entwicklungsperspektiven biete. Dazu komme, dass der Staat seit zehn Jahren stetig mehr investiere. „Es ist viel liegengeblieben, aber es geht, bei aller Kritik, in die richtige Richtung“, sagt Rupprecht, der zugleich eine weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen fordert.

Zeit für Kapitalmarktunion

Exemplarisch greift er die Finanzierungsfrage auf. Sie bremse viele Innovationstreiber aus, die am „Tropf“ der inländischen, stark regulierten Banken hingen. „Ohne Assets wird es schwierig“, sagt Rupprecht. Also werde es höchste Zeit, die Kapitalmarktunion umzusetzen, denn überall in Europa suche Kapital nach einer rentablen Investition. „Vor allem aber brauchen wir einen verlässlichen Ordnungsrahmen, den haben wir gerade nicht“, mahnt Rupprecht und verweist auf das Aus vom Verbrenner-Aus als jüngstes Beispiel für den Verlust von Planungssicherheit. Doch sollten Firmen nicht nur auf die Wirtschaftspolitik blicken, sondern auch auf das eigene Entwicklungspotenzial, betont Sven Wolf. „Der Investitionsbedarf ist da, die Förderangebote sind da, jetzt müssen die Unternehmen nur noch die Chance ergreifen“, lädt er zu einem Beratungsgespräch ein. Schließlich seien Phasen von Stagnation auch immer Zeiten, in denen durch Investitionen Marktanteile verschoben werden.